„Mechanik, Software und Elektronik - das sind die DNA-Bausteine der Digitalisierung,“ Dr. Jan Michael Mrosik, CEO der Siemens Division Digital Factory.

„Mechanik, Software und Elektronik – das sind die DNA-Bausteine der Digitalisierung,“ Dr. Jan Michael Mrosik, CEO der Siemens Division Digital Factory. Redaktion IEE

„Wir sind die Einzigen, die alles Digitalisieren können, Mechanik, Software und die Elektronik in den Geräten und Maschinen – sofern der Kauf von Mentor Graphics genehmigt wird,“ schränkt Dr. Mrosik ein. Rund 4,2 Mrd. € hat Siemens den Aktionären für den Softwareanbieter für Elektronik- und IC-Design sowie Simulation- und Elektronikfertigung  Ende 2016 geboten. Bei einem Jahresumsatz von 1,1 Mrd. € in 2016 nicht wenig, aber nicht ohne Grund: Mentor schließt die letzte große Lücke in der Digitalisierungs-Strategie. „Mentor rundet unser bestehendes Angebot bei Mechanik und Software mit dem Design, Test und der Simulation von elektrischen und elektronischen Systemen ab“, so Mrosik. Denn in Zukunft wird es seiner Auffassung nach kein Gerät mehr geben, das nicht diese drei Bestandteile enthalten wird. Wer wie Siemens den perfekten digitalen Zwilling erschaffen will, braucht also eine Lösung für das Elektronikdesign: beispielsweise die Tools von Mentor Graphics.

Für Automatisierer interessant werden könnte der Mentor-Bereich ‚Electrical & Wire Harness Design‘. Denn für einen digitalen Zwilling einer Werkzeugmaschine braucht es auch ein Abbild der Elektrotechnik, des Schaltschranks und der Schalttafeln. Für den Bereich Elektro-CAD hat Siemens Digital Factory keine eigene Lösung parat, arbeitet aber strategisch mit Eplan Software zusammen. „Wir haben entsprechende Schnittstellen verfügbar, um den digitalen Schaltschrank in unser PLM einzubinden.“ Es gab auch mal andere Zeiten: Bis 1995 hatte Siemens mit Sigraph ET ein eigenes ECAD-System im Haus. Für die Elektroplanung in der Prozessindustrie eignet sich die Comos-Software.

Entsprechend der Digitalisierungs-Strategie wird Mentro Graphics  in das Segment Product-Lifecycle-Management-Software in der Siemens-Division Digital Factory integriert, fällt damit in den Verantwortungsbereich von Dr. Mrosik. Wird die Übernahme genehmigt ist der nächste Umsatzsprung der Division sicher: Aktuell, das heißt im ersten Quartal des Geschäftsjahrs 2016/17 lag der Umsatz bei 2,6 Mrd. €, 4% mehr im Vergleich zum Vorjahresquartal. Deutlich höher fällt der Zuwachs beim Auftragseingang aus: über 7% mehr auf 2,7 Mrd. €. „Und der Gewinn stieg von 400 Mio. € auf 700 Mio. €,“ freut sich Mrosik über den erfolgreichen Einstand als Division-CEO.

„Wir wollen über die offene South-Bound-API jedes Gerät, das in der Lage ist zu kommunizieren, in die MindSphere einbinden können.“ Dr. Jan Michael Mrosik, CEO der Siemens Division Digital Factory.

„Wir wollen über die offene South-Bound-API jedes Gerät, das in der Lage ist zu kommunizieren, in die MindSphere einbinden können.“ Dr. Jan Michael Mrosik, CEO der Siemens Division Digital Factory. Redaktion IEE

Die Brücke zu MindSphere als IoT-Betriebssystem von Siemens, schlägt Mrosik mit einem interessanten Vergleich: „PLM ist die Plattform mit allen Informationen zum und über den Digitalen Zwilling; MindSphere das statistische Modell mit sämtlichen Informationen aus den realen Produktionsanlagen und den Geräten.“ Konsequent umgesetzt lässt sich über PLM und MindSphere die virtuelle Welt mit den statistischen Daten aus der realen Welt abgleichen, Abweichungen entdecken, Verbesserungen durchspielen.

Ein Detail am Rande: „Bislang hieß MindSphere im Untertitel ‚Cloud for Industry‘, künftig ‚Cloud for IoT‘ beziehungsweise ‚offenes IoT-Betriebssystem‘. Dazu Mrosik: „MindSphere ist nach einem Vorstandsbeschluss künftig die zentrale Plattform, auf der alle Aktivitäten im Siemens-Konzern – und davon gibt es einige – zusammengeführt werden.“ Alle Divisionen werden diese Plattform nutzen und ihre Applikationen darauf aufsetzen und Dienstleistungen anbieten. Somit adressiert MindSphere nicht mehr ausschließlich die Industrien, was die Namensänderung rechtfertigt.

MindSphere öffnet sich – auch nach unten zu den Geräten

Erste Applikationen laufen bereits auf der MindSphere und das Ökosystem soll kontinuierlich wachsen. Dazu wurde nach umfangreichen Tests und Pilotprojekten Anfang Februar die sogenannte Northbound-API offengelegt. Darüber können eigene und externe Applikationen (MindApps) von Endkunden oder Dienstleistern eingebunden werden.

Und wie verdient Siemens Geld mit der MindSphere? „Das Geschäftsmodell besteht aus Lizenzgebühren für die so genannten MindSphere-Units, die sich am Daten- und Transaktionsvolumen orientieren“, erklärt Mrosik.

Auch zur Geräteseite hin, der South-Bound, ist mit MindConnect ein offenes Interface in Arbeit. Derzeit unterstützt Siemens OPC UA, weitere industriespezifische Protokolle sind in Vorbereitung, beispielsweise Bacnet. „Mitte 2017 soll eine South-Bound-API die Offenheit auf eine breite Basis stellen.“ Mithilfe der Schnittstelle können Drittanbieter weitere Protokolle implementieren. Eine Profinet-Anbindung an MindSphere dürfte dann nicht mehr lange dauern. Die bekannten Anbieter von Kommunikations-Interfaces stehen bestimmt schon in den Startlöchern. „Natürlich werden auch unsere eigenen Steuerungen und Komponenten dieses Interface unterstützen“, so Mrosik.