Die erste Leiterplatte in Europa stammte von Fritz Stahl, der Ruwel im Juli 1945 gründete und mit der legendären einseitigen Schaltung „Ruwel 001“ die Basis für den Erfolg legte: Um die Jahrtausendwende galt Ruwel mit sieben europäischen Produktionsstandorten als größter paneuropäischer Platinenhersteller.

Die erste Leiterplatte in Europa stammte von Fritz Stahl, der Ruwel im Juli 1945 gründete und mit der legendären einseitigen Schaltung „Ruwel 001“ die Basis für den Erfolg legte: Um die Jahrtausendwende galt Ruwel mit sieben europäischen Produktionsstandorten als größter paneuropäischer Platinenhersteller. Productronic-Archiv

Mit der Umfirmierung auf Unimicron Germany stirbt ein traditionsreicher Name der deutschen Elektronikindustrie.

Mit der Umfirmierung auf Unimicron Germany stirbt ein traditionsreicher Name der deutschen Elektronikindustrie. Marisa Robles Consée (2010)

So sahen Leiterplatten im Jahr 1957 aus: Das Foto zeigt eine serienmäßig hergestellte Leiterplatte für die Metz Radio-Werke.

So sahen Leiterplatten im Jahr 1957 aus: Das Foto zeigt eine serienmäßig hergestellte Leiterplatte für die Metz Radio-Werke. Productronic-Archiv/Marisa Robles Consee

Mit diesem schlichten Satz stirbt ein traditionsreicher, klangvoller Name der deutschen Elektronikindustrie – Ruwel! Die Wurzeln des Leiterplattenherstellers reichen zurück bis kurz nach dem 2. Weltkrieg. Im Juli 1945 wurde Ruwel von Fritz Stahl, einem begnadeten Ingenieur der Hochfrequenztechnik, gegründet. Radioröhren, Spulensätze, aber auch die Herstellung eigener Radios, genannt „Ruwel-Pionier“, gehörten zum damaligen Produktspektrum. Das Unternehmen expandierte erfreulich. 1951 verlegte es seinen Unternehmenssitz an den heutigen Standort nach Geldern am Niederrhein und beschäftigte ein Jahr darauf bereits 600 Mitarbeiter in der Fertigung eines neuen Produktes: Ruwel lieferte Kondensatoren weltweit.

Erste Leiterplatte in Europa sorgt für Initialzündung für weltweite Industrie

Im Jahr 1954 begann Fritz Stahl mit der Entwicklung der ersten „gedruckten Schaltung“, wie die Leiterplatte damals noch hieß. Sie sollte das bunte Kabelgewirr zum Beispiel in den Radioapparaten der 1950er Jahre ersetzen. Da es für dieses heute nicht mehr aus unserer Welt wegzudenkende Produkt natürlich noch keine Zulieferindustrie für Equipment und Material gab, wurde Ruwels Innovation zur Initialzündung einer weltweiten Branche mit Zulieferindustrie. Isola in Düren begann als Papierhersteller mit der Produktion von „Basismaterial“ auf Hartpapier-Basis. Die Lackwerke Peters in Kempen entwickelten die ersten fotostrukturierbaren Lacke für die Elektronikindustrie.

Paul Metz war der erste Leiterplattenkunde in Europa und bestellte 1956 die legendäre einseitige Schaltung „Ruwel 001“, die heute im Deutschen Museum der Technik in München ausgestellt ist. Dies war die erste in Europa unter Serienbe­dingungen hergestellte Leiterplatte. Die Platine trat ihren Siegeszug um die Welt an und ist aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken.

Ruwels bewegte Firmengeschichte

Im November 1991 verstarb Firmengründer Fritz Stahl. Das Unternehmen geriet in schwere Turbulenzen und wurde 1993 vom Klever Investor Bernd Zevens wenige Tage vor einer drohenden Insolvenz gerettet. Im Jahr 2009 ließ eine solche sich zur Zeit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr abwenden. Der taiwanesische Unimicron-Konzern übernahm das Unternehmen: Aus Ruwel wurde Ruwel International.

In ihren Glanzzeiten zur Jahrtausendwende zählte die „Ruwel-Gruppe“ mit 230 Mio. Euro Jahresumsatz rund 2.000 Mitarbeiter in sieben Produktionsstätten in Europa und galt als größter Hersteller von Leiterplatten auf dem Kontinent. Heute werden nur in Geldern noch etwa 250 Mitarbeiter selbst beschäftigt.

Der Großbrand vom 28. Dezember 2016 war der dritte schwere Schlag, den Ruwel erleiden musste, zerstörte es die komplette Innenlagenfertigung des Unternehmens. Das sogenannte Werk Geldern II war als reine Innenlagenfertigung 2001 für rund 30 Mio. Euro Investitionsvolumen in Betrieb gegangen, gemäß Unternehmensmitteilungen von damals. Die heute für den Wiederaufbau erforderliche Summe wird seitens Ruwel laut Medienberichten auf 40 bis 45 Mio. Euro veranschlagt.

Wehmut bei Weggefährten

Bei vielen jahrzehntelangen Weggefährten des Traditionsunternehmens in der deutschen Elektronikindustrie kommt bei dieser Meldung ein wenig Wehmut auf. Besonders am Niederrhein, wo Ruwel früher Jahrzehnte als großer Arbeitgeber galt. Viele erinnern sich an bittere Parallelen, als der taiwanesische Konzern BenQ zunächst in einem ebenso schwierigen Markt das Siemens-Mobiltelefon-Werk in Kamp-Lintfort übernahm, es dann in Siemens-BenQ, später BenQ umbenannte, und schließlich dann schloss.