Die anderen Unis ?

Gezielte Praxisorientiertheit war der Grundgedanke bei der Einrichtung von Fachhochschulen. Wie nun die ersten Erfahrungen mit FH-Absolventen zeigen, ist dieses Konzept voll aufgegangen.

Autor: Dipl.-Ing. Dr. Günter Gerdenitsch

“Wir haben einen neuen Ingenieur, direkt von den Uni. Der wird jetzt noch ein halbes Jahr brauchen, bis er wirklich etwas für uns bringt!” Das war die gängige Einstellung bis in die 80er-Jahre ? so war?s eben, damit musste man ganz einfach leben. Als dann Anfang der 90er-Jahre die ersten Auswirkungen der anbrechenden Globalisierung und das Heraufdämmern der Informationsgesellschaft auch bei uns schmerzlich spürbar wurden, gab es die ersten Initiativen, die Ausbildung von Ingenieuren auf mehr praxisgerechte Beine zu stellen. Idealerweise sollten die Absolventen vom ersten Tag an produktiv arbeiten können. So ist es wohl kein Zufall, dass gerade im Herbst 1994 die ersten Fachhochschul-Studiengänge eingerichtet wurden.
Gerade in einem Land mit überwiegend klein- und mittelbetrieblicher Wirtschaftsstruktur war das zweifellos eine kluge Entscheidung: Kein KMU kann sich eine Investition leisten, die sich erst nach einem halben bis ganzen Jahr zu amortisieren beginnt! Ein “Dipl-Ing. (FH)” oder “Mag. (FH)” ist gedacht für den Einsatz von bereits etablierten Technologien bei relativ klaren Zielvorgaben. Ein “Dipl.-Ing.” hingegen (also ein Uni-Absolvent) ist besser geeignet für die Forschung, bei eher vagen Zielvorgaben.

Vergleich Uni ? FH
Entgegen manchem Vorurteil bieten Fachhochschulen ein vollwertiges akademisches Studium. Nur eben mit gewissen Einschränkungen während des Studiums: Auf der Universität (auch die ehemals “Technische Hochschule” ist heute eine Universität!) gibt es keinerlei Einschränkung. Jeder Österreicher mit Matura kann immatrikulieren und jede beliebige Lehrveranstaltung inskribieren. Mit der EU-weiten Regelung gibt es auch keinen Unterschied mehr zwischen einem österreichischen Staatsbürger und einem EU-Ausländer. An der Uni wird quasi “selbstverständlich” vorausgesetzt, dass ein Student englische Texte verstehen kann. An der Fachhochschule ist Unterricht in englischer Sprache bis in die höheren Semester Pflicht. Wer an der Uni das Studium voranbringen will, kann (“muss” aber nicht!) Prüfungen ablegen. Prinzipiell aber kann man sich dort auch entschließen, ein “ewiger” Student zu werden.
Demgegenüber gibt es auf jeder Fachhochschule eine fixe Zahl von Studienplätzen. Im Durchschnitt kommen dort auf jeden offenen Platz zwei Bewerber, doch für besonders gefragte Studiengänge herrscht eine hitzige Konkurrenz unter bis zu zehn Bewerbern. Unter diesen sieben die Betreiber mit Hilfe von Aufnahmetests recht gründlich aus. Die Bezeichnung “Aufnahmetests” klingt vielleicht ein wenig harmlos. Doch, wie manche FH-Studenten berichten, war das für sie eine Prozedur von bis zu einem halben Jahr. Dabei spielten nicht nur ihre fachliche Vorbildung, sondern auch ihre Persönlichkeit und ihre Motivation eine Rolle. In manchen Studiengängen, so wird gemunkelt, gäbe es sogar so etwas wie einen “Dress Code”. Wer da mit Turnschuhen oder in legerer Freizeitkleidung anrückt ? der hat schon mal bewiesen, dass er ungeeignet ist.

“Geführtes” Studium
Ist die Aufnahme erst einmal geschafft, geht?s durchaus straff organisiert weiter: Die Lehrveranstaltungen sind keine “Vorlesungen”, “Seminare” usw. wie an der Uni. Es gibt verschiedene Arten von FH-Lehrveranstaltungen, doch gemeinsam ist ihnen eines: Es herrscht Anwesenheitspflicht und eine genaue Prüfungsordnung. Dafür aber könnte sich ein FH-Student im Prinzip unmittelbar nach seiner Zulassung schon bei einer Firma bewerben. “In vier Jahren werde ich meine Ausbildung abgeschlossen haben, uzw. werde ich dann folgendes können: ?” Im Normalfall beträgt die Studiendauer genau vier Jahre, Überschreitungen dieser Zeit und Dropouts gibt es kaum. Für potentielle FH-Studierende bedeutet das allerdings, dass sie sich vor der Bewerbung überlegen sollten: “Werde ich mich im Alter von 19 bis 23 voll auf das Studium konzentrieren können?” Eine längere Unterbrechung gibt es normalerweise nicht! Auch sollte er/sie sich nicht täuschen lassen, wenn er auf einem Studienplan des anvisierten Faches nur etwa 25 bis 30 Wochenstunden verzeichnet findet. Dazu sollte man fast noch einmal so viel Arbeit daheim rechnen. In den ersten Semestern vielleicht etwas weniger, doch im 6. oder 7. Semester kommt ein Auslandsemester oder ein Praktikum (wahlweise) hinzu. Und das bringt dann wieder eine ganz eigene Zeitrechnung mit sich. Unter solchen Umständen ist es nicht erstaunlich, dass unter den derzeit 67 FH-Studiengängen ganze 43 nur als Vollzeit-Studium, aber nur zwölf berufsbegleitend und acht in beiden Formen angeboten werden. Dazu kommen vier zielgruppen-spezifische Studiengänge.

“Familiäre” Atmosphäre am Beispiel FH Technikum Wien
Der Alltag des FH-Studiums spielt sich in einer Atmosphäre ab, die man noch vor wenigen Jahren durchaus “amerikanisch” genannt hätte: Die Lehrpersonen verkünden ihre Weisheiten durchaus nicht “ex cathedra”, sondern verstehen sich eher als “Coachs” ihrer Gruppe. Sie regen diverse Projekte an, lassen die Studenten daran arbeiten, geben dann aber nur mehr Hilfestellung, stehen jederzeit für Fragen zur Verfügung und legen auch durchaus mal Hand an, wo?s gewünscht wird. Das geht so weit, dass es ? besonders in höheren Semestern und in den “Alumni-Clubs” (Clubs der bereits Absolvierten) ? auch private Kontakte zwischen Studenten und ihren “Betreuern” gibt.
Unis werden hauptsächlich vom Staat Österreich finanziert. Fachhochschulen hingegen sind privatwirtschaftlich organisiert und müssen sich zum größten Teil selbst erhalten. Deshalb gibt es auch diverse Partnerschaften zwischen jeder Fachhochschule und zahlreichen Industrieunternehmen. Die Studenten spüren das in zweierlei Weise:
Jene Projekte, die diese Firmen an die Fachhochschulen herantragen (in der Hoffnung, möglichst bald Ergebnisse zurückzubekommen, wofür sie dann wieder Gegenleistungen bieten) werden natürlich im Alltag des Studiums bearbeitet. Im Rahmen dieses “Problem based learning” wird es für die Studenten allmählich ganz normal, immer wieder mit Produkten gewisser Firmen zu tun zu haben.
In den höheren Semestern verbringen die Studenten dann einen immer größeren Teil des Tages bei den Firmen draußen und kommen nur noch “zwischendurch” zurück in die FH, um fachliche Probleme mit ihrem “Coach” zu besprechen, oder irgendwelche organisatorischen Maßnahmen vorzunehmen (z. B. Prüfungsergebnisse einzusehen). Falls sie nicht überhaupt gleich ein Semester an einer ausländischen FH verbringen. Auf diese Weise “wachsen” die Studierenden allmählich in die Firmen hinein. Oft ergeben sich daraus auch gleich die ersten Anstellungen. Für viele Absolventen gibt es so etwas wie ein “Job Hunting” gar nicht: Im Rahmen des FH-Studiums machen sie ein Praktikum bei einer Firma, meist im 7. Semester. Im Zuge dessen kommt vielen Firmen der Appetit beim Essen: Sie würden das Praktikum gern zu einem größeren Projekt ausbauen, das in seinem Umfang bereits deutlich über ein Semester hinausgeht. Darum können sie?s oft kaum erwarten, bis der Praktikant ein Jahr später “endlich” sein/ihr FH-Studium abgeschlossen hat, und nun wieder daran weiterarbeiten kann.

Vergleich: FH-Studiengang ? (Voll-)Fachhochschule
Eine Frage, die sich vielen an einem FH-Studium Interessierten stellt, über die aber nur leise Angaben zu erhalten sind: “Was ist der Unterschied zwischen einem ?FH-Studiengang? und einer Voll-Fachschule? Sollte ich mir vorher sehr genau überlegen, ob ich mich bei der einen oder bei der anderen bewerbe?” Antwort: Was das Studium selbst betrifft, gibt es praktisch keinen Unterschied. Erst wenn´s an die Außenwelt geht, spürt ein Student es allenfalls; Eine (Voll-)Fachschule muss einige hundert Studenten aufweisen. Für eine solche Zahl kann natürlich schon eine recht massive “Job-Börse” betrieben werden.

Technikum Wien
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