Kompezenztreffen und elektro:mobilia

Über 600 Kongressteilnehmer und Fachbesucher waren nach Angaben des ZVEI auf dem 3. Kompetenztreffen Elektromobilität und der angegliederten Ausstellung in Köln vertreten. Auf dem Kongress forderten diverse Redner eine noch stärke politische Unterstützuung der E-Mobilität.

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Köln Messe

Gleich zu Beginn seiner Begrüßung brachte Friedhelm Loh, Präsident des ZVEI und Vorstandsvorsitzender der Friedhelm Loh Group, die Bedeutung der Elektromobilität auf den Punkt: „Ich glaube, dass Deutschland eine Chance hat, international ganz vorne mitzuspielen, aber dafür müssen wir einiges tun.“ Dabei gelte es, an mehreren Baustellen gleichzeitig zu arbeiten: „Nicht nur bei der Elektromobilität, sondern auch beim Thema Stromnetze tickt die Uhr“ – und mit „Stromnetze“ meint er Smart-Grids.

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Köln Messe

„Wir wollen erstens, dass Deutschland zum Leitanbieter und zum Leitmarkt für Elektromobilität wird“, konstatiert Loh, um dann gleich zu ergänzen: „Wir wollen uns als zweites in engem Schulterschluss mit den anderen beteiligten Branchen dafür engagieren, dass nicht nur die Technologie aus Deutschland kommt, sondern die gesamte Wertschöpfung – und ich glaube, das sind wir unserem Land schuldig. Damit meine ich die technologischen Bereitstellungen durch unsere Entwicklungskompetenz und die Produktion der Fahrzeuge von der Karosserie über die Antriebe, deren Steuerung bis hin zu deren Herz, der Batterie.“ Einige Aspekte seiner Rede hat er in unserem ZVEI-Standpunkt auf Seite 6 zusammengefasst.

Danach forderte Dr. Martin Stark, Vorsitzender des ZVEI-Kompetenzzentrums Elektromobilität und Mitglied der Unternehmensleitung der Freudenberg & Co. KG die Teilnehmer der Kongressmesse auf, den Probefahr-Parcours in der Nachbarhalle zu nutzen, um „19 verschiedene Elektrofahrzeuge zu erfahren“ – vom Segway bis zum 2,8-Tonner. Er ergänzte sogleich: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Technik – und das gilt insbesondere für das Elektrofahrzeug – Spaß machen muss. … Wenn es uns gelingt, Fahrzeuge zu designen, die einen hohen Fahrspaß mit sich bringen, dann bin ich fest davon überzeugt, dass auch wir hier in Deutschland einen führenden Leitmarkt für diese neue Technologie werden können.“

Prof. Dr. Henning Kagermann, Vorsitzender der Nationalen Plattform Elektromobilität stellte in seinem Vortrag zum Thema „Zukunftsperspektiven der Elektromobilität in Deutschland“ eine deutliche Forderung in den Raum: „Wir sind in manchen Dingen früh dabei und machen auch das richtige, geben dann nur nicht rechtzeitig Gas, wenn es nötig ist. Das darf uns bei der Elektromobilität nicht passieren.“

Damit waren die Rahmenbedingungen abgesteckt und es wurde Zeit für die stärker technisch orientierten Vorträge, von denen wir einen in Auszügen vorstellen.

Herausforderungen: Nicht nur die Batterie

Prof. Dr. Burkhard Göschel, CTO von Magna International, hält einen Kraftakt für notwendig, denn „die elektrische Speichertechnologie für Fahrzeuge ist keine reife Technologie“. Nach seiner Einschätzung wird es nicht ausreichen, in Deutschland Batteriefabriken zu bauen und letzten Endes die Prozesstechnologien zu beherrschen. „Wenn wir ein Standort werden wollen, der an der Spitze steht, müssen wir einen Leapfrog machen und über die heutige Technologie hinüberspringen. Man muss die Chance wahrnehmen, einen Umbruch nach vorne zu machen und nicht immer hinterher zu fahren.“

Prof. Dr. Burkhard Göschel (Magna): „Es entsteht eine völlig neue Struktur im Automobilen Geschäft. … Die Elektrifizierung wird die automobile Welt und ihre Umgebung erheblich verändern.“

Prof. Dr. Burkhard Göschel (Magna): „Es entsteht eine völlig neue Struktur im Automobilen Geschäft. … Die Elektrifizierung wird die automobile Welt und ihre Umgebung erheblich verändern.“Alfred Vollmer

Prof. Göschel stellt fest: „Die Elektromobilität ist gekennzeichnet durch ein völlig neues Konzept der Zusammenarbeit unterschiedlicher Interessenten.“ Nicht nur die Automobilhersteller, sondern auch Energiedienstleister, Ladestationen, Batterieproduzenten etc. spielten eine wesentliche Rolle. „Es wird ein ganzer Teil des Automobils in eine äußere Welt rücken – und diese verschiedenen Layer werden miteinander vernetzt.“ Diese Vernetzung müsse durch Software-Lösungen dargestellt werden, und dafür sei ein hoher Bedarf an Embedded-Software notwendig. Weder die Automobilindustrie noch die Zuliefererindustrie seien darauf vorbereitet, das Thema Embedded Software werde „dramatisch unterschätzt“. Auch bei den Elektromotoren müsse einiges getan werden, denn „für die Anwendungen im Automobil sind wir nicht gut aufgestellt“.

CO2-Senkung

Darüber hinaus spiele die Leichtbauweise mit neuen Materialien eine wesentliche Rolle. „Der Weg in neue Materialien muss auch unter der CO2-Bilanz gesehen werden – und zwar auch bei der Herstellung“, gibt Dr. Göschel zu bedenken. Als Beispiel führt er die kohlenstoff-intensive Herstellung von Karbonfasern an, die zudem noch „nicht ganz einfach“ zu recyclen seien. Zwar sei die Optimierung und Elektrifizierung der Nebenaggregate sowie die Optimierung der Fahrwiderstände zweifellos wichtig, aber in punkto Effizienz „heute noch in hohem Maße unterschätzt“ würden Verkehrsleitsysteme und Fahrerassistenzsysteme. „Die Connectivity nach außen leistet einen ganz wesentlichen Beitrag zur Verbrauchssenkung.“

Neue Geschäftsmodelle

Dr. Göschel erläuterte aber auch, wie „es gelingen kann, die Total Cost of Ownership eines Elektrofahrzeugs in den Bereich eines normalen Automobils zu bringen“, aber dieser Aspekt hänge stark vom Einstiegspreis und damit von der Volumensituation ab – gerade auf der Komponentenebene. „Die klassische Wertschöpfungstiefe der OEMs wird dramatisch sinken“, prophezeit Dr. Göschel. „Die Automobilhersteller werden vermutlich auf Dauer nicht selbst die Elektromotoren, … die Batterien … und die Inverter herstellen.“ Andererseits werde „das Thema Dienstleistung ums Auto stark ansteigen“, so dass „die Wertschöpfungskette nicht mehr tief sondern eher flacher wird“.

Als „interessante Inspiration für die Automobilindustrie“ sieht er das Geschäftsmodell der Firma Apple, die selbst keine Hardware herstellt. Da ein Hersteller sich bei einem EV nicht über den Motor, den Inverter oder die Batterie differenzieren könne, beginne das gesamte Geschäfts- und Markenthema zu wanken, so dass die OEMs ihr Geschäftsgebaren ändern müssten. „Diese Themen haben einen immensen Einfluss auf die gesamte Automobilindustrie“, ist Dr. Göschel sich sicher. Als Beispiel für einen veränderten Ansatz führt er die Marke Mini an, bei der der Motor nicht markenprägend sei, sondern vielmehr die Community und die Personalisierung.

Dr. Göschel kommt zu folgendem Fazit: „Wenn … wir den ganzen Antrieb in die Räder verlegen, löst sich die Systemarchitektur Fahrzeug völlig auf: ich kann das Auto völlig frei gestalten, wie ich will. … Es entsteht eine völlig neue Struktur im Automobilen Geschäft. … Die Elektrifizierung wird die automobile Welt und ihre Umgebung erheblich verändern.“