ES-Interview mit dem Eurodis-Management

Halbleiterzyklus im Hoch

Die ES hat über die aktuelle Marktentwicklung mit Dipl.-Ing. Mirco Kovacic, GF Eurodis, und Walter Stalder, Vice President Eurodis Central Europe gesprochen.

ES: Wenn wir inmitten der Boomphase den Halbleitermarkt betrachten, so sind unterschiedliche Entwicklungen denkbar. Wie geht es weiter?

Stalder: Wir führen laufend Gespräche mit den Herstellern und sehen, dass die Erholungsphase eingeleitet ist, aber die Kapazitäten sind nicht so vorhanden, wie man es sich wünschen würde. Es gibt derzeit einfach zu wenig Ware bezogen auf die Nachfrage und auch über das Jahr 2001 hinaus wird es nicht besser werden.
Der Fachausdruck für die derzeitige Situation ist allocation. D. h., dass die Hersteller ihre Waren nach Prioritäten verteilen. Die großen Hersteller bedienen rund 80 Prozent des Marktes selbst und 20 Prozent werden durch Distribution versorgt. Hier kommen natürlich die großen Distis zuerst zum Zug und dann die kleineren. Zum Glück sind wir heute ein großer Distributor und somit bekommen wir auch entsprechend Ware zugeteilt.

Kovacic: Die Kapitalinvestitionen bei den Herstellern sind im Jahr 2000 um 25 Prozent gestiegen und werden 2001 nochmals plus 40 Prozent betragen, aber das führt erst in den Jahren 2002 und 2003 zu zusätzlichen Kapazitäten.
Die interessanten Fragen sind: Wie lang waren die Zyklenzeiten in der Vergangenheit und wo stehen wir heute? Kommt es zu einer Marktabschwächung oder bleibt es so wie es ist?
Wir haben in Österreich die Entwicklung der letzten Monate vor allem in bezug auf den Auftragseingang analysiert und uns unter Berücksichtigung der Erfahrungen gefragt, wie sich der Markt weiterentwickelt. Nach den explosionsartig gestiegenen Aufträgen im ersten Halbjahr ist es im Sommer zu einer gewissen Beruhigung gekommen, aber nicht zu einem Rückgang. Derzeit bewegen wir uns auf einem durchaus hohen Niveau.
Wenn man sich die Länge der Zyklen in der Vergangenheit anschaut und sie mit der jetzigen Länge vergleicht (siehe Bild 2), so beträgt sie durchschnittlich zwischen zehn und fünfzehn Quartale. Wenn wir dies als zweiten Indikator hernehmen, so sind seit Beginn vier oder fünf Quartale vergangen. Wir haben also noch einen Zeitraum von mindestens fünf bis vielleicht zehn Quartale vor uns, in dem es ein geringeres Anbot gegenüber der Nachfrage geben wird.

ES: Gibt es Mechanismen, die den Markt besser vorhersehbar machen könnten?

Stalder: Nein, die kann es nicht geben! Man bemüht sich zwar seitens der Hersteller und diverser Organisationen, in denen es zu Meinungs- und Interessensaustausch kommt, um einen Abgleich, aber es kommt immer wieder zu diesen Peaks. Wenn man berücksichtigt, welche Volumina auf diesem Markt bewegt werden, so erkennt man, dass eine Kontrolle unmöglich ist.

ES: Also im Ganzen gesehen ein schwingendes System mit geringer Dämpfung?

Stalder: Genau, aber die Dämpfung ist, aufgrund der zunehmenden Massenträgheit des Systems, stärker geworden. Dadurch werden wohl in Zukunft die Amplituden immer geringer werden. Aber dieses und nächstes Jahr wird es so weiter gehen.
Wir sehen seit 1992 und bis 2003 jedes Jahr 15 Prozent Marktwachstum (siehe Bild 3). Was wirklich das erste Mal in diesem langen Zyklus passierte, ist ein sogenannter double deep, der unter anderem durch die Asienkrise verursacht wurde. Und so gab es eine riesige Durststrecke vor 1999. Trotzdem wächst der Markt kontinuierlich, wenn man den Trend beobachtet.

ES: Technologieschübe tragen immer wieder zu den Aufschwüngen bei. Welchen Bereichen weisen Sie gegenwärtig die größte Bedeutung zu?

Kovacic: Verschiedene Quellen zeigen mittelfristig Wachstumsraten von 85 Prozent bei xDSL-Technologien, 14 Prozent auf dem PC-Markt, 15 Prozent bei industriellen Applikationen, über 60 Prozent bei Set-top-Produkten (DVD, Video, etc.), über 60 Prozent bei der Mobiltelefonie, 13 Prozent bei elektronischen Spielen und so weiter.

ES: Sehen Sie in der drahtlosen Datenübertragung durch Bluetooth so einen Schubfaktor?

Stalder: Eurodis hat durch Ericsson für ganz Europa das Franchising der Bluetooth-Produkte übernommen. Es gibt fast viele Applikationen für Bluetooth, damit tut sich ein großer Markt auf und nun geht es um die Einführung dieser Technologie, wo wir als Distributor einen großen Beitrag leisten – Muster, Spezifikationen, Prototypenbau. Wenn das in dieser Phase keiner macht, gibt es auch nicht das schnelle Geschäft, dass sich alle erhoffen.

ES: Wie verhält sich die Situation bei den passiven Bauteilen?

Stalder: Der Halbleitermarkt reißt alles andere mit. Beispielsweise haben wir einen sehr großen Mangel an Tantalkondensatoren zu bewältigen, weil nur mehr drei Hersteller weltweit diese Bauteile erzeugen. Alle anderen sind aus dem Markt hinaus gegangen, da es vor wenigen Jahren kein profitables Geschäft mehr war. Bei Widerständen stagnierte die Erzeugung ebenfalls; die entsprechenden Produktionen wurden großteils nicht mehr modernisiert, sondern nur an Low-cost-Standorten am Laufen gehalten.

Kovacic: Ich sehe für das kommende Jahr durchaus eine vernünftige Möglichkeit, bei den Halbleitern langfristig zu planen. Aber passive Elemente und alle Bauteile die in der Vergangenheit sehr wenig gekostet haben, werden weiterhin extrem unter Druck stehen.

ES: Trägt der Markt dieser Entwicklung in bezug auf die Orders Rechnung?

Kovacic: Ich finde, dass das Verständnis wesentlich besser geworden ist und auch die Adaptionsfähigkeit vor allem der großen Kunden. Hier wurde früher immer gesagt, diese bewegen sich wegen der Komplexität langsamer als kleine Abnehmer. Heute ist es eher umgekehrt. Orderboards über ein Jahr sind heute keine Seltenheit. Man sieht auch, wenn man sich die book to bill nach Gruppen ansieht, dass sich das Verhältnis bei den ganz großen Firmen stabilisiert hat und sich leicht über eins bewegt. Mittlere und kleinere Kunden weisen in den letzten Monaten jedoch 1:40 oder 1:50 auf.

ES: Wo bewegt sich Eurodis heute als Gruppe und welche Ziele stehen auf Ihrem Programm?

Stalder: Der größte Markt in Europa ist Deutschland und stellt sicherlich die Schlüsselposition dar. Wer in Europa stark sein will, muss in diesem Markt reüssieren und das gilt vor allem für uns als paneuropäischen Distributor. Nach einer Restrukturierung in Deutschland sind wir dabei auf dem besten Wege. Wir wollen die Rolle als drittgrößter Distributor in Europa hinter Avnet und Arrow weiter ausbauen und die Marktdynamik gibt uns die besten Karten in die Hand. Im Milliardenmarkt Europa agieren wir als technischer Broadliner dank unserer Partnerschaften mit der amerikanischen Pioneer und der asiatischen WPI als Global Player mit Kundennähe.
Wir unterscheiden als Distributor zwei Aufgaben, nämlich Fulfillment und Demand Creation. Im Gegensatz zu nur Fulfillment-Distributoren wecken wir als der Demand Creator bei unseren Kunden Bedarf für unsere Produkte und Dienstleistungen. Wir kreieren Geschäft für uns selbst, für die Hersteller und für unsere Kunden, indem wir mit Support zu den Firmen gehen. Wir stellen die Produkte vor, die es dem Kunden ermöglichen, selbst wieder in die Innovationsphase zu kommen. Über 60 Prozent unserer erwirtschafteten Resultate stammen von Design-in-Produkten. Dahinter steht der Einsatz unserer leistungsstarken FAE-Workforce (Field Application Engineers). Auch wenn manche meinten, es brauche keine Verkaufsmannschaften bzw. FAEs mehr und mit dem Internet könne sich jeder die Bauteile selbst zusammensuchen. Die Informationsbreite über neue Produkte ist so groß und unübersichtlich, dass sich dies niemand selbst aneignen kann. Der Verkauf hingegen weiß über seine Produkte bestens bescheid und erkennt die Anwendungsmöglichkeiten vor Ort.

Kovacic: Neben der Logistik, um den Warenfluss aufrecht zu erhalten, muss der technische Distributor auch in Zukunft den Kunden Unterstützungen bieten. Er muss wissen, welches Projekt der Kunde plant, in welche Richtung der Kunde geht und ihm die Produkte anbieten, die für ihn interessant sind. Die Details wie Datenblätter oder Applikationsbeispiele kann man sich aus dem Internet holen, aber die Grundinformationen und vieles, was oft nicht im Internet oder in der Fachpresse steht, kann nur im persönlichen Kontakt vermittelt werden. Dazu gehören Einschätzungen, ob ein neues Produkt Aussichten hat in Serie zu gehen oder das Lancieren von Möglichkeiten am Markt oder der Background eines Lieferanten.

ES: Welche Auswirkungen hat die zunehmende Verschiebung bzw. das Outsourcing von Produktionen in Richtung von Subcontractoren?

Stalder: Dieser Trend birgt die Gefahr in sich, dass der Kunde sein sämtliches Know-how nach außen gibt und sich dadurch vom Subcontractor abhängig macht. Was tut er, wenn der Subcontractor nicht mit der Produktion nachkommt, wenn die Preise in die Höhe gehen?

ES: Sie sehen das relativ kritisch, läuft dieser Trend gegen die Interessen eines Distributors?

Stalder: Wir beobachten das sehr genau, teilweise bleibt uns dieser Markt dann verschlossen. Der Subcontractor kauft oftmals direkt beim Hersteller, dieser kann aber nicht so schnell reagieren.

Kovacic: Ich glaube, dass es hier bei vielen CEMs (Subcontractors) in der Zukunft einen Lernprozess geben wird. Sie werden sehen, dass sie sich durch die aufgrund ihrer Größe angestrebten Direktkontakte zu den Herstellern selbst manchmal große Probleme einhandeln. CEMs reagieren ganz schnell, sie haben keine Vorplanungen für ein ganzes Jahr und wissen nicht, was sie z. B. in vier Monaten erzeugen werden.

ES: Wenn sich hier die Ansprechpartner in OEM-Kunde, Design-Haus und Subcontractor aufsplitten, dann wird die Vorgangsweise, neuen Bedarf zu generieren, nicht mehr möglich sein?

Kovacic: Sehr viele Kunden sehen schon die Gefahr, dass sie nicht mehr so gut technisch betreut werden, da sie gar nicht mehr als Kunde auftreten! Diese gehen vielleicht wieder den Weg, die Bauteile selbst beim Distributor einzukaufen und es dem Subcontractor beizustellen. In unserer Branche muss man sehr flexibel sein und immer das Ohr auf den Schienen haben, um zu erkennen, was die Zukunft bringt. Nach Möglichkeit muss man dann die Aktionen so setzen, das man vor den anderen am Markt ist.

ES: Wir danken für das Gespräch.

Eurodis Electronics
Tel. (01) 610 62-0
info@austria.eurodis.com
http://www.eurodis.com

Eurodis goes North
Die in London an der Börse notierte Eurodis Electron PLC konnte im September die Übernahme der Ericsson Electronic Components Division von Ericsson Microelectronics Europe bekanntgeben. Mit diesem Deal ist die Position als paneuropäischer Distributor gefestigt und speziell in den nordischen Regionen optimal ausgebaut. 1999 setzte dieser Bereich als zweitgrößter nordischer Distributor 120 Mio. US-Dollar um.