Selbst erfahrene Kapitäne der Landstraße können da nicht mithalten: 30 Mal so schnell wie ein menschlicher Fahrer reagieren die neuesten Platooning-Systeme beim extrem dichten Konvoi-Fahren mit automatischer Steuerung. Bei einem spontanen Bremsmanöver führt das dazu, dass der nachfolgende Lkw schon von alleine bremst, bevor dessen Fahrer das Aufleuchten der Bremslichter beim Führungsfahrzeug überhaupt wahrnehmen kann.

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Bei den Electronica-Demonstrationen kommt ein Ecotwin-Gespann von DAF zum Einsatz, das über eine „elektronische Deichsel“ eng miteinander verbunden ist.
Während das vorausfahrende Fahrzeug durch den Fahrer konventionell gesteuert wird, folgt das nachfolgende Fahrzeug allen Aktionen wie Beschleunigen und Bremsen nahezu simultan ohne dass der Fahrer des zweiten Trucks eingreifen muss.
Auf einem Monitor sieht der Fahrer des zweiten Lkws die Bilder einer Kamera im ersten Lkw, die das Geschehen vor dem Fahrzeug erfasst.
Aufgrund des geringen Abstands ist die Aussicht ansonsten etwas monoton.
Typischer Vorführeffekt: Vor dem Start gab es zunächst eine Fehlermeldung.
Während der Fahrt informierte das Display aber zuverlässig unter anderem über einen mit V2X-Technik ausgerüsteten Motorradfahrer…
…sowie über Ampelsignale inklusive der Zeit bis zum Wechsel auf Grün.
Dass der Abstand zwischen den Fahrzeugen stellenweise so gering wird, dass beide im Rückspiegel nahezu verschmelzen,…
…liegt unter anderem auch an leistungsstarken Radarsensoren. Mit dem S32R27-Chip hat NXP einen Baustein entwickelt, welcher die 4-fache Leistung des Vorgängers entwickelt.
Manchmal reicht aber auch einfach der Blick aus dem Fenster, um einen  Verkehrsteilnehmer wie den Motorradfahrer zu bemerken.

Erst mit diesen extrem kurzen Reaktionszeiten lassen sich Fahrzeugabstände von bald nur noch 7 Metern realisieren – bei 80 km/h. Das automatisch gesteuerte Fahren mit geringem Abstand soll den Kraftstoffverbrauch um bis zu 10 Prozent senken, die Sicherheit im Straßenverkehr verbessern und den Ausstoß von CO2, Feinstaub und NOx reduzieren.

Leistungsstark und sicher

NXPs Vorführungen während der Electronica umfassen neben Platooning auch die Synchronisation von Ampelanlagen und Fahrzeugen sowie auf Vehicle-to-X-Kommunikation (V2X) basierende Technologien zum Schutz von schwächeren Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern oder Motorrädern. Die schnellen Reaktionszeiten bei elektronisch gekoppelten Lkw-Kolonnen beruhen auf einer Reihe von technischen Neuerungen:

  • Die Integration eines leistungsstarken Sensorfusions- und Steuerungssystems, das Platooning- und Fahrmodi funktionssicher auslösen, überwachen und aufrechterhalten kann, auch wenn externe Gefahren oder interne System-Fehlfunktionen auftreten.
  • Das System muss auf höchstem Funktionssicherheits-Level arbeiten, um den verkürzten Fahrabstand zu ermöglichen. Das wird durch die Verwendung von ASIL-qualifizierten Komponenten von NXP wie Mikrocontrollern, Mikroprozessoren, Power-Management-ICs und Netzwerkkomponenten erreicht. Basis für die Systementwicklung ist die BlueBox-Plattform von NXP, die die meisten der genannten Komponenten beinhaltet.
  • Ein verbesserter Radar wird Objekte oder Störungen – wie ein sich in den Konvoi einreihendes Fahrzeug – schneller und noch genauer erkennen, um den Abstand zwischen den Lkws entsprechend anzupassen. Für diesen Zweck hat NXP einen neuen Radar-Mikrocontroller entwickelt: Der S32R27-Chip liefert die 4-fache Leistung des Vorgängers MPC577X. Der S32R27 wird derzeit getestet, die Markteinführung ist in der zweiten Jahreshälfte 2017 geplant.

Noch fehlen Standards

Eine Hürde beim Platooning sind zurzeit noch die fehlenden Standards. Jeder Hersteller entwickelt momentan sein System, aber auf der Straße müssen sich alle Trucks „verstehen“, wenn sie einen gemeinsamen Zug bilden wollen. Außerdem werden in verschiedenen Ländern noch unterschiedliche Mindestabstände für die gekoppelten Lkw vorgeschrieben.

Vor dem Hintergrund der geplanten Übernahme von NXP durch Qualcomm stellt sich auch die Frage, auf welchem Weg die gekoppelten Lkws zukünftig miteinander kommunizieren werden. Bei den Demonstrationsfahrzeugen sind jeweils vier WLAN-p-Transceiver verbaut, die eine Direktfunkverbindung zwischen den Lkws ermöglichen. NXP ist ein engagierter Verfechter des Einsatzes von  Direktfunktechnik für  die Fahrzeugvernetzung (V2X), während Qualcomm klar mobilfunkbasierte Lösungen favorisiert. So bleibt abzuwarten, ob Qualcomm die NXP-Lösungen als Ergänzung seines Produktportfolios sieht oder seine eigenen Vorstellungen durchsetzen wird. Noch stellen allerdings nur die Direktfunklösungen die für Platooning erforderlichen extrem kurzen Reaktionszeiten zur Verfügung.