Die Halbleiterindustrie hat die längste Abschwungphase ihrer Geschichte hinter sich, sie befindet sich bereits am Beginn eines neuen Aufschwungs. Um rund 20% auf 194 Mrd. US-Dollar soll der Halbleitermarkt im kommenden Jahr steigen.“ Darin stimmten die Teilnehmer einer von der SEMI (Semiconductor Equipment and Materials International) organisierten Paneldiskussion überein. Die SEMI ist der weltweite Verband der Hersteller von Maschinen und Materialien für die Fertigung von Chips und Flachbildschirmen.


„Der `perfect storm´ ist überstanden. Wir verzeichnen eine steigende Nachfrage aus der Computer-, der Telekommunikations-, der Automotive- und der Consumer-Industrie“, sagt Walter Rössger, President SEMI Europe/CIS. Auch Dr. Andreas Schumacher, Director Market Intelligence von Infineon bestätigt diesen Trend: „Das Tal der Tränen ist durchschritten. In Übereinstimmung mit den führenden Marktforschungsinstituten gehen wir von einem Wachstum von 20% in 2004 aus.“


Den Aufschwung treiben zwei Faktoren: Erstens setzen die Endgerätehersteller wieder steigende Stückzahlen ab und zweitens steigt der Wert der Elektronik pro Gerät ständig. Das gilt für Handys genauso wie für Autos. So wird laut Andreas Schumacher der Wert der Chips im Auto von 200 Dollar im Jahr 2000 auf 240 Dollar bis 2004 wachsen.


Die europäische Halbleiterindustrie hat die Rezession recht erfolgreich überstanden. Immerhin finden sich drei Europäer unter den weltweiten Top Ten: Infineon, Philips und STMicroelectronics. „Die Anfang der 90er Jahre in die Wege geleitete Forschungsprojekte JESSI und MEDEA haben eine neue Dimension der europäischen Zusammenarbeit initiiert und die anwendungsorientierten Projekte tragen jetzt Früchte“, erklärt Walter Rössger.


An der Spitze des Wachstums liegt in den kommenden Jahren China. Mit einem Plus von nicht weniger als 35% rechnen die Experten für 2004. „Doch auch wenn diese enorme Zunahme über die nächsten fünf Jahre anhielte“, so Walter Rössger, würde China dann auf einen Weltmarktanteil von lediglich 5% kommen. “Das Wachstum geht also von einem sehr niedrigen Niveau aus. Dagegen befinden sich in Japan die weltweit größten installierten Kapazitäten für die Halbleiterproduktion. Mit einem Plus von 26% ist die Halbleiterindustrie dort bereits in die Boom-Phase eingetreten. Und auch in Korea tut sich einiges. So hat allein Samsung über die letzten Jahre mehr Kapital in den Ausbau der Kapazitäten investiert als die europäische Chipindustrie zusammengenommen.


Aufschwung in Europa und Boom in Asien – das sind gute Nachrichten für die europäischen Hersteller von Maschinen für die Halbleiterfertigung. Denn die europäischen Hersteller erwirtschaften 80% ihres Geschäftes im Export. Nach der Rezession, die Ende 2000 einsetzte, gibt es jetzt für diese Industrie wieder deutliche Wachstumssignale. Ein wichtiges Signal: Die Auslastung der Chipfabriken steigt. Lagen während der vergangenen Jahre große Anteile der Kapazitäten brach, so wurde in diesem Jahr die „magische“ Grenze von 87% Kapazitätsauslastung (Durchschnitt der weltweiten Chiphersteller) überschritten. „Sobald die Auslastung höher steigt, gehen auch die durchschnittlichen Verkaufspreise der Chips in die Höhe“, freut sich Schumacher.


Dr. Harald Binder, Executive Vice President Corporate Strategic Technologies von M+W Zander, sieht ebenfalls einen starken Aufschwung. M+W Zander ist maßgeblich am Bau neuer Fabriken weltweit, vor allem auch in China beteiligt. „Der Neubau der Chipfabriken in China ist für uns schon fast wider Historie. Doch die Betreiber stecken über die Lebensdauer einer Fabrik noch einmal gewaltige Summen in deren Ausbau“, so Binder. Zwar geht jetzt der Trend eindeutig zu Chipfabriken, die auf Basis von 300-mm-Wafern fertigen, das bedeutet jedoch für die Industrie eine starke Verspätung. Hatte man doch bereits 1995 mit dem Übergang zur Produktion auf 300-mm-Wafern gerechnet und dann wieder im Boom-Jahr 2000 – beides mal allerdings vergeblich. Jetzt ist immerhin ein deutlicher Trend zu neuen 300-mm-Fabs mit Investitionsvolumen von meist deutlich über 2 Mrd. Dollar festzustellen. Derzeit sind in Europa acht, in den USA neun und im südostasiatischen Raum 13 300-mm-Fabs geplant bzw. im Bau. Doch werden sie sicherlich nicht mehr in der großen Zahl gebaut wie die Fabriken für die Verarbeitung der Vorgängergeneration mit einem Durchmesser von 200 mm. Dagegen spricht allein schon das gewaltige Investitionsvolumen: Kostete eine neue Chip-Fabrik 1990 noch 900 Mio. Dollar, so stieg der Preis 1995 auf 1,2 Mrd. Dollar, 2000 waren es bereits 1,6 Mrd. und 2005 werden die Chiphersteller voraussichtlich 4 Mrd. Dollar in einen Neubau investieren müssen.


Bei der Diskussion über neue Chipfabriken – auch darauf macht Dr. Harald Binder aufmerksam – darf man die Fabriken für die Fertigung von Flachbildschirmen nicht vergessen. Binder ist sich sogar sicher, dass sie sich zum treibenden Faktor für weiteres Wachstum der Ausrüster für die Halbleiterindustrie über die kommenden Jahre erweisen werden.


Längerfristig, auch da waren sich die Teilnehmer des SEMI-Forums einig, wird die Halbleiterindustrie weiterhin ein stark zyklisches Geschäft bleiben. Schon jetzt, zu Beginn des neuen Aufschwungs, ist abzusehen, dass der nächste Abschwung unweigerlich kommen muss. Die enormen Kapazitäten, die insbesondere in China und Asien aufgebaut werden, legen die Saat für die nächste Rezession aufgrund von Überproduktion. Doch das sind die Hersteller von Chips schon seit über 40 Jahren gewöhnt. „Es kommt darauf an, den Beginn des nächsten Abschwungs möglichst frühzeitig zu erkennen und die richtigen Maßnahmen einzuleiten“, sagt Dr. Andreas Schumacher. Die Analysten erwarten jedenfalls den nächsten Abschwung im Zeitraum 2005 bis 2006.(jj)