„Wir bauen die Unterstützung im Engineering aus, ohne die Innovationen bei Drives und Steuerungen zu vernachlässigen.“ Dr. Thomas Cord, Lenze

„Wir bauen die Unterstützung im Engineering aus, ohne die Innovationen bei Drives und Steuerungen zu vernachlässigen.“ Dr. Thomas Cord, LenzeRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Herr Dr. Cord, wo drückt dem Maschinenbau der Schuh?

Ganz klar, die Time to Market. In vielen Bereichen des Maschinenbaus ist es so, dass derjenige den Zuschlag erhält, der trotz eines variantenreichen Maschinenportfolios und individueller Kundenvorgaben am schnellsten liefert. Und das geht eben mit modularen Konzepten am besten. Allerdings kristallisiert sich die Software-Erstellung als Nadelöhr heraus. Dieses Problem adressieren wir mit unserem Modularisierungsansatz Lenze Fast, der auf eine hohe Wiederverwendung von Software – unseren standardisierten Technologiemodulen – abzielt.

Der Wettbewerbsvorteil vieler Anbieter liegt häufig gerade in der Software. Wo bleibt für den Maschinenbau der Raum für ihre eigene Innovation, wenn jeder Lenze-Bausteine implementiert?

Der Raum für eigene Innovationen wird sogar größer nicht trotz, sondern gerade wegen der Verwendung von Standardmodulen. Für Maschinenbauer macht es keinen Sinn, sich durch eigene Lösungen für Standard-Funktionen vom Wettbewerb abheben zu wollen. Die Materialzuführung an Maschinen ist ein typisches Beispiel. Teilweise extrem komplex umzusetzen, stellt sie keine Kernfunktionalität einer Maschine dar. Warum hier das Rad neu erfinden? Unsere Technologiemodule bringen dem Entwickler Zeit, sich auf die Kernbereiche seiner Maschine mit Differenzierungs-Potenzial zu konzentrieren. Als offenes Konzept konzipiert, kann der Maschinenbauer passende Module von uns nehmen, bei Bedarf adaptieren oder komplett neue selbst entwickeln. Das vereinfacht nicht nur den Entwicklungsprozess, die Entwicklungszeiten werden verkürzt und mit den vorgetesteten Modulen steigt auch die Softwarequalität des Projekts.

„Die mechanische Modularisierung ist im Maschinenbau viel weiter als die Modularisierung der Software.“ Dr. Thomas Cord, Lenze

„Die mechanische Modularisierung ist im Maschinenbau viel weiter als die Modularisierung der Software.“ Dr. Thomas Cord, LenzeRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Was stellt Lenze konkret zur Verfügung?

Wir ermöglichen dem Kunden eine Modularisierung seiner Software, die sich an der Maschinentopologie orientiert. Dazu liefern wir eine Basis-Struktur – das Application Template. In diese Verwaltungsstruktur lassen sich beliebige Module einfügen. Das können unsere Bausteine sein oder individuell entwickelte.

Gibt es Branchen, die die Modularisierung bereits intensiv leben?

Bezogen auf die verschiedenen Branchen des Maschinenbaus, etwa Verpackung, Handling, Druck, stellen wir keine signifikanten Unterschiede fest. Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man die Größe der Maschinenbauer und die Anzahl produzierter Maschinen betrachtet: Je kleiner die Maschinenbauer oder die Losgrößen der Maschinenserien, umso größer sind die Vorteile einer Modularisierung. Und das erkennen immer mehr dieser Firmen. Beispiel Verpackungsmaschinenbau: Viele Unternehmen erzielen Umsätze von 10 bis 40 Millionen Euro und fertigen zwischen 50 und 150 Maschinen mit einer sehr großen Variantenvielfalt. Das schaffen sie nur durch standardisierte Module, die immer wieder projektspezifisch zusammengestellt und auf Kundenanforderung individuell adaptiert werden – auch als Module, um sie in künftige Projekte wieder einbinden zu können. Dieses Konzept sehen wir bei mittelständischen Firmen über alle Branchen hinweg.

„Der Smart Motor wird die Welt der Softstarter, Frequenzumrichter und Getriebe verändern.“ Dr. Thomas Cord, Lenze

„Der Smart Motor wird die Welt der Softstarter, Frequenzumrichter und Getriebe verändern.“ Dr. Thomas Cord, LenzeRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Wie ist denn Fast in die Engineering-Landschaft eingebettet?

Wir übertragen den Modularisierungsgedanken der Maschinenbauer auf unsere Engineering-Tools – angelehnt an ihren Produkt-Entstehungsprozess. Für jede der fünf Phasen des Engineering-Prozesses liefern wir abgestimmte Tools. Bei der Konzepterstellung, der zweiten Phase, zum Beispiel den Drive Solution Designer, DSD. Bereits damit lassen sich Module definieren und Maschinenparameter erfassen, die später automatisch in die Software übernommen werden.

Gibt es auch Schnittstellen zu mechanischen Engineeringtools oder Tools wie Microsoft Visio?

Die Visio-Schnittstelle haben wir. Momentan sprechen wir mit einigen CAD-Anbietern wie denn Import-/Exportschnittstellen beschaffen sein können. Unser Ziel ist es nicht, ein monolithisches Lenze-Portal zu bauen, sondern die Kunden in den einzelnen Engineering-Phasen mit Tools zu unterstützen.

Ein weiterer Vorteil: Wir können die Tools auf den Anwender und dessen Know-how zuschneiden, etwa für Konstrukteure, die mal eben eine einfache Auslegung machen wollen, bis hin zum DSD für echte Antriebs-Profis. Das Service- und Diagnose-Tool Easy Starter ist dafür ein typisches Beispiel: Auf die Aufgaben eines Servicetechnikers vor Ort fokussiert, haben wir alle Funktionen rausgeworfen, die vor Ort irritieren könnten. Natürlich gibt es innerhalb der Tool-Suite nahtlose Übergänge.

„Konkurrenzfähige Produkte sind das Pflichtprogramm, durchgängige Unterstützung beim Engineering das Sahnehäubchen.“ Dr. Thomas Cord, Lenze

„Konkurrenzfähige Produkte sind das Pflichtprogramm, durchgängige Unterstützung beim Engineering das Sahnehäubchen.“ Dr. Thomas Cord, LenzeRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Derzeit stellt Lenze die beiden Technologiemodule fliegende Säge Wickler in den Vordergrund. Sind das die einzigen Lösungen?

Wir haben weitere Lösungsbaukästen unter anderem auch für Roboterkinematiken oder Branchenpakete, etwa für die Verpackungs/Konsumgüterindustrie. Vielleicht verkaufen wir uns hier noch unter Wert. Generell: Das Thema Fast endet nicht und wird sukzessive mit weiteren Modulen ergänzt.

Erzählen Sie mal.

Der Verpackungsprozess bietet noch eine Menge Freiraum, etwa beim exakten Dosieren und Abfüllen mittels Ventilen oder beim Zudrehen von Schraubverschlüssen. Den komplexen Verschließprozess haben wir als Ganzes gekapselt. Dann gibt es auch simplere Dinge wie Einschubbewegungen, bei denen Produkte in irgendwelche Behälter oder Kartons geschoben werden. Das zeigt in etwa die Bandbreite unserer Aktivitäten auf.

Sie stecken viel Zeit und Geld in ihren Software. Von wem holen Sie sich das zurück?

Wir haben ein Lizenzmodell entwickelt, das es auch kleinen und mittelständischen Unternehmen ermöglicht, an unserem Know-how zu partizipieren. Anwender zahlen lediglich für die Nutzung einer Instanz des jeweiligen Funktionsmoduls eine Gebühr. Das ist aus meiner Sicht fairer, als die Software-Entwicklungskosten pauschal auf die Hardware umzulegen oder als die Berechnung von Einmalkosten. Zudem verkaufen wir nach wie vor Antriebe und Getriebe als Einzelprodukte, die der Maschinenbauer in seine existierende Systemarchitektur einbinden kann. Hier stehen wir auch im Wettbewerb mit Anbietern, die sich ausschließlich auf die Vermarktung von Komponenten konzentrieren.

„Wir arbeiten intensiv an Schnittstellen zu CAD/EDM- und PLM-Systemen.“ Dr. Thomas Cord, Lenze

„Wir arbeiten intensiv an Schnittstellen zu CAD/EDM- und PLM-Systemen.“ Dr. Thomas Cord, LenzeRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Wie wirken sich diese Tools auf die Arbeit im Vertrieb aus?

Gerade im Bereich der Auslegung-Tools sehen wir große Veränderungen. Bis vor wenigen Jahren, war es die Aufgabe des Lieferanten, den Antrieb auszulegen. Unsere Vertriebsleute waren quasi Gurus. Ein Anruf genügte und der Guru kam, löste die Aufgabe und übernahm auch die Gewährleistung. Inzwischen ist das Auslegungswissen in Tools gegossen, die den Automatisierer in die Lage versetzen, komplexe Anwendungen auszulegen. Wir wollen, dass die Anwender selbst unterschiedliche Szenarien gegenüberstellen und bewerten können, etwa im Hinblick auf die Energieeffizienz. Lohnt es sich, auf die etwas teurere Technik zu gehen? Dazu müssen sie aber ohne viel Aufwand einen Servomotor gegen einen Asynchronmotor oder einen IE2-Motor durchrechnen können. Dazu geben wir sehr viel Wissen in Form dieser Tools an den Markt weiter.

Das verändert die Zusammenarbeit mit Kunden. Heute kommt es mehr auf die Beratungsleistung und das Maschinen-Know-how an. Hierüber wollen wir uns differenzieren, nicht mehr nur über einzelne Produktfeatures.

Interpretiere ich Sie richtig, Innovationen bei den einzelnen Komponenten sind zweitrangig, weil der Stellhebel Engineering größer ist?

Es wird von Lenze immer Innovationen in den Produkten geben, mit denen wir uns von Wettbewerbern deutlich differenzieren. unsere Innovations-Pipeline ist voller guter Ideen. Das müssen nicht immer bessere und neue Features sein, echte Problemlösungen sind ebenso innovativ. Ein Beispiel dafür zeigen wir auf der SPS IPC Drives, unseren Smart Motor. Mit ihm ist es uns gelungen, die Einfachheit eines Netzmotors mit den technischen Vorteilen einer elektronischen Antriebssteuerung zu kombinieren. Der Lenze Smart Motor ist der erste Motor, dessen Drehzahl frei einstellbar ist. Durch die veränderbare Drehzahl können Maschinenbauer die benötigten Varianten von Getriebe-Motor-Kombinationen deutlich reduzieren, die sie heute noch im Lager vorhalten müssen. Künftig verwendet der Entwickler immer das gleiche Getriebe und gibt dem intelligenten Antrieb einfach die Drehzahl vor.

Das führt zu einer weiteren Standardisierung, diesmal auf der mechanischen Seite und steigert auch hier die Effizienz im Engineering – ein Thema, das vor fünf Jahren noch nicht wirklich auf der Tagesordnung stand, inzwischen gerade auch mit Blick auf den demographischen Wandel ein sensibles Thema ist. Es wird uns immer schwerer fallen, junge Ingenieure am Standort Deutschland zu finden. Daher gilt es, die Engineering-Effizienz nach vorne zu bringen.