Herzliche Gratulation an das Elektronik-Journal und an alle, die daran mitgeholfen haben, dass dieses Fachmagazin nun schon fünf Jahrzehnte die Branche mit viel Kompetenz und hervorragendem Fachjournalismus bereichert. Ich durfte in den Jahren 2003 bis 2008 zunächst als Chef vom Dienst und ab Mitte 2006 als Chefredakteur für das Heft Verantwortung übernehmen und zwar von Wien aus. In dieser Ära erschien das Journal nämlich beim Österreichischen Wirtschaftsverlag ÖWV, der ebenso wie der Hüthig-Verlag ein Tochterunternehmen des SV-Konzerns ist, bei dem auch die Süddeutsche Zeitung erscheint.

D-A-CH-Konzept

Über ein Jahrzehnt lang erschien das Elektronik-Journal in drei Ausgaben für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Der Mittelteil aller drei Varianten war identisch, Umschlag und Mantelbogen aber länderspezifisch. Das Konzept führte auch der Hüthig-Verlag einige Jahre weiter, mit Redakteuren in Österreich und der Schweiz, bevor das Journal als Themenheft eine neue Ausrichtung erhielt.

Der ÖWV initiierte das neue D-A-CH-Konzept, also die flächendeckende Verbreitung des Mediums im gesamten deutschsprachigen Raum. Der Verlag hat dazu das österreichische Traditionsblatt Elektronik-Schau mit dem „bunten Hund“ Elektronik-Journal verheiratet und eine Schweizer Außenstelle gegründet. Eine gute, eine richtige Idee, wie uns auch Leser- und Anzeigenkunden bestätigten, denn schon damals war professionelle Elektronik nichts Regionales, nicht einmal auf der Anwenderseite. Bereiche wie Maschinenbau, Automobilindustrie, Medizintechnik und viele mehr haben sich in allen drei Bodensee-Anrainerstaaten prächtig entwickelt.

Sprachbarriere

Die Herausforderungen des D-A-CH-Konzepts lagen vorwiegend im sprachlich-kulturellen Bereich, oder, um den österreichischen Literaten Karl Kraus zu zitieren: „Was uns von den Deutschen trennt, ist die gemeinsame Sprache.“ Zwar kam uns entgegen, dass ein FPGA hier wie da ein FPGA und ein Relais ein Relais ist, dennoch steckte der Teufel in so manchem Detail, wie etwa der Zuordnung von männlichen oder weiblichen Artikeln bei Ziffern. Glücklicherweise haben wir kein Magazin über Küche und Kulinarik gemacht, denn das müsste man glatt an ein Übersetzungsbüro geben.

Die legendäre Drei-Länder-Weißwurstfrühstück-Redaktionskonferenz im Hause Robles-Consée in München (Dezember 2007). Von links nach rechts: Robert Unseld, Waltraud Müller und Stefanie Eckardt (Landsberg), Stephan Strzyzowski, Stefan Böck (Wien), Jürg Fehlbaum (Zürich), Rüdiger Hahn (Landsberg). Marisa Robles-Consée steht hinter der Kamera.

Die legendäre Drei-Länder-Weißwurstfrühstück-Redaktionskonferenz im Hause Robles-Consée in München (Dezember 2007). Von links nach rechts: Robert Unseld, Waltraud Müller und Stefanie Eckardt (Landsberg), Stephan Strzyzowski, Stefan Böck (Wien), Jürg Fehlbaum (Zürich), Rüdiger Hahn (Landsberg). Marisa Robles-Consée steht hinter der Kamera. Stefan Böck

Die kulturellen Unterschiede wurden auch entlang klassischer Vorurteile sichtbar, wenn etwa der Grafiker in Wien fortwährende Perfektionierungswünsche aus Deutschland mit „wos wüst’n, des passt jo eh schon“ quittierte. Von den sprachlichen Eigenheiten der Eidgenossen will ich hier gar nicht erzählen, die blieben ein Rätsel für sich. Am Ende jeder Produktion überwog aber immer die gemeinsame Freude über ein neues schönes Heft und richtig Zores, also Krach, einen batzen Kelch, sprich Zoff, gab es nie.

Reale Produkte

Ich bin 2008 innerhalb des Verlages in das Fach des Wirtschaftsjournalismus gewechselt, denke aber noch oft an die Zeit beim Elektronik-Journal zurück, vor allem dann, wenn ich plötzlich das damals Erzählte in Form von Produkten in der Hand halte. So erinnerte ich mich kürzlich angesichts eines sehr flachen, sehr teuren OLED-Farbfernsehers in einem einschlägigen Fachgeschäft, dass wir bereits Anfang der 2000er-Jahre über erste Versuche mit organischen Dioden berichteten. Voller Begeisterung erklärte mir unser damaliger Fachautor für Forschungsthemen, Ing. Klaus Knapp aus München, dass man damit eines Tages richtige Displays realisieren könne, die, wenn noch einige technische Hürden übersprungen würden, extrem flach und sogar biegsam ausgeführt sein könnten. Damals Zukunftsmusik im Konjunktiv, heute Realität im Elektrohandel.

Apropos Displays: wir haben schon früh über die neuesten Entwicklungen bei Touchdisplays berichtet und deren mögliche Anwendung in der Industrie. Außerdem gab es viele Seiten über künftige Applikationen mobiler Endgeräte. Diese beiden Dinge hat dann erst Steve Jobs zusammengebracht: die großen, genialen Meister sind rar. Sie erfinden selten das Rad neu, ihre Kunst ist vielmehr, das bereits Vorhandene in einen neuen, verbesserten und anwenderorientierten Kontext zu stellen und ja, richtig zu vermarkten, ganz wie der Urvater aller Starerfinder, der gute alte Thomas Alva Edison das machte.

Stefan Böck (links) mit dem langjährigen Verkaufsleiter Christoph Weiss auf Kundenbesuch im Silicon Valley (Juli 2007).

Stefan Böck (links) mit dem langjährigen Verkaufsleiter Christoph Weiss auf Kundenbesuch im Silicon Valley (Juli 2007). Stefan Böck

Die Jahre vor und vor allem nach der Jahrtausendwende waren in dieser Hinsicht durchaus fruchtbar. Viele Entwicklungen haben nach etwas Inkubationszeit zu teils revolutionären Produkten geführt: MP3, Bluetooth, GSM, WLAN seien hier nur als einige Beispiele genannt. Manches ist freilich auch gefloppt oder wurde zu optimistisch eingeschätzt. So habe ich immer noch keine Elektronik in meiner Skijacke, obwohl „Wearables“ in aller Munde sind. Im Supermarkt muss ich mich immer noch an der Kasse anstellen, rein technisch wäre das längst nicht mehr notwendig. Immerhin kann ich jetzt berührungslos bezahlen.

Probleme lösen

Eines wird sich nie ändern: Elektronik braucht Anwendung, sie muss zu einem Produkt werden, das Nutzen stiftet und Probleme löst, dann wird daraus ein Business. Diesen Grundgedanken hat das Elektronik-Journal zur Perfektion getrieben. Er war unser Mantra. Das Medium folgt in Form und Inhalt konsequent der Funktion, innovative Technologie mit Erlösmodellen zu verknüpfen und damit Entwickler und Unternehmer erfolgreicher zu machen. Dafür wird es auch noch die nächsten 50 Jahre Bedarf geben. Dem Journal wünsche ich viel Erfolg und sende liebe Grüße aus Wien!