Herr André, wie laufen die Geschäfte?

Christian André: Unsere Geschäfte laufen gut. Wenn wir unsere Fokus-Marktsegmente „Automotive und Industrial“ anschauen, dann wachsen wir schneller als der Markt. Automotive und Industrial tragen übrigens fast 40 % zum konsolidierten Umsatz des Gesamtunternehmens bei. Gleichzeitig sinken Rohms Umsätze im Consumer-Markt aufgrund des hohen Engagements von Rohm auf dem japanischen Consumer-Markt.

Christian André: „Wir sind der Pionier bei den gemäß AECQ automotive-qualifizierten SiC-SB-Dioden und SiC-MOSFETs.“

Christian André: „Wir sind der Pionier bei den gemäß AECQ automotive-qualifizierten SiC-SB-Dioden und SiC-MOSFETs.“ Alfred Vollmer

Welche Bedeutung hat das Automotive-Geschäft für Rohm?

Christian André: Zusammen mit dem Industriemarkt liegt unser Fokus auf dem Automotive-Segment, wo wir unsere Innovationen liefern können. So stellte Rohm zum Beispiel vor mehr als 30 Jahren als erstes Unternehmen digitale Transistoren vor, mit denen die Entwickler elektronischer Schaltungen mehrere Transistoren und Widerstände in einem oberflächenmontierbaren Gehäuse des Typs SOT323 integrieren konnten, um so den Platzbedarf auf der Leiterplatte drastisch zu reduzieren.

Im Jahr 2004 betrug der konsolidierte Automotive-Umsatz von Rohm nur 11 %, aber im letzten Fiskaljahr, das im März 2016 endete, machten die Automotive-Umsätze bereits etwa 29 % des Gesamtumsatzes von Rohm aus; das heißt 10 Milliarden Yen oder 916 Millionen Euro Umsatz allein im Automotive-Segment. Automotive ist unser Wachstumstreiber – und zwar besonders bei diskreten Leistungshalbleitern und ICs. In Europa trägt das Automotive-Geschäft übrigens mehr als 50 % zum Gesamtumsatz bei.

Welche generellen Pläne hat Rohm im Bereich Automobil?

Christian André: Wenn wir auf unsere Inhouse verfügbaren Technologien schauen, bietet der Automotive-Bereich uns viele Wachstumsmöglichkeiten. Wir sind der Pionier bei den gemäß AECQ automotive-qualifizierten SiC-SB-Dioden und SiC-MOSFETs. Für On-Board-Charger (oder Ladegeräte) ist die SiC-Technologie schon heute in Massenproduktion, und in Zukunft wird SiC auch in DC/DC-Wandlern, Invertern und anderen Elektronik-Systemen im Auto zum Einsatz kommen.

Im Bereich Car-Infotainment und ADAS liefern wir LSI-Lösungen für das Powermanagement auf Systemebene an Hersteller von SoCs, die so eine höhere Performance ihrer Plattformen erzielen. Darüber hinaus sind wir Lieferant von Standardprodukten wie LDOs, EEPROMs, diskreten und passiven Bauelementen, inklusive Shunt-Widerstände. All diese Bauteile befinden sich im Auto. In Europa haben wir ein LSI-Design-Center sowie ein Power-Labor etabliert, um unsere Kunden dabei zu unterstützen, die am besten für ihre Applikation passenden Produkte zu finden.

Im Bereich LSI-Schaltungen für analoges und digitales Powermanagement sowie bei diskreten Power-Lösungen wollen wir unseren Kunden noch mehr Produkte bieten. Die Marktkonsolodierung gibt uns eine großartige Chance, weil die Kunden nach einem Broadliner Ausschau halten. Weil die Qualität und die Lieferkette für die Automobilbranche von essenzieller Bedeutung sind, wo alles die Tendenz zur Standardisierung sowie zu plattform-basierten Lösungen hat, erkennt der Markt es ganz klar an, wenn ein Unternehmen als One-Stop-Shop agiert.

Christian André: „Der Markttrend geht dahin, in EVs und HEVs die IGBTs durch SiC-MOSFETs zu ersetzen.“

Christian André: „Der Markttrend geht dahin, in EVs und HEVs die IGBTs durch SiC-MOSFETs zu ersetzen.“ Alfred Vollmer

Welche spezifischen Stärken bietet Rohm als japanisches Unternehmen auf dem europäischen Markt?

Christian André: Unsere Stärke ist die Kultur unseres Unternehmens. Der Anspruch auf höchste Qualität ist unsere Firmen-Mission – und zwar mit viel Disziplin bei der Ausführung und robusten Prozessen. Das ist der Grundstein der vertrauensvollen Beziehung, die wir mit unseren Kunden aufgebaut haben. Wir sind kundenzentrisch. Als Auszeichnung erhielten wir über mehrere Jahre hinweg die Best-Supplier-Awards von den Tier-1-Zulieferern. Erst vor kurzem zeichnete uns Continental mit dem „Supplier oft he Year 2015“-Award aus.

Welche wesentlichen Trends sehen Sie in der Automotive-Branche?

Christian André: Der wesentliche Trend der Automobilbranche ist die Elektromobilität, die Themen wie 48-V-Architekturen im Fahrzeug sowie die Elektrifizierung des Antriebsstrangs in Hybrid- und Elektrofahrzeugen vorantreibt, aber natürlich auch ADAS für intelligente Transportsysteme.

Die Automotive-Branche ist derzeit mit den großen Themen der Menschheit konfrontiert: Klimawandel, Urbanisierung, Luft- und Umweltverschmutzung sowie Energieverbrauch. Die Technologien sind verfügbar, aber ihre Anwendung benötigt die Einbindung aller Beteiligten inklusive Regulierungsbehörden und Gesetzgeber. Es geht voran.

Warum fertigt Rohm all seine Produkte in eigenen Fabriken: vom Einkristall über die Fotomasken bis zu Wafern und Gehäusen?

Christian André: Ein Beispiel: Im Jahr 2015 wurden in den USA insgesamt 51 Millionen Fahrzeuge aufgrund von Qualitätsproblemen zurückgerufen, und diese Zahl wird noch ansteigen. Rohm setzt seine Mission „Qualität ist unsere Top-Priorität“ durch vertikale Integration um. Wir wollen die gesamten Schlüsselschritte unserer Produkte von der Entwicklung bis zum finalen Fertigungsschritt unter Kontrolle haben. Besonders unsere Kunden in der Automobilindustrie wissen das zu schätzen, weil wir so eine höhere Flexibilität haben, einer erhöhten Nachfrage unserer Kunden nachzukommen.

Wo sind ihre wesentlichen Automotive-Applikationen?

Christian André: Mit unseren Standard- und ASSP-Halbleiterbausteinen sowie mit unseren diskreten Bauelementen sind wir praktisch überall im Fahrzeug vertreten: Transistoren, Dioden, Leistungswiderstände und LSI-Bausteine für System-Powermanagement, DC/DC-Wander, LED-Treiber, EEPROMs. Unsere Produkte finden sich in Motor, Getriebe, Chassis und Infotainment. Bei den Zukunftsprojekten liegt unser Fokus auf ADAS und dem Antriebsstrang – und zwar mit Lösungen für das komplexere analoge und digitale System-Powermanagement sowie mit einer neuen Generation von Halbleitermaterialien wie zum Beispiel Siliziumkarbid.

Christian André: „30 % Elektrofahrzeuge in 15 Jahren sind realistisch.“

Christian André: „30 % Elektrofahrzeuge in 15 Jahren sind realistisch.“ Alfred Vollmer

Welche Trends sehen Sie im Bereich SiC-Technologie?

Christian André: Rohm ist heute nach Jahren intensiver Forschung und Entwicklung ein Pionier bei der Entwicklung und Produktion von SiC. Die Branche widmet der Siliziumkarbid-Technologie mittlerweile große Aufmerksamkeit, weil SiC im Vergleich zu Silizium überlegene Eigenschaften aufweist. Hierzu gehören ein geringerer On-Widerstand, kürzere Schaltzeiten und damit höhere Schaltgeschwindigkeiten bei hohen Spannungen sowie der Betrieb bei hohen Temperaturen. Damit eignet sich die SiC-Technologie für Automotive-Applikationen, wo sie kompakte und zuverlässige Designs ermöglichen, was zu kleineren Systemlösungen führt.

Rohm hat im Jahr 2004 die ersten Vorversionen von SiC-MOSFETs entwickelt und kündigte als weltweit erstes Unternehmen die Massenfertigung von SiC-MOSFETs mit Trench-Struktur an. Im Vergleich zu planaren SiC-MOSFETs verringert sich bei gleicher Chipfläche der On-Widerstand eines Trench-MOSFETs um 50 %, was zu einer signifikanten Senkung der Leistungsverluste führt. Rohm war 2011 auch das erste Unternehmen der Branche, das ein komplettes SiC-Modul herstellte. Seit der Etablierung unserer Fabrik ‚SiCrystal‘ in Nürnberg im Jahr 2009 sind wir in der Lage, den gesamten Fertigungsprozess von der Waferbearbeitung bis zur Gehäusefertigung im eigenen Haus durchzuführen, um so eine besonders hohe Qualität und Zuverlässigkeit der Produkte und eine stabile Versorgung sicherzustellen.

Der Markttrend geht dahin, in Elektro- und Hybridfahrzeugen die IGBTs durch SiC-MOSFETs zu ersetzen – und zwar in den Applikationen On-Board-Ladegerät, Inverter, Booster und DC/DC-Wandler.

Warum kooperiert Rohm mit der Formula-e?

Christian André: Wir haben eine technologische Partnerschaft mit dem Team Venturi in der Formula-e. Die Nutzung von SiC-Halbleitern bei Autorennen zeigt die Reife der Technologie und die Robustheit unserer Bauteile in rauen Umgebungen.

Uns gefällt Formula-e, weil das Rennen in der Innenstadt stattfindet. Die Fans sind im Wesentlichen die jungen Leute, die sich viel stärker Gedanken um Umweltaspekte machen, sodass sie auch die Vorteile der Nutzung eines sauberen Fahrzeugs sehen. Wir wollen unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten, indem wir die Luftqualität verbessern und der zukünftigen Generation bessere Lebensbedingungen geben.

Christian André: „Wir wollen die gesamten Schlüsselschritte unserer Produkte von der Entwicklung bis zum finalen Fertigungsschritt unter Kontrolle haben.“

Christian André: „Wir wollen die gesamten Schlüsselschritte unserer Produkte von der Entwicklung bis zum finalen Fertigungsschritt unter Kontrolle haben.“ Alfred Vollmer

Wie wird sich der Markt für Elektro- und Hybridfahrzeuge entwickeln?

Christian André: Die Zahlen verschiedener Quellen sind unterschiedlich, aber ich kann sagen, dass alle einen Aufwärtstrend sehen. 30 % Elektrofahrzeuge in 15 Jahren sind realistisch. Die Geschwindigkeit, mit der die Elektromobilität an Fahrt aufnimmt, hängt stark mit der politischen Entscheidung zusammen, die Abdeckungsrate der Infrastruktur zu erhöhen, aber auch mit Subventionen und der Gesetzgebung. Es handelt sich dabei mehr um einen strategischen Aspekt, der weniger stark von der Ölversorgung abhängt. Das Ergebnis der als COP21 bezeichneten UN-Klimakonferenz 2015 in Paris setzt eine Priorität auf die effiziente Energienutzung und das Klima.

Im Jahr 2009 hat Rohm den MEMS-Sensorspezialisten Kionix übernommen. Welche Pläne hat Rohm bei Automotive-MEMS-Sensoren?

Christian André: Unser kurzfristiger Fokus liegt auf IoT-Anwendungen, für die wir eine Plattform entwickeln, die Software und Hardware für Plug-and-Play-Systemlösungen miteinander kombiniert, aber einige unserer MEMS-Produkte kommen auch in Automotive-Applikationen zum Einsatz.

Welche Trends sehen Sie im ADAS-Bereich, und welche Aktivitäten hat Rohm bei ADAS?

Christian André: ADAS ist ein Baustein der Transformation der Automobilbranche hin zu mehr Sicherheit sowie zu mehr Effizienz auf der Straße und im Verkehr. Das Auto entwickelt sich derzeit von einem reinen Produkt in einem geschlossenen System hin zu einer Kooperative und zum Connected-Car. Die Digitalisierung wird eine Vielzahl von Diensten ins Auto bringen, sodass es ein ‚Nomadic Device‘ wird; diese Bezeichnung hatten bisher nur Smartphones, Tablets und ähnliche Geräte.

Für ADAS wird an Bord ein ‚Microserver‘ erforderlich sein, der die Schlüsselfunktionen zentralisiert und als Master für die Peripherieelemente des Multiplex-Systems fungiert. Unser Beitrag besteht darin, die Designs des komplexen analogen und digitalen System-Powermanagements mit allen Sicherheitselementen auszustatten, sodass die Systeme safe und secure, also funktionssicher und datensicher sein können. Diese Power-Elemente versetzen den Mikrocomputer, alle Radarsensoren und Sensorbausteine in die Lage, mit ihrer höchstmöglichen Performance zu arbeiten. Wir arbeiten mit den großen Playern in diesem Bereich zusammen.

Christian André (im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Auf der Technologieseite werden kleinere LEDs, Laser und OLEDs auf den Markt kommen, um die Gehäusegrößen zu verringern und den Designtrend hin zu stylischeren Beleuchtungslösungen zu vereinfachen. Rohm liefert LED-Treiber und Matrix-LED-Treiber-ICs. Wir wollen ein wichtiger Player in diesem Applikationsbereich sein.“

Christian André (im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Auf der Technologieseite werden kleinere LEDs, Laser und OLEDs auf den Markt kommen, um die Gehäusegrößen zu verringern und den Designtrend hin zu stylischeren Beleuchtungslösungen zu vereinfachen. Rohm liefert LED-Treiber und Matrix-LED-Treiber-ICs. Wir wollen ein wichtiger Player in diesem Applikationsbereich sein.“ Alfred Vollmer

Welche Trends sehen Sie bei externen und internen LED-Beleuchtungen?

Christian André: Automotive-Beleuchtungslösungen auf LED-Basis haben den Komfort der Fahrer erhöht und die Prävention von Unfällen verbessert; sie tragen zur Senkung der CO2-Emissionen bei und erhöhen die Energie-Effizienz. Für den Endkunden ist es ein attraktives Feature, das eigene Fahrzeug zu personalisieren. Ich glaube, der Trend besteht darin, bei der Innenraumbeleuchtung mit Mehrfarben-LEDs die Personalisierung zu erhöhen. Im Außenbereich wird das Fahrzeug mit seiner Umgebung interagieren, um den Fahrkomfort sowie die Sicherheit auf der Straße weiter zu erhöhen. Das neue Beleuchtungssystem wird digitaler sein, und auch Software wird dabei eine Rolle spielen. Auf der Technologieseite werden kleinere LEDs, Laser und OLEDs auf den Markt kommen, um die Gehäusegrößen zu verringern und den Designtrend hin zu stylischeren Beleuchtungslösungen zu vereinfachen. Rohm liefert LED-Treiber und Matrix-LED-Treiber-ICs. Wir wollen ein wichtiger Player in diesem Applikationsbereich sein.

Welche Aktivitäten hat Rohm im Bereich Automotive-Connectivity?

Christian André: Die sichere Connectivity von V2V und V2X sind die größte Herausforderung im Bereich ADAS. Die Kooperation mit Providern und Infrastruktur-Anbietern ist wichtig, um die Safety- und Security-Aspekte zu beherrschen. Dies ist Teil unserer ADAS-Aktivitäten.

Sie haben im Juni erstmals den 20. Fachkongress Fortschritte in der Automobil-Elektronik in Ludwigsburg besucht. Welchen Eindruck hatten Sie von der Veranstaltung?

Christian André: Der 20. Fachkongress Fortschritte in der Automobil-Elektronik war ein spannender Event, auf dem die führenden Persönlichkeiten der Branche die Herausforderungen und die Möglichkeiten der Zukunft besprechen. Ich werde den 21. Fachkongress nicht verpassen.