In seinem Vortrag „High-Tech zwischen Cloud und Erde – wie die Autos hören, sehen, kommunizieren und fahren lernen“ erntete Dr. Burkhard Milke, Director GME Electrical Systems & Infotainment bei der Adam Opel GmbH, mehrfach Szenenapplaus; das erste Mal für einen kurzen Schwarzweißfilm über „das Geisterauto, ein fernlenkbares Auto in den Straßen Dresdens“ (Originalton Dresdner Anzeiger vom 7.6.1928 über diesen speziellen „Opel-Wagen“), das damals mit unbesetztem Fahrersitz mitten durch die Prager Straße fuhr.

ECKDATEN

Die Redner zum Thema automatisiertes Fahren auf dem Fachkongress „Fortschritte in der Automobil-Elektronik“:

  • Wie Autos höhen, sehen, kommunizieren und fahren lernen (Dr. Burkhard Milke, Opel)
  • ZFAS, die erste zentrale FAS-Architektur geht in Serie (Alejandro Vukotich, Audi)
  • Die Fahrbahn als Signalgeber (Ralph Lauxmann, Continental Teves)
  • Licht für autonome Fahrzeuge (Dr. Wolfgang Huhn, Audi)
  • Mapping the Road to Autonomous Driving (Christof Hellmis, Here)
  • Autonom, elektrisch und vernetzt: Paradigmenwechsel in der Lkw-Industrie (Dr. Rainer Müller-Finkeldei, Mercedes-Benz Lkw)

„Die Technologie hat sich in den letzten 90 Jahren rapide entwickelt, aber die Instinkte der Menschen und wovor sie Angst haben, was sie gut finden und was sie adaptieren, hat sich in den letzten 80 bis 90 Jahren garantiert nicht so schnell entwickelt“, war sein Kommentar zu diesem Film. Daher stellten sich folgende Fragen: „Was können wir der Gesellschaft zumuten, was wird sie annehmen und wie werden wir sie erleben?“ Gleichzeitig stellt Dr. Milke folgendes fest: „Die Automobilindustrie wird sich in den nächsten wenigen Jahren stärker verändern als in Jahrzehnten zuvor.“ Aufgrund regional sehr unterschiedlicher Ausprägungen der automobilen Hauptmärkte sei es zudem „sehr wichtig, immer eine über Deutschland und Europa hinausreichende Perspektive zu berücksichtigen“.

Auf der technischen Seite erklärt er, warum automatisierte Testsysteme so wichtig sind und erklärte: „Wir haben die linke Seite des V-Modells voll im Griff, …aber wir müssen in einem nächsten Schritt dazu kommen, den Digital-Twin umzusetzen.“ Beim digitalen Zwilling geht es darum, das Fahrzeug mit allen Eigenschaften in einem Rechner zu simulieren und zu verstehen, aber „wie kann ich denn verstehen, was eine Maschine tut, die sich über Deep-Learning die Algorithmik selbst beigebracht hat“? Sein Fazit zu diesem Punkt: Nicht blind dem vertrauen, was durch Deep-Learning erlernt wurde, „denn es geht um Vertrauen, ein hohes Maß an Vertrauen“. Die OEMs müssten Vertrauen in ihre Produkte haben, und die Kunden Vertrauen in deren Produkte.

Hier brachte er den Begriff der „digitalen Steinewerfer“ ins Spiel, der ihm den zweiten spontanen Applaus bescherte. Damit meint er Personen, die gewisse Unzulänglichkeiten eines Systems bewusst zu ihrem Vorteil ausnutzen – beispielsweise ein Mensch, der seine Hand in einen Sensorbereich bewegt, woraufhin das Fahrzeug automatisch verzögert, während ein Fahrer aus Fleisch und Blut in dieser offensichtlich rein provozierten und potenziell noch ungefährlichen Störsituation wohl eher „mächtig auf die Hupe drücken“ würde. „Dies führt dazu, dass unsere Fahrzeuge in Zukunft die eine oder andere Kommunikations-Situation mit Menschen außerhalb des Fahrzeugs haben werden“, lautet seine Konsequenz.

Dr. Burkhard Milke ( Opel ): „Am Ende des Tages ist die Aufgabe, die wir vor uns haben, nichts Geringeres als die Sozialisierung des Fahrzeugs.“

Dr. Burkhard Milke (Opel): „Am Ende des Tages ist die Aufgabe, die wir vor uns haben, nichts Geringeres als die Sozialisierung des Fahrzeugs.“ Matthias Baumgartner

Dies führte ihn zu der Frage, was für eine solche Kommunikation zwischen Fahrzeug und Außenwelt erforderlich ist. In punkto Kooperation mit urbaner Infrastruktur wies er darauf hin, dass die Komplett- Umrüstung auf neue Technologien in Städten bei etwa 40 Jahren liegt – und mit diesen Randbedingungen müssen wir leben. Seine Schlussfolgerung: „Es geht nicht nur um Technologie. Die Menschen haben sich in ihren inneren Werten und Instinkten nicht maßgeblich verändert; sie sind nur etwas besser trainiert. … Ohne eine direkte Art der Interaktion des Fahrzeugs mit der Außenwelt werden wir in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr erfolgreich sein. Wir haben somit die klare Intention, das Fahrzeug in das Internet der Dinge zu bringen, dürfen dabei aber nicht vergessen, das Fahrzeug wieder zurück in den Verbund der Menschen, in die Gesellschaft zu bringen – und das muss ein positives Erlebnis sein.“

Mit Lucas Cranachs Bild „Der Jungbrunnen“ wies er darauf hin, dass auch Fahrzeuge in Zukunft ein „Anti-Aging-Treatment“ benötigen: „Vielleicht beträgt der Fahrzeug-Lifecycle in Zukunft nur noch zwei oder drei Jahre; vielleicht können wir sie gar nicht mehr (im klassischen Sinne) verkaufen, denn sie kommen nach zwei, drei Jahren zurück und werden einer Frischzellenkur zu unterzogen.“ Vielleicht ergäben sich Recycling-Methoden für abgenutzte Innenräume oder Batterien. „Am Ende des Tages ist die Aufgabe, die wir vor uns haben, nichts Geringeres als die Sozialisierung des Fahrzeugs.“ Dabei müssten sich die Menschen dem Fahrzeug genauso vollständig anvertrauen wie ein Blinder sich seinem Blindenhund anvertraut, und dieses Vertrauen gelte es aufzubauen und zu bewahren, denn es gehe darum „das Auto als Man’s Best Friend“ zu etablieren. Der E/E-Leiter von Opel verabschiedete sich von der Bühne mit nur einem Wort: „Merci.“ Applaus.

Seite 1 von 3123