Wir haben ein Energiemanagementsystem kreiert, das mit dem üblichen Automatisierungs-Know-how beherrschbar ist. Stefan Lau (links) und Frank Winter

Wir haben ein Energiemanagementsystem kreiert, das mit dem üblichen Automatisierungs-Know-how beherrschbar ist. Stefan Lau (links) und Frank WinterRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Wie ist denn der Status bei der Gesetzgebung?

Lau: Grundsätzlich gilt es zwischen Gesetzgebungen und Normen zu unterscheiden. Letztere helfen, Energieeffizienzprojekte und ein Energiemanagementsystem zu etablieren. Die maßgebliche Norm ISO 50001 beschreibt, wie in Unternehmen Energieeffizienzmanagementsysteme etabliert werden können und begründet warum das Thema von oben nach unten einzuführen ist. Das Management muss erkennen, wie wichtig es ist, Energie einzusparen. Und das geht nur, wenn die Verbrauchswerte bekannt sind, nicht nur Strom, sondern ebenso von allen anderen Energieträgern und Verbrauchsstoffen.

Da viele Unternehmen und Konzerne Umweltmanagement aktiv und nachweisbar betreiben wollen, sind deren Unterlieferanten automatisch in der Pflicht, ebenso umweltbewusst zu produzieren. Daher wird sich das Thema Energiemanagement in der Breite durchsetzen.

Die EEG-Abgaben sind gar nicht der große Treiber?

Lau: Das Energieeffizienzgesetz gibt es schon länger. Seit Anfang Januar gibt es neue Emissionsrichtlinien und EEG-Abgaben. Energiemanagement ist natürlich auch dafür da, die EEG-Abgabe zu reduzieren. Tatsächlich wird das Thema aber unter einem anderen Gesichtspunkt getrieben – der Nachhaltigkeit. Erste Maschinenhersteller weisen den Energieverbrauch abhängig vom produzierten Produkt und den Stückzahlen aus. Und es gibt Kunden, die tatsächlich beim Kauf einer Maschine nach deren Energie-Footprint fragen.

Gerade Unternehmen, die aufgrund ihres gewaltigen Stromverbrauchs von den Abgaben befreit sind, erkennen, dass man mit einem modernen Energiemanagement auch Kosten sparen kann, die in der Bilanz sofort als Gewinn auftauchen. Aber auch Unternehmen ohne Befreiung müssen daran interessiert sein, weniger Strom zu verbrauchen. Und das Einsparpotenzial ist riesig.

Winter: Von den drei Aspekten, EEG-Abgaben sparen, Energiekosten reduzieren und Einhaltung der EN 50001 ist die Zertifizierung des Energiemanagements die wichtigste Triebfeder. Ohne einen solchen Nachweis scheiden Anbieter als Zulieferer für Unternehmen aus, die sich hinsichtlich Nachhaltigkeit und Umweltschutz zertifizieren lassen.

Und Sie adressieren jetzt mit dem Energiemonitoring diese Aspekte?

„Wir haben mit Enmon eine Lösung entwickelt, die es in der Form noch nicht gab und eine riesige Lücke schließt.“ Stefan Lau

„Wir haben mit Enmon eine Lösung entwickelt, die es in der Form noch nicht gab und eine riesige Lücke schließt.“ Stefan LauRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Lau: Das System passt zu jedem Unternehmen, das Interesse hat, Nachhaltigkeit im Energiebereich einzuführen. Wir haben es so konzipiert, dass es sich ebenso als Einstiegssystem für einen kleinen Mittelständler nutzen lässt, wie auch die Anforderungen eines Großunternehmens erfüllt.

Winter: Wichtig ist, dass sich Enmon beliebig skalieren lässt, wenn das Unternehmen wächst oder weitere Energiearten in das Monitoring integriert werden sollen. Die Basistechnologie, unser Leitsystem Aprol, gibt das her.

Wie schaffen Sie die Skalierung von ganz groß auf der einen Seite, bis runter auf kleine Betriebe und Mittelständler?

Winter: Wir können die Systeme exakt am Bedarf, das heißt an der Anzahl der Messstellen ausrichten, da die Unterstationen auf dem I/O-System X20 basieren. Abhängig von den Messstellen und den Datenraten ergibt sich auf der Monitoringseite eine Skalierung. Hier steht die komplette Bandbreite an Industrierechnern und Power-Panels von B&R zur Verfügung.

B&R ist ja traditionell bekannt für den Support und die Projektierung, die Kunden zur Verfügung steht. Ist bei B&R das spezielle Know-how in Sachen Energiemonitoring und Energieoptimierung überhaupt vorhanden?

Lau: Unsere Lösung haben wir als komplett projektiertes Energiemanagementsystem aufgebaut, sozusagen ein ‚Out of the Box‘-System. Für den Einstieg reicht eine Konfiguration, die sich auch Wizard-gesteuert durchführen lässt. Diese Applikation sowie die im System hinterlegten Protokolle und Auswertungen haben wir zusammen mit zwei erfahrenen Unternehmen aus dem Bereich Energiemanagement erstellt.

Wo ein Unternehmen am besten messen sollte und wie dessen Abläufe optimiert werden können, dafür gibt es wiederum Energiefachberater. Hier arbeiten wir mit Systempartnern zusammen, um gemeinsam unser System in der Industrie zu etablieren.

Warum sollten die Energieberater ihr System vermarkten?

„Energiemonitoring betrifft Endanwender und Maschinenbauer gleichermaßen.“ Frank Winter

„Energiemonitoring betrifft Endanwender und Maschinenbauer gleichermaßen.“ Frank WinterRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Winter: Weil Enmon die Lücke zwischen kleinen, konfigurierbaren Datenloggern und den komplexen Systemen schließt. Energieberater wissen, was und wo zu messen ist. Programmieren ist nicht deren Kerngeschäft, zumal sie mehrere Systeme beherrschen müssten. Wir haben mit Enmon eine skalierbare, beherrschbare Lösung mit der Funktionalität großer Energiemanagementsysteme entwickelt, die nur noch zu konfigurieren ist – vom Anwender oder Energieberater.

Welche Energieträger und Verbrauchsstoffe kann Enmon erfassen?

Winter: Neben der elektrischen Energie natürlich auch Gase, und Flüssigkeiten wie Öl. Druckluft, Wasser und andere Medien sind ebenso wichtig. Je nach Branche ist Dampf eine wichtige Ressource, dessen Energiewert nicht nur gemessen, sondern berechnet werden muss. Auch dazu haben wir uns Gedanken gemacht und liefern mit dem System einen Funktionsbaustein mit, der die Energiewerte eines Kessels berechnet.

Lau: Erfasst werden die Messgrößen über unseren Standard-Automatisierungsbaukasten X20. Neben der breiten Palette an Standard-I/Os haben wir dazu verschiedene Module entwickelt, beispielsweise für Zähler mit M-Bus-Schnittstelle oder Messgeräte mit Modbus-TCP.

Alles lässt sich zu einer Unterstation kombinieren und über einen Hardwarekonfigurator projektieren, genauso wie man es bei einer Hardware-SPS macht. Dann braucht man für die Datenpunkte in einer Excel-Liste nur noch die Messstellenbezeichnungen eingeben, zum Beispiel Halle und Produktionslinie, Tarifklasse und Kostenstelle. Daraus generiert das System automatisch das gesamte Projekt und – viel wichtiger für die Anwender – erstellt die Reports und Auswertungen. Um den Energieeffizienz-Nachweis führen zu können, entsprechen diese den Vorgaben der Energieberater und Vorlagen wie sie beispielsweise der TÜV zusammen mit anderen Instituten für die Zertifizierung nach ISO 50001 entwickelt hat. Ebenso haben wir die klassischen Billing-Reports und Vergleichsanalysen implementiert.

Energieverbräuche messen ist das eine, rechtzeitig reagieren, um wie beim Strom Lastgrenzen einzuhalten das andere. Wie sieht es mit den Eingriffs- und Kontrollmöglichkeiten aus?

Lau: Viele Unternehmen, die Energiemonitoring betreiben, wollen auch eine Lösung mit der sie entsprechend den Analysen ihre Prozesse auch steuern können. Wir können das leisten, da Enmon aus einem Prozessleitsystem abgeleitet ist. Wo die Grenzen für ein Eingreifen liegen, wird anhand der Verfahrensabläufe vom Unternehmen festgelegt. Oft reicht es schon aus, Anlagen zeitversetzt zu starten, um die Bezugsgrenzen nicht zu verletzen. Um die optimale Maschinenabfolge zu ermitteln, braucht es aber die Datenerfassung. Nur was gemessen wird, kann auch gemanagt werden.

Eine weitere Anwendung sind Vergleichsmessungen. Wieso verbraucht eine Anlage in der einen Schicht mehr Ressourcen als in der anderen? Auch hier gilt: Zuerst messen. Dann reicht unter Umständen schon ein gemeinsamer Workshop von Früh- und Spätschicht, um den Mehrverbrauch abzustellen.

Winter: Das ist es, was vielen Betrieben noch fehlt. Ein Tool, das die Analyse der Messwerte unterstützt und bei Bedarf Prozesse überwacht und steuert, inklusive Grenzwertüberwachung, Alarmierung und Lastmanagement.

Wäre es für Anbieter großer Energieverbraucher wie Kompressoren nicht reizvoll, einen Enmon-Client in ihre Aggregate-Steuerung zu integrieren?

Winter: Wir haben einige Kompressorenhersteller als Kunden. An deren Anlagen werden immer höhere Anforderungen in Richtung Vernetzung und Diagnose gestellt. Damit steigen unsere Chancen in diesem preislich hart umkämpften Markt. Auch Anbieter großer Anlagen werden inzwischen häufig dazu verpflichtet, im Betrieb Energiedaten bereitzustellen. Neben den Endkunden ist das eine weitere Zielgruppe für uns.

Generell wäre doch ein Enmon-Template oder -Funktionsbaustein für Maschinensteuerungen sinnvoll, anstatt Unterstationen fürs Energiemonitoring an jeder Maschine neu zu installieren. Wie sieht Ihre Strategie für Serienmaschinenbauer aus, die B&R-Controller nutzen?

Winter: Das Interesse seitens der Maschinenbauer ist vorhanden. Schließlich wird das Thema immer wichtiger und kann ein Verkaufsvorteil sein, ähnlich wie es inzwischen das Maschinendesign ist. Zuerst sollten sie bei ihren Maschinen aber darauf achten, dass die Antriebe nicht das gesamte Stromnetz verbiegen. Wenn das Thema energieeffiziente Antriebe abgehakt ist, macht auch das Energiemonitoring Sinn. Ein B&R-Kunde kann diese Funktionen mit wenig Aufwand und Kosten realisieren, beispielsweise wenn er Maschinen bei einem Endanwender aufstellt, der EnMon bereits einsetzt. Umgekehrt motivieren Serienmaschinen mit unserer Lösung den Endanwender ein Energiemonitoring einzuführen oder auf Enmon umzustellen.

Lau: Diese Wechselwirkung zeigt, dass es für Anbieter wie B&R nicht mehr genügt, nur die Steuerung und Antriebe zu liefern. Heute ist ein umfassendes Angebot für die industrielle Automation gefragt. Dazu gehören gerade auch Themen wie das Energie- und auch Condition-Monitoring. Ich behaupte: Solch ein Paket kann momentan kein anderer mittelständischer Automatisierunganbieter und auch kein Konzern schnüren.