Norbert Hauser ist Vice President Marketing der Kontron AG in Eching.

Norbert Hauser ist Vice President Marketing der Kontron AG in Eching.

Wie wird sich die Finanzkrise auf den Embedded- und IPC-Markt auswirken?
Norbert Hauser, Kontron:
Mitte Dezember korrigierte Prognosen gehen davon aus, dass der Markt der Embedded-Computer-Technologie weiterhin wachsen wird. Die Prognosen wurden jedoch zurückgeschraubt. Der Markt der Anbieter wird sich jedoch unter dem gegebenen Wirtschaftsdruck konsolidieren. Deshalb werden Kunden verstärkt auf die finanzielle Stärke ihrer Lieferanten achten um Ihre Investitionen langfristig zu sichern.

Fahrzeugbau, Elektronik und Telekommunikation und der Maschinenbau sind laut einer Bitkom-Studie die Hauptabsatzmärkte für Embedded-Technologie. Welche Branchen könnten aber in Zukunft noch interessant werden oder sind es schon?
Neben den genannten Branchen sind insbesondere die Medizintechnik, die Ausrüstung von Bahnen, Bussen, Schiffen und Flugzeugen, die Branche Digital Signage beziehungsweise Infotainment, die Energiewirtschaft, sowie die Querschnittsbranchen Mobile Devices und Vision-Systems interessante Wachstumsfelder.

Von der wirtschaftlichen zur technischen Seite. Die Anwender fordern einheitliche Standards. So kann man im Embedded-Bereich schon von einem Formfaktorkrieg sprechen. Wie stehen die Chancen für   Standards?
Sehr gut, wenn man sich an den Standards bzw. den Spezifikationen der unabhängigen Organisationen und/oder an den großen globalen Playern orientiert. Die wichtigsten Standardisierungsgremien für Embedded-Computer-Formfaktoren sind die PICMG, Vita sowie das PC/104-Konsortium. Bei Motherboards und SBC (Single Board Computer) besteht noch Handlungsbedarf, sofern man sich abseits von ATX-kompatiblen Formfaktoren bewegt. Mit Pico-ITX haben wir aber auch einen Formfaktor im Portfolio, der von der jungen SFF-IG unabhängig weiterentwickelt wird. Wir werden uns dort auch engagieren. Unser Ziel ist es, für alle wichtigen Anwendungsfälle unabhängige Gremien zu etablieren. Das Engagement von Unternehmen wie Kontron in diesem Bereich trägt dabei maßgeblich zur Stabilisierung des Marktes bei. Dennoch müssen wir damit leben, dass immer dann, wenn neue Basistechnologien auf den Markt kommen, einige Zeit Unruhe herrscht. Bei Small Form Factor (SFF) Boards und Modulen ist zum Beispiel aktuell Vorsicht geboten, solange es keinen unabhängigen Standard gibt, der von mehreren führenden Anbietern bzw. einem der unabhängigen Gremien unterstützt wird. Allerdings gilt: Je größer der Anbieter eines sogenannten offenen Standards ist, desto wahrscheinlicher ist auch Second Source sowie Langzeitverfügbarkeit.

Eine weitere Herausforderung gerade in der Telekommunikationsbranche und im Maschinenbau sind Anforderungen an die lange Verfügbarkeit. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung?
Noch essentieller ist diese Anforderung in der Medizintechnik oder aber im Bahn- und Flugzeugwesen sowie in den Bereichen Energie und Verteidigungstechnik. In diesen Branchen werden noch längere Verfügbarkeiten gefordert. Erfüllen kann man diese Verfügbarkeitsanforderungen nur, wenn man Bauelemente einsetzt, bei denen die Chiphersteller beispielsweise eine Langzeitverfügbarkeit von fünf oder sieben Jahren sicherstellen. Risc-basierte Prozessoren sind teilweise noch länger verfügbar. Als Lieferant bieten wir unseren Kunden darüber hinaus optional noch längere Verfügbarkeiten, sollte dies gefordert sein. Wenn ein Bahn- oder Flugzeughersteller für ein spezielles Produkt eine Verfügbarkeit von 30 Jahren fordert, ist auch dies machbar. Vorteilhaft ist für unsere Kunden dabei oft die Tatsache, dass wir vergleichsweise viele Boards und Systeme auch bis zum Ende der Verfügbarkeiten der Bauelemente und zum Teil auch darüber hinaus produzieren. Dadurch ist es überhaupt erst möglich, langfristig eine kostenoptimale Langzeitverfügbarkeit zu bieten und somit die Total-Cost-of-Ownership (TCO) über die Laufzeit eines Projektes auf ein Minimum zu reduzieren.

Im gleichen Atemzug nennen Anwender möglichst hohe Zuverlässigkeit. Was tun sie, um dieser Forderung gerecht zu werden?
Für Telekommunikationssysteme gibt es seit vielen Jahren die Forderung nach 99,9999%-iger Verfügbarkeit, die man auch mit six Nines benennt. Erfüllt werden solche Forderungen durch Hotswap, IPMI-Hardwaremanagement, die Auswahl hochverfügbarer Komponenten sowie letztlich Redundanzen als wesentlicher Faktor in der Formel für höchste Verfügbarkeit, wenn man die wichtigsten technischen Möglichkeiten bei der Systemauswahl berücksichtigt hat. Aber auch in einfacheren Systemen kann man heute die Verfügbarkeiten durch neue Technologien erhöhen. So sind mit energiesparenderen neueren Prozessoren passive Kühlungen kostengünstig umsetzbar. Festplatten können zum Teil durch robustere Speichemedien ersetzt oder durch Raid-Systeme ausfallsicherer werden. Auch das Remote Management etabliert sich zunehmend. Strukturell kann man auch an Thinclient-Konzepten arbeiten, bei denen redundante Server entsprechend hohe Verfügbarkeiten haben und die Clients entsprechend schlank und robuster ausgelegt sind, sodass sich zum einen die Gesamtverfügbarkeit erhöht zumal auch der Austausch eines Thinclients deutlich schneller zu bewerkstelligen ist, da vor Ort keine relevanten Daten gehalten werden.

Als Abschluss ein Blick in die nahe Zukunft. Welche Technologietrends werden die Embedded World und das Jahr 2009 prägen?
Kleiner, effizienter und bei größeren Lösungen höher integriert ist weiterhin der technologische Trend. Hinzu kommt das Multicore-Processing für High-end-Systeme und Multifunktionsserver. Schaut man sich die Ankündigungen der Prozessorhersteller an, so kann man sich vorstellen, dass bestehende Lösungen erst der Anfang dieser Trends sind. Die technologische Entwicklung hat dabei auch Einfluss auf die Verwendung bestehender und neuer Formfaktoren. So konnten wir für Mini-ITX Motherboards sowie nanoETXexpress Computer-on-Modules mit Intel-Atom-Prozessoren in 2008 mit das größte Nachfragewachstum verzeichnen. Mit extrem platzsparenden Lösungen erwarten wir zudem, dass sich der Trend hin zu x86er Technik weiter fortsetzen wird. Aufgrund des optimierten thermalen Designs neuer x86er Lösungen werden sie in vielen Bereichen eine Alternative zu Risc-basierten Systemen; mit dem Vorteil einer breiteren Softwarebasis und einfacheren Applikationsentwicklung für optimierte Time-to-Market und reduzierte Total-Cost-of-Ownership. Des weiteren sehen wir, dass sich VPX (Vita 46) als Ergänzung zu VME in 2009 langsam am Markt durchzusetzen wird.