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Dieses Ausstellungsstück der Messe Elektro:mobilia zeigt, welche Eleganz die Elektrofahrzeuge vor über hundert Jahren aufwiesen.
Podiumsdiskussion (v.l.n.r.): Dr. Klaus Mittelbach und Peter Gresch vom ZVEI; Dr. Ulrich Eichhorn vom VDA; Dr. Dirk Neumeister von Behr und Erno Fuchs von Opel.

Bequem im Bugatti durch den Vortragssaal zum Podium, vorbei an den Zuhörern: Dass das möglich ist, ohne das Publikum einzuräuchern, bewies ZVEI-Vorstand Friedhelm Loh beim vierten Kompetenztreffen Elektromobilität in Köln. Der voll funktionstüchtige Bugatti stammte aus 1930 und wurde bereits im Pariser Salon ausgestellt. „Elektromobilität ist eigentlich nichts neues“, meint Loh, denn: Das kutschenähnliche Auto fährt nur mit Batterie und Elektromotor, hat drei Gänge (sowohl für die Vorwärts- als auch die Rückwärtsfahrt!) sowie eine gültige französische Straßenzulassung.

Friedhelm Loh vom ZVEI überraschte die Besucher des Kompetenztreffens mit einem waschechten Bugatti: Das Modell von 1930 ist noch voll fahrtüchtig.

Friedhelm Loh vom ZVEI überraschte die Besucher des Kompetenztreffens mit einem waschechten Bugatti: Das Modell von 1930 ist noch voll fahrtüchtig.Achim Leitner

Auf der begleitenden Elektro:mobilia gab es sogar ein 30 Jahre älteres Elektrofahrzeug zu bewundern. Am Anfang der motorisierten Mobilität war unklar, ob sich Verbrennungsmotoren durchsetzen. Von der legendären Fahrt der Berta Benz anno 1888 bis zum ersten Ford Modell T vergingen immerhin 15 Jahre. „Der Blick in den Rückspiegel soll ein Mutmacher sein: Bleiben Sie Förderer der Elektromobilität!“ fordert Loh die Zuhörer auf. Verglichen mit den Anfängen der Verbrennungsmotoren seien die 2000 heute in Deutschland gemeldeten Elektrofahrzeuge gar kein so schlechter Wert. Damit sich das verbessert, stellt er drei Forderungen auf: Mehr staatliche F&E-Förderung, nicht-monetäre Förderung der Käufer sowie höhere Rohstoff-Sicherheit – vor allem bei Seltenen Erden.

Weitere Hürden einer schnelleren Verbreitung kennt Loh aus eigener Erfahrung, wenn ihn bei -14 °C mit Heizung und Sitzheizung sein privates E-Fahrzeug nur noch 80 statt 200 km weit fährt. „Das ist keine gute Information für eine Reiseplanung“, bedauert er, und sieht die aktuelle Lage entspannt: „Die Realität holt uns ein Stück weit ein. Die Euphorie ist gewichen.“

Das schade aber nicht, so lange man das Ziel im Auge behalte. Dazu gehört das Gesamtsystem der Energiewende: Folgerichtig gehörten zum Vortragsprogramm auch Beiträge über Smart Grid, Normung der Infrastruktur, Berichte von Banken und Analysten sowie aus der Politik.

Schaufenster der Elektromobilität

Minister Voigtsberger hat einen Abschluss als Flugzeugbauingenieur und ist daher an technischen Hintergründen der Elektromobilität besonders interessiert.

Minister Voigtsberger hat einen Abschluss als Flugzeugbauingenieur und ist daher an technischen Hintergründen der Elektromobilität besonders interessiert.Achim Leitner

Derzeit läuft die Ausschreibung für die Schaufenster der Elektromobilität, die lokale Firmen und Auto-Konzerne gemeinsam nach funktionierenden Modellen suchen lassen. „Sogar an Stromtankstellen für Pedelecs in Nahverkehrszügen ist gedacht“, verrät der Minister für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Wesfalen, Harry K. Voigtsberger.

Er bezieht sich dabei auf die „Route der Elektromobilität“, die entlang der Linie der Regionalbahn RE1 stolze 50 Projekte mit 175 Partnern vereint. Voigtsberger konkretisiert mögliche nicht-monetäre E-Mobile-Förderungen: „Bevorzugtes Parken oder die Einfahrt in der Innenstadt“ und nennt ein typisches Kölner Vorzeigeobjekt: „Sogar einen elektrifizierten Karnevalszug hatten wir, ganz ohne Abgase!“

Auf der technischen Seite ist vieles noch offen. Dass sich das Gase-Unternehmen Linde für Wasserstoff als Energiespeicher einsetzt, ist kaum verwunderlich, dass der Konzern reelle Chancen für eine funktionierende H2-Infrastruktur in absehbarer Zukunft sieht, schon eher.

 Prof. Kohler setzt auf Brennstoffzellen- sowie auf Batterietechnik - und sieht darin keinen Widerspruch.

Prof. Kohler setzt auf Brennstoffzellen- sowie auf Batterietechnik – und sieht darin keinen Widerspruch.Achim Leitner

Linde weiß hier Daimler auf seiner Seite: Die Stuttgarter forschen schon lange am Wasserstoffantrieb, vorrangig mit Brennstoffzellen, setzen aber gleichzeitig auf Hybrid- und Batterie-Elektrische Fahrzeuge. Das sei kein Widerspruch, meint Prof. Dr. Herbert Kohler, Leiter E-Drive and Future Mobility bei der Daimler AG, der Konzern wolle sich alle Optionen offen halten. „Ein Blick auf das Periodensystem der Elemente verrät uns, dass wir mit existierender Batterietechnik keine enormen Steigerungen erwarten dürfen.“ Da die Forschung für Lithium-Schwefel- oder Lithium-Luft-Akkus noch am Anfang steht, seien deutliche höhere Energiedichten erst in 20 Jahren zu erwarten. Hingegen habe die Brennstoffzelle mit Wasserstoff längst ihre Praxistauglichkeit bewiesen.

Messe und Kongress

Über 800 Experten und Entscheider aus der Automobil-, Energie- sowie Elektro- und Elektronikindustrie diskutierten auf dem 4. Kompetenztreffen Elektromobilität des ZVEI über aktuelle und notwendige Maßnahmen, um die Elektromobilität weiter zu entwickeln. Parallel zum Kompetenztreffen präsentierten 40 Unternehmen im Rahmen der Fachausstellung Elektro:mobilia ihre Produkte, Lösungen und Neuentwicklungen im Bereich der Elektromobilität.

Wirtschaftlich rechnen

Dass sich eine stufenweise Umstellung auch rechnen kann, berechnet Dr. Jörg Zürn, Leiter Fahrzeugentwicklung bei Mercedes-Benz Trucks: In der Logistikbranche wird kalkuliert und nicht emotional entschieden. Die Kunden verrechnen hier Mehrkosten mit Verbrauchseinsparungen: Ein Hybridantrieb kann sich auch dann amortisieren, wenn er nur fünf Prozent Sprit einspart. Auf mögliche Einsparpotenziale im Fahrzeug ging dann Kurt Sievers, Geschäftsführung NXP Semiconductors Germany, weiter ein. Neben effizienter Leistungselektronik und Batterie-Management gehört unter anderem der kommende Teilnetzbetrieb dazu.

Zum Abschluss der zweitägigen Veranstaltung präsentierte Ian Riches, Director Global Automotive Practice bei Strategy Analytics, seine Markteinschätzung. Der Ampera bekam einen Seitenhieb ab: „Opel nimmt man es nicht ab, dass ein Auto 45.000 Euro kostet. BMW kann viel leichter zu Premium-Preisen verkaufen“. Er hofft, dass sich mit dem Einstieg der Premium-Anbieter das Verhältnis „Anzahl Ladestationen“ zu „Anzahl Elektrofahrzeuge“ wieder dreht: In UK gibt es derzeit wohl mehr Ladestationen als E-Autos. Bleibt zu hoffen, dass das nur eine Anekdote am Rande der elektromobilen Geschichte bleibt.