Productronic sprach mit Dr. Andreas Reinhardt, Leiter Forschung und Entwicklung bei Seho Systems, der die Veranstaltung ETFN moderierte. Nach einem Studium der Mechatronik an der Universität Erlangen-Nürnberg war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Produktionssystematik (FAPS), Bereich Elektronikproduktion und Gruppenleiter der Elektronikproduktion am Lehrstuhl. Seit 2014 ist er zudem Forschungsleiter bei Seho Systems.

Dr.-Ing. Andreas Reinhardt, Leiter Forschung und Entwicklung bei Seho Systems, moderierte die Veranstaltung ETFN.

Dr.-Ing. Andreas Reinhardt, Leiter Forschung und Entwicklung bei Seho Systems, moderierte die Veranstaltung ETFN. Seho Systems

Das Anwenderforum ist alle zwei Jahre eine offene Plattform für einen intensiven Austausch mit den Teilnehmern zu unterschiedlichsten aktuellen Themenstellungen.

Das Anwenderforum ist alle zwei Jahre eine offene Plattform für einen intensiven Austausch mit den Teilnehmern zu unterschiedlichsten aktuellen Themenstellungen. productronic

Productronic Herr Dr. Reinhardt, das Anwenderforum ETFN fand nun zum sechsten Mal statt. Wie ist Ihr Fazit?

Dr. Reinhardt Das Anwenderforum ist alle zwei Jahre eine sehr offene Plattform für einen intensiven Austausch mit den Teilnehmern zu unterschiedlichsten aktuellen Themenstellungen. Die fast familiäre Atmosphäre bietet gute Gelegenheiten um neue Anforderungen zu erfassen sowie die aktuellsten Neuentwicklungen präsentieren und diskutieren zu können.

Productronic Die Veranstaltung hebt sich von den üblichen Technologietagen oder Messekonzepten ab, weil auf die vielfältigen Bedürfnisse der Anwender eingegangen wird. Wie haben Sie das Programm ausgerichtet und die Bedürfnisse erfragt?

Dr. Reinhardt Das Programm wird von allen Ausstellern gestaltet, sodass ein breites Themenspektrum rund um die Elektronikproduktion geboten wird. Gleichzeitig macht es dies auch schwierig ein festes Themenfeld festzulegen. Auch wenn es aus marketingtechnischen Gründen wünschenswert wäre, eine bestimmte Thematik – zum Beispiel Industrie 4.0 – zu bewerben, führt dies doch eher dazu, dass entweder der Oberbegriff nicht greifbar ist oder aktuelle Themenstellungen aus der gesamten Prozesskette in ein Korsett gezwängt werden, das dem Verständnis der Besucher nicht zuträglich ist. Auch Energieeffizienz ist beispielsweise eine wichtige Themenstellung für die Löttechnik, beim Schablonendruck gibt es aber wichtigere Aufgabenstellungen, die es zu lösen gibt. So ist der Slogan ‚Aus der Praxis – für die Praxis‘ nicht nur eine leere Phrase, sondern wird aktiv vor und während der Veranstaltung gelebt – was auch von den Besuchern eingefordert wird und noch zukünftig werden kann. Glücklicherweise arbeiten wir in einer Branche, in der mit den Kunden auf Augenhöhe kommuniziert werden kann, um ständig deren Bedürfnisse mit den eigenen Lösungsmöglichkeiten abgleichen zu können. Das Programm ergibt sich hierdurch alle zwei Jahre fast von selbst, da wir tagtäglich an neuen Anforderungen gemessen werden.

Productronic Herrschte nicht ein größeres Interesse am Thema Industrie 4.0 als an produktionstechnischen und optimierenden Themen?

Dr. Reinhardt Das Thema Industrie 4.0 – so meine Einschätzung – nähert sich aktuell immer mehr dem Boden der Tatsachen. Vor wenigen Jahren noch ein gehyptes Schlagwort mit noch wenig Umsetzungspotenzial im praktischen Alltag, werden die Anforderungen zunehmend konkreter und greifbarer. Speziell in der Elektronikproduktion gibt es natürlich den Anspruch bei neuen Themen vorne mit dabei zu sein, Industrie 4.0 rein um der Sache willen bietet aber keinen Mehrwert. Durch die zunehmende Vernetzung steigt am Ende noch die Ausfallwahrscheinlichkeit. Produktionstechnische und optimierende Themen wachsen hier mit Industrie 4.0 zusammen – durch entsprechende Datenauswertung (und nicht nur Sammlung) richtig angewendet, lassen sich Prozesse optimieren, bei denen die reine Technik aktuell keine großen Verbesserungsschritte mehr erzielen kann. Lösungen wie „Predictive Maintenance“ dienen der Fertigungsoptimierung und sind gleichzeitig unter dem Schlagwort Industrie 4.0 beheimatet.

Productronic Eine Antwort auf die wachsende Individualisierung von Produkten sowie den permanenten Qualitäts- und Kostendruck soll eine atmende Fertigung in einem Lean Production Umfeld bieten, äußerte ein Vortragender. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Dr. Reinhardt Eine Standardantwort auf die Herausforderungen, die die wachsende Individualisierung mit sich bringt, wird es wohl nicht geben. Hier kann sich aber glücklicherweise der Standort Deutschland auf seine Kernkompetenzen besinnen um geeignete Lösungen zu entwickeln. Eine atmende Fertigung mit beherrschbar automatisierbaren Prozessen ist eine gute Basis um unterschiedliche Produktspektren produzieren zu können. Wichtig ist hier ein Komplexitätsmanagement um den Überblick zu behalten und ein Verständnis zu entwickeln, welche Individualisierungen möglich sind und wo Fertigungsinseln an ihre Grenzen stoßen. Dies bedingt auch eine Modularität der Anlagentechnik, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Gleichzeitig erfordert Lean Production aber auch die Meisterung des Balanceakts zwischen einfacher, flexiber Automatisierung und vollständiger Prozessüberwachung.

Productronic In Zukunft sollen Roboter immer mehr einen Teil der Aufgaben übernehmen, wofür eine Mensch-Maschinen-Schnittstelle benötigt wird. Wird dies bereits in den neuen Maschinenkonzepten berücksichtigt?

Dr. Reinhardt Roboter sind durch ihren mittlerweile günstigen Preis und die einfache Programmierbarkeit in der Mitte der Fertigung angelangt. Die entsprechenden Schnittstellen, die von den Herstellern zur Verfügung stehen, ermöglichen uns die Integration in neue Maschinenkonzepte ohne das Rad grundlegend neu erfinden müssen. Wichtig ist hier jedoch ein Umdenken von unseren teilweise vollautomatisierten Prozessen hin zu flexibel einrichtbaren Handhabungstätigkeiten, die auch ohne mehrtägige Schulungen programmierbar sein müssen.

Productronic Ist die Elektronikindustrie nicht vielmehr an der Optimierung der Fertigungstechnologien interessiert? Also Themen wie die richtige Versorgungstechnik für die verschiedensten Lötapplikation zu finden oder die Auswahl des richtigen Vakuum-Lötverfahrens?

Dr. Reinhardt Grundsätzlich ist eine stetige Optimierung immer eine Zielstellung, die jedoch in Abhängigkeit des Reifegrads der Fertigungstechnologie zunehmend schwieriger wird. Während aktuell wohl beim 3D-Druck noch Faktoren an Leistungssteigerungen und Preissenkungen möglich sein dürften, ist die Elektronikindustrie sicherlich nicht mehr in der Lage ohne vollkommene Paradigmenwechsel Einsparungen oder Verbesserungen im mehrstelligen Prozentbereich zu erzielen. Die Optimierung muss sich schließlich auszahlen oder für die Fertigung eines Produkts unumgänglich sein. Als Vergleich kann man hier beispielsweise auch in die Hausgerätesparte schauen. Während sich früher der Tausch eines alten, noch funktionsfähigen Kühlschranks auf ein neues, effizienteres Gerät nach wenigen Jahren amortisiert hat, lohnt es sich heute nicht mehr eine Anschaffung vor dem Lebensende vorzunehmen. Abseits der Fertigungstechnologien sind hier entsprechend neue Felder aufzudecken und zu erforschen, mit denen eine effizientere Produktion möglich ist. Dies kann auch ein Rückgang zu spezialisierter, vollautomatisierter Anlagentechnik hin zur individuellen, teilmanuellen Fertigung sein – wichtig ist auf jeden Fall die gezielte Unterstützung von Bediener und Personal, um sich mit wenig Overhead um die Kernaufgaben kümmern zu können. Gerade auch durch kommunizierende Prozesse können Auslastungen erhöht und Ausfallzeiten minimiert werden, wenn die richtigen Anlagen im Austausch zueinanderstehen und nicht erst mit Eintreffen einer Baugruppe an der Anlage festgestellt wird, dass ein Werkzeugwechsel oder ähnliches notwendig ist.

productronic Können Sie uns einen Ausblick geben, welche Themen in den nächsten Jahren in der Elektronikfertigungsindustrie vorherrschend sein werden? Fertigungs- und Qualitätsoptimierung, Automatisierung, Qualitätssicherung oder IoT?

Dr. Reinhardt IoT wird in den nächsten Jahren immer ein begleitender Faktor sein, da es nicht für sich selbst stehen kann und gleichzeitig die Chance bietet noch ungenutzte Potenziale auszuschöpfen. Wir sehen eine stärkere Individualisierung der Fertigungstechnik für spezifische Sparten – hier ist es immer wichtiger den direkten, intensiven Austausch zwischen Anwender und Hersteller herzustellen um die ideale Lösung zu finden. Deshalb brauchen wir auch zukünftig eine Plattform „aus der Praxis – für die Praxis.

Die Fragen stellte Harald Wollstadt, fester freier Redakteur Productronic

SMT/Hybrid/Packaging 2017: Seho: Halle 4, Stand 129