Rainer Hönle, Deltalogic: „Unsere jüngste Entwicklung – der Zugriff auf TIA-Projekte in S7-1500-CPUs – ist ein Meilenstein für uns.“

Rainer Hönle, Deltalogic: „Unsere jüngste Entwicklung – der Zugriff auf TIA-Projekte in S7-1500-CPUs – ist ein Meilenstein für uns.“Deltalogic

Herr Hönle, was genau hat Siemens hinsichtlich der Programmierung beim TIA-Portal geändert?

Mit der Einführung des TIA-Portals hat Siemens speziell für die Steuerungen S7-1200 und S7-1500 eine neue Symbolikart für den optimierten Bausteinzugriff entwickelt. Optimierter Bausteinzugriff bedeutet, dass die Variablendeklarationen nur die symbolischen Namen enthalten und die Variablenadressen vom Programmiersystem automatisch verwaltet werden. Davor diente die Symbolik lediglich als Werkzeug, das die Programmierung erleichtert, und wurde eins zu eins mit den absoluten Operanden verknüpft. Im TIA-Portal sieht der Programmierer den absoluten Operanden nicht mehr.

Was bringt die Trennung?

Das hat mehrere Vorteile, die Performance der CPU steigt deutlich und Zugriffsfehler aufgrund einer falschen Adressierung können nicht mehr auftreten. Wer diesen optimierten Bausteinzugriff verwenden wollte, musste allerdings zwingend Siemens-Produkte einsetzen – bislang jedenfalls.

Deltalogic hat die proprietäre Festung TIA geknackt?

Unseren Entwicklern ist folgendes gelungen: Wir haben das Dateiformat von TIA eingehend analysiert und einen Weg gefunden, um direkt auf TIA-Projekte auf dem PC zuzugreifen, beispielsweise auf symbolische Operanden, Datenbausteine mit ihren Datentypen, Strukturen, Kommentaren und den User Defined Data Type – einfach alles. Mit diesem Wissen können wir über unsere Kommunikationsbibliothek Accon-AG-Link lesend oder schreibend auf die SPS zugreifen – meines Wissen als einziges Unternehmen.

Hat Siemens das TIA-Portal und das Dateiformat nebst Kommunikation nicht massiv mit Patenten geschützt?

Das ist richtig. Unseren Recherchen nach verletzen wir mit unserer Lösung keines der Siemens-Patente. Das liegt mir auch sehr am Herzen. Unser Produktportfolio ist darauf ausgelegt, das Angebot von Siemens sinnvoll und zielgerichtet zu ergänzen. Wir bieten gerade dort Lösungen, wo Siemens selbst kein Interesse hat, aktiv zu werden.

Ein Bereich, an dem Siemens kein Interesse zu haben scheint, sind Betriebssysteme wie Solaris und Linux. Mit unserer Kommunikationsbibliothek wird der Anwender unabhängig vom Betriebssystem, egal ob Windows, Linux, Solaris, VxWorks oder OS9000 – er kann von seinem Computer aus mit der Siemens-Welt kommunizieren.

TIA-Symbolik entschlüsselt: Operanden eines mit Accon-AG-Link aus einer S7-1500-CPU ausgelesenen TIA-Projekts.

TIA-Symbolik entschlüsselt: Operanden eines mit Accon-AG-Link aus einer S7-1500-CPU ausgelesenen TIA-Projekts.Deltalogic

War es schwer, das Dateiformat zu knacken?

Das war eine echte Herausforderung, die Struktur des TIA-Portals und des Kommunikationsprotokolls zu entschlüsseln. Daher ist es bisher ja auch noch niemand anderem gelungen!

Ist das eine Einbahnstraße oder können Sie auch Daten ins TIA-Portal zurückspielen?

In gewisser Weise, ja. Aber es ist nicht unser Ziel, die Dateistruktur des TIA-Portals zu verändern. Wir fügen keine neuen Symboliken hinzu, sondern greifen nur auf Daten zu, die der Benutzer dort eingegeben hat. Siemens wiederum speichert diese Daten dann in einem proprietären Format innerhalb des Projekts. Mit der SPS selbst kommunizieren wir natürlich umfassend, das heißt wir bieten die Funktionen Lesen und Schreiben für die Operanden.

Über welche Schnittstellen stellen sie die Daten anderen Tools und Geräten zur Verfügung?

Mit der Kommunikationsbibliothek Accon-AG-Link bieten wir eine funktionale Schnittstelle. In Zukunft planen wir, diese Schnittstelle auch in weitere unserer Software-Werkzeuge wie Accon-S7-Easylog zu implementieren.

Wie sieht der Abgleich der Projekte zwischen CPU und Engineering-Portal aus. Funktionieren Versionsmanagement und Zugriffsschutz noch, wenn Geräte von Drittanbietern auf das TIA-Projekt in der CPU zugreifen?

Für unsere Lösung müssen wir immer auf ein aktuelles Projekt zugreifen, das auch auf der Steuerung läuft. Das heißt, wurden Änderungen an dem Projekt vorgenommen, so muss das Projekt neu heruntergeladen werden, und wir müssen die Symbolik aus dem Projekt erneut einlesen.

Hat die neue Firmware-Version 1.5 der S7-1500-CPUs Einfluss auf die Kommunikation?

Sobald Siemens eine neue Software-Version einführt, müssen wir analysieren, ob Änderungen am Projekt oder der Kommunikationsschnittstelle vorgenommen wurden. Ist dies der Fall, führen wir umfangreiche Tests durch und erstellen entsprechende Updates.

Welche Performance erreicht die Schnittstelle?

Die Kommunikationsperformance selbst hängt von der SPS und der verwendeten Hardware ab. Unsere bisherigen Tests belegen eine exzellente Performance der neuen Schnittstelle. Auch sehr große Dateien von einigen Megabytes können wir innerhalb weniger Sekunden laden und analysieren. Bei den umfangreichen Tests haben wir in weit über 90 % der Szenarien auf eine Antwort von der Steuerung gewartet.

Für wen ist die Lösung von Interesse?

Sie ist für jeden relevant, der Daten aus einer S7-1200- oder S7-1500-Steuerung auslesen möchte, beispielsweise zur Visualisierung, Rezepturverwaltung oder für Datenlogging. Gerade Herstellern von Bedien-Panel und Visualisierungssoftware bietet unsere Lösung nun erstmals die Möglichkeit, auf die Symbolik zuzugreifen.