Stefan Wolfsried erhält an der Universität Ulm Einblicke in Teile der gemeinsamen Forschung. Dazu gehört unter anderem ein Kamerasystem, das die Kopfrichtung des Fahrers erkennt und die Aufmerksamkeit des Fahrers überwacht.

Stefan Wolfsried erhält an der Universität Ulm Einblicke in Teile der gemeinsamen Forschung. Dazu gehört unter anderem ein Kamerasystem, das die Kopfrichtung des Fahrers erkennt und die Aufmerksamkeit des Fahrers überwacht.Alfred Vollmer

„Vielleicht war es das schwierigste, diesen Namen zu finden“, erklärte Prof. Dr. Klaus Dietmayer, Direktor des Instituts für Mess-, Regel- und Mikrotechnik an der Universität Ulm, bei der Gründungsfeier des „Daimler Research Institute for Vehicle Environment Perception at Ulm University“ (Drive-U). An den entsprechenden Technologien arbeite man in Ulm schließlich schon seit langem, betonte Prof. Dietmayer, der auch als Leiter von Drive-U fungiert. Stefan Wolfsried, Leiter Fahrzeugfunktionen und Fahrwerk der Daimler AG erwähnte nicht nur IR-Nachtsichtsysteme sondern auch Systeme wie ABS, ESP, Bremsassistent, die Distronic, Distronic Plus und Presafe, um dann so darüber zu berichten: „Diese Technologien haben zu großen Teilen ihren Ursprung in Ulm. … Auch viele kamerabasierte Systeme haben ihren Ursprung in Ulm.“

Drive-U

Prof. Dr. Karl Joachim Ebeling, Stephan Wolfsried und Prof. Dr.-Ing. Klaus Dietmayer bei der Eröffnungsfeier von driveU (v.l.n.r.).

Prof. Dr. Karl Joachim Ebeling, Stephan Wolfsried und Prof. Dr.-Ing. Klaus Dietmayer bei der Eröffnungsfeier von driveU (v.l.n.r.).Alfred Vollmer

„Das smarte Fahrzeug der Zukunft muss selbsttätig Sehen, Verstehen und Agieren“, führte Prof. Dietmayer weiter aus. „Im Rahmen von Drive-U widmen wir uns dem Sehen und Verstehen. Unsere Vision ist es, eine national und international sichtbare, führende Forschungseinrichtung im Bereich der Fahrerassistenz und Sicherheitssysteme im Fahrzeug zu werden.“ Drive-Us Mission lautet folgendermaßen: „Lösung bisher ungeklärter Fragestellungen der Umgebungserfassung sowie Erarbeitung neuer praxistauglicher wissenschaftlicher Konzepte, Methoden und Algorithmen für zukünftige, auch hoch automatisierte Fahrerassistenzfunktionen bis hin zum autonomen Fahren. Prototypische Realisierung der Methoden im Versuchsfahrzeug.“

Zitate von der driveU-Gründungsfeier

„Gemeinsam intensivieren wir die universitäre Forschung in wichtigen Schwerpunkten wie Kamera- und Radarsensorik, maschineller Umgebungserfassung und Umfeldrepräsentation. Wir schaffen damit eine wichtige und nachhaltige Grundlage für künftige Sicherheitsinnovationen bei Daimler.“ (Stephan Wolfsried, Leiter Fahrzeugfunktionen und Fahrwerk der Daimler AG)

„Das neue Institut bietet vor allem hoch qualifizierten jungen Wissenschaftlern und Studenten die Chance, ihr fundiertes Know-how praktisch umzusetzen.“ (Prof. Dr.-Ing. Klaus Dietmayer, Dekan der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und Wissenschaftlicher Leiter des driveU)

„Die Institutsgründung ist ein wichtiger Schritt und intensiviert unsere bisherige erfolgreiche Kooperation. Außerdem ermöglicht sie Forscherinnen und Forschern aus Wissenschaft und Wirtschaft Seite an Seite zu arbeiten, um gemeinsam neue Lösungen für Fahrzeugassistenzsysteme zu finden“, so Prof. Dr. Karl Joachim Ebeling, Präsident der Universität Ulm. Er könnte sich auch vorstellen, dass bei ADAS in Zukunft auch Psychologen am Design mitwirken werden; immerhin habe er gelesen, dass Steve Jobs viele Psychologen im Entwicklerteam hatte. Da die Universität Ulm sowohl die technischen Studiengänge als auch den Studiengang Psychologie anböte, ergäben sich hier weitere Synergieeffekte.

Drive-U ist eine Einrichtung der Universität Ulm, die räumlich an das Institut für Mess- Regel- und Mikrotechnik angegliedert ist, wobei ein paritätisch besetzter Beirat die wissenschaftliche Ausrichtung und Steuerung übernimmt. Die Finanzierung erfolgt durch bilaterale Projekte mit der Daimler AG sowie durch Beteiligung an öffentlichen Förderprojekten von BMWi, BMBF, EU etc. Derzeit arbeiten dort zwölf Doktoranden; zwei Teamleiter suchen die Ulmer gerade. Auch den Aufbau und Betrieb „mehrerer eigener Versuchsfahrzeuge mit Sonderzulassung sowie zukünftig auch ein selbst aufgebautes Elektrofahrzeug“ hat sich Drive-U nach Angaben von Prof. Dietmayer auf die Fahnen geschrieben.

Die 5 Sinne des Fahrzeugs

Prof. Ralf Guido Herrtwich, Direktor Fahrerassistenz und Fahrwerkssysteme in Forschung und Vorentwicklung der Daimler AG, stellte seinen Vortrag unter das Motto „Ich sehe was, was Du nicht siehst – Wie Umgebungserfassung unsere Autos sicherer macht.“ Darin erläuterte er die „5 Sinne des Fahrzeugs“ – nämlich Sehen, Scannen, Merken, Hören und Lokalisieren. Das derzeit übliche zweidimensionale Sehen mit Kameras im sichtbaren „bringt uns schon recht weit“, weil eine Analyse der sichtbaren Muster bereits wertvolle Informationen liefert, aber mit 3D-Kameras kommt wirklich eine neue Dimension hinzu – und die gibt es „demnächst so auf der Straße, nächstes Jahr“. Zusätzliche Informationen liefern Scanner vom sehr teuren Laser-Scanner über die von den Park-Piepsern bekannten Ultraschall-Scanner bis zum Funk-Scanner, dem Radar.

Der dritte Sinn ist das Merken, denn damit bekommt das Auto eine „Erinnerung, damit wir vorbereitet sind auf das, was kommt“. Da digitale Karten nicht immer ganz aktuell sind, können Fahrzeuge beispielsweise lernen, dass es an einer bestimmten Stelle jetzt eine Straße anstelle eines Ackers gibt.

Besonders interessant werde jedoch die „Aggregation der Daten mehrerer Fahrzeuge in der Cloud“, die „ein großes Zukunftsfeld“ darstelle. Wenn das System beispielsweise weiß, dass an einer bestimmten Stelle 90% aller Fahrer frühzeitiger bremsten als der aktuelle Fahrer des Wagens, dann ist dies eine sinnvoll nutzbare Information.

Zum Hören gehören für Prof. Herrtwich die Weitbereichskommunikation sowie dynamische digitale Karten, während das Lokalisieren die Nutzung von Systemen wie GPS, GLONASS, BEIDOU, GALILEO etc. umfasst. „Erst mehrere Sensoren machen das Bild komplett“, betont Prof. Herrtwich die Bedeutung der Sensorfusion.

Drive-U: Zusatzinfos

Das Konzept für das neue Institut basiert auf sehr positiven Erfahrungen, die die Daimler AG in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen gesammelt hat. Seit Gründung der Wissenschaftsstadt Ulm im Jahr 1989 sindDoktoranden der Universität Ulm an gemeinsamen Forschungsprojekten wie etwa bei der Gestaltung von Radar-Antennen und der Entwicklung des Nachtsicht-Assistenten beteiligt.

Ein mit dem Drive-U vergleichbares Institut wurde in Zusammenarbeit mit der TU Berlin ins Leben gerufen: 2006 eröffnete das „Daimler Center for Automotive Information Technology Innovations“ (DCAITI), das Forschungsprojekte aus dem Bereich Fahrzeugvernetzung betreut.