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Herr Ruf, sind Sie nach Ihrem Studium direkt in den Bereich Automatisierungstechnik und Bedienen & Beobachten eingestiegen?

Ja. Bei B&R verantworte ich heute gemeinsam mit einem Kollegen die Business Unit HMI, die alle Standardentwicklungen im Bereich der Industrie-PCs und Panels abdeckt. Mein Part ist das Produktmanagement. Mein Kollege ist für die Entwicklungsbelange zuständig.

Der Bereich HMI und Industrie-PCs ist eng miteinander verknüpft?

HMI steht grundsätzlich für Human Machine Interface und wird bei den meisten Unternehmen unter dem Gesamtaspekt PCs, intelligente Panels, Bedienterminals gesehen. Da unterscheiden wir uns nicht groß von anderen Firmen, die ähnlich aufgestellt sind.

Wie stellt sich bei Ihnen die Entwicklung der Bedienterminals, also Bedienerschnittstelle dar?

Ich kenne die Historie natürlich schon seit vielen Jahren. Letztendlich ist es so, dass mit breiterer Aufstellung des Displaymarktes immer mehr Möglichkeiten entstanden sind, um Bedienpanels in einem preislich attraktiven Rahmen an die Maschine zu bringen und damit im Verhältnis zur Gesamtinvestition in einem vernünftigen Rahmen stehen. Vor 20 Jahren gab es auch schon große Bedienterminals, damals noch Röhrenmonitore. Diese waren aber eher in Highend-Anwendungen wie zum Beispiel in der Leittechnik vorbehalten.

Das ganze Feld wurde dann, würde ich mal sagen, nach und nach von unten her aufgerollt. Es begann mit den Textdisplays, die vermehrt an den Maschinen eingesetzt wurden. Dann wurden die Diagonalen größer und mündeten in intelligenten Panels. Was darüber hinaus ging, wurde durch Industrie-PCs abgedeckt. Mit zunehmender wirtschaftlicher Fertigung der Displaytechnologie, fand diese dann immer mehr Verbreitung im Maschinenumfeld.

Natürlich darf man auch nicht vergessen, dass es nicht ausreichte, die Geräte alleine dem Markt zur Verfügung zu stellen. Da am Markt ein Umdenken stattfand, rückten die Bedienlogik, die Bedieneinfachheit und die Bedienergonomie immer mehr in den Vordergrund. Der Maschinenbauer machte sich Gedanken, an welchen Stellen der Maschine oder Anlage die Panels installiert werden sollten, sodass die Information zielgerichtet zur Verfügung standen, ohne dass der vorgegebenen Kostenrahmen überschritten wird. Das ist die Gratwanderung, die Herausforderung, die sich hier stellt. Und da gibt es unterschiedliche Konzepte. Die einen haben lieber ein zentrales, großes Panel, andere verteilen viele kleinere, intelligente Terminals rund um die Maschine. Da steckt natürlich auch immer die jeweilige Bedienphilosophie des Maschinenbauers dahinter.

Fragt der Maschinenbauer bei Ihnen um Rat oder holt sich Ideen, wie er seine Bedienterminals einsetzen kann?

Ja. Solche Entscheidungen sind immer, zumindest in unserem Bereich, ein gemeinschaftliches Betrachten mit den Kunden. Wir haben ja kein Distributionsgeschäft, wo wir über den Ladentisch hinweg verkaufen und nicht wissen, was der Kunde damit tut. Wir sehen uns als Partner des Kunden.

Es gibt viele gemeinsame Projekte, in denen unsere Applikationsingenieure gemeinsam mit dem Kunden die Automatisierungssoftware entwickeln. Speziell im OEM-Maschinenbau, kurz im  Seriengeschäft .Natürlich gibt es auch den Fall, dass der Kunde die reinen Produkte kauft und alles selber macht.

Die Einflüsse aus dem Consumerumfeld, werden zunehmend größer. Wie stark sind die Forderungen, die an Sie gestellt werden, solche Einflüsse mitzugehen?

Ich würde mal sagen, die Einflüsse entstehen daraus, dass in der Öffentlichkeit, und das ist nicht nur auf unsere Anwender zu reduzieren, sondern im Prinzip auf die ganze Consumerwelt, das Thema Bedienerfreundlichkeit, Usability, Benutzerergonomie aufgegriffen hat und als wichtig erachtet wird. Damit ist in der Öffentlichkeit ist eine gewisse Sensibilität vorhanden.

Vor etwa 20 Jahren hatte eine Waschmaschine gerade einmal zwei Drehknöpfe. Einen für die Temperatur und einen anderen für die Programmwahl. Dafür musste man nicht mal die Beschreibung lesen. Heute ist überall ein Display installiert. Jeder Konsument muss sich tagtäglich mit der Bedienthematik auseinanderzusetzen und sich oftmals durch 20 Untermenüs hangeln. Klar, man möchte so viel Komfortfunktionen wie möglich bieten, was es wiederum kompliziert gestaltet. Der Erfolg von Apple zeigt aber, dass es auch anders geht. Apple ist mit einem iPod in einen vollbesetzten MP3-Player-Markt gestartet und jeder war skeptisch. Man hatte aber ein schlüssiges Gesamtkonzept in Form eines attraktiven Gerätes mit einer attraktiven Benutzerführung und parallel dazu einen unterstützenden Softwarebereich mit dem iTunes-Store. Alles hat perfekt zusammengepasst und das machte den Erfolg aus. Usability war das Zauberwort.

Ist das so? Denkt der Bediener an der Maschine darüber nach oder spult er nur seine antrainierten Techniken herunter?

Maschinenbediener, da gebe ich Ihnen Recht, denken vielleicht gar nicht darüber nach, weil sie das ausführen, was ihnen gelehrt wird. Wenn Sie aber ein, zwei Ebenen höher gehen, zu den Entscheidern, dann spielt das sehr wohl eine Rolle, ob ich jetzt an einer großen Maschine oder Anlage eine schlüssige Bedienung habe. Dann spielt eine fehlerfreie Bedienung eine Rolle. Wenn sich Stillstandzeiten durch einen logische Bedienung vermeiden lassen, ist das natürlich ein starker wirtschaftlicher Aspekt.

Sie haben gerade gesagt, fehlerfreie Bedienung. Wie schafft man es, eine fehlerfreie Bedienung zustande zu bekommen? Muss ich da psychologische Studien durchführen?

Es sind eigentlich mehrere Aspekte, die man betrachten muss. Zum einen werden externe Berater beauftragt und Usability-Studien durchgeführt. Wie bedient man ein Softwarewerkzeug am einfachsten, ohne dass man Fehlbedienungen auslöst, die dann wiederum zumindest zu einem Stillstand der Maschine führt. Es ist natürlich immer abhängig vom Komplexitätsgrad der Maschine.

Je genauer man eine Visualisierung auf den Nutzer anpassen kann, desto besser lassen sich teure Stillstandzeiten vermeiden. Auch das Thema Lokalisierung spielt eine Rolle. Das heißt, man muss Rücksicht auf unterschiedliche Ausbildungslevels nehmen, die in Mitteleuropa sicher höher sind als in anderen Kontinenten. Dort sind vereinfachte Darstellungen gefragt oder Piktogramme, vielleicht auch eine Sprachausgabe. Diesem Anspruch werden wir gerecht.

Wie geht B&R bei der Entwicklung neuer Produkte vor?

Die Vorgehensweise bei der Produktentwicklung ist natürlich stark von den Lebenszyklen im PC-Geschäft getrieben. Speziell im PC-Bereich schauen wir, was sich auf dem Consumermarkt tut. Nehmen wir nur als Beispiel die Auswahl eines Displays. Wir haben immer die Herausforderung, dass wir Teile nehmen, die möglichst lange verfügbar sind. Das betrifft nicht nur die Prozessoren und Chipsätze, sondern auch andere Komponenten. Dann schauen wir auch, ob es sogenannte Highrunner gibt. Wir tun uns sicher keinen Gefallen, wenn wir bei einem Display eine Diagonale aussuchen, die extrem exotisch ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas schnell abgekündigt wird, ist erstens hoch und mit Sicherheit auch teuer. Zudem sind Highrunner preislich besser positioniert als irgendwelche Exoten.

Wenn Sie Trends erwähnen, dann geht der Trend im Consumermarkt hin zum Touchscreen. Und dieser setzt sich mittlerweile auch zunehmend in der Industrie durch. Welche Probleme gibt es im Bezug auf Industrietauglichkeit?

Also der Trend zum Touchscreen ist seit zehn Jahren ungebrochen. Von daher hat der gesamte Markt genügend Erfahrung mit Touchscreens. Der Touchscreen muss natürlich zur jeweiligen Applikation passen. Zum Thema Industrietauglichkeit muss man sich an den Anforderungen orientieren. Der analog resistive Touchscreen wird vielfach eingesetzt, da er einfach das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bietet und gut zu bedienen ist. Nachteile, die vor zehn Jahren aktuell waren, haben sich heute erübrigt, da über Helligkeit keiner mehr diskutiert. Es wird eher darüber nachgedacht, ob der Touch allen Anforderungen gerecht wird oder ob er leicht zu reinigen ist. Wir decken die Marktanforderungen mit einem breiten Spektrum an Standardprodukten ab. Darüber hinaus bieten wir kundenspezifische Anpassungen an. Diese reichen von einfachen Folienvarianten bis hin zu individuellen Konstruktionen für spezielle Branchenanforderungen.

Wenn Sie kundenspezifische Panels ansprechen, heißt das, man erkennt nicht auf den ersten Blick, dass B&R drin ist?

Richtig. Auf der einen Seite Schade, auf der anderen Seite muss man auch den Maschinenbauer verstehen. Für ihn ist die Interaktionsstelle zwischen Maschine und Bediener sehr wichtig. Das sind sozusagen die Augen zur Maschine. Und von daher ist es natürlich das Bestreben, dass es möglichst ins Maschinendesign passt oder spezielle ergonomische Anforderungen erfüllt.

Spielt beim Touchscreen die Haptik eine Rolle? Ich bekommen ja eigentlich keine Resonanz bei der Eingabe.

Das ist sehr unterschiedlich, je nach Anforderung. In der Regel, wenn es um reine Touchsysteme geht, kann man es mit einer Farbänderung lösen, so wie man es auch von PCs her kennt. In manchen Bereichen gibt es die Anforderung, zusätzlich zum Touchscreen noch weitere Funktionstasten zu haben, um kritische Bedienungen über die Tasten zu vollziehen. Aber das ist Auslegungssache. Anforderungsspezifische Tastengeräte werden jetzt sicher nicht in den nächsten Jahren verschwinden. Wir sehen eher einen Trend zu reinen Touchgeräten oder einer Kombination aus Touch mit wenigen Tasten.

Das Thema Energieeffizienz spielt in der Maschine eine große Rolle. Trifft dies auch im Bereich intelligente Panels zu?

Ja, weil immer mehr Kunden dazu übergehen, eine Gesamtenergiebilanz zu ziehen, und da spielt natürlich jede Komponente eine Rolle. Aktuell bekommen wir beispielsweise speziell Nachfragen nach LED Backlights, die von der Leistungsaufnahme her etwas unter den CCFLs liegen. Zum anderen spielt natürlich auch der Energieverbrauch des gesamten PC-Systems eine Rolle. Dem begegnen wir mit besonders effizienter Prozessortechnologie, wie Intel Atom. Die damit ausgestatteten Panels bieten darüber hinaus den Vorteil, dass sie über einen weiten Temperaturbereich lüfterlos betrieben werden können.

Welche Neuigkeiten kann ich von B&R im Bereich Bedienpanel in nächster Zukunft erwarten?

Bei den Bedienpanels steht ganz klar der Multitouch im Vordergrund, den wir in einer ersten Variante auf der SPS in Nürnberg vorstellen werden. 21,5″ mit Projective Capacity Touchscreen, also vergleichbar mit dem des iPhones. Das ist das Thema, was momentan sicher am stärksten im Markt diskutiert wird. Natürlich erwarten die Kunden, dass wir unsere PC-Linien weiterentwickeln. Wir werden ein Core-i-System vorstellen mit der aktuellsten Intel-Generation, wodurch wir den Performancebereich deutlich nach oben erweitern.

Welche USPs würden Sie vom Multitouch hervorheben?

Mit der gleichzeitigen Bedienung mehrerer Touchpunkte eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten die Benutzerergonomie zu verbessern und eine intuitive Maschinenbedienung zu ermöglichen. Flache Bedienhierarchien, verschiebbare Buttonleisten und einfaches Skrollen per Wischeffekt – um nur einige Beispiele zu nennen – tragen wesentlich dazu bei, dass der Bediener auch bei komplexen Abläufen die Übersicht behält.