„Berghof ist eine sehr heterogene Firma, die sich konsequent auf Nischen ausgerichtet hat.“ Nikolaus Rombach (links)

„Berghof ist eine sehr heterogene Firma, die sich konsequent auf Nischen ausgerichtet hat.“ Nikolaus Rombach (links)Redaktion IEE/Renate Schildheuer

Herr Rombach, Berghof gilt in mehreren Bereichen als Technologieschmiede, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Wie ist diese Vielfalt entstanden?

Rombach: Der Firma liegt das Tüfteln und Entwickeln gewissermaßen im Blut: Robert Bosch ist der Großvater unseres Firmengründers, Professor Dr. Georg Zundel, der als Professor für physikalische Chemie zuletzt in München wirkte. Zundels Idee 1966 war ein Forschungsinstitut zu gründen, das nur Auftragsforschung und -entwicklung durchführt. Anfangs wurden Membranen entwickelt, nicht wie heute für die Abwasseraufbereitung, sondern für künstliche Nieren, die damals in der Medizin gerade Einzug hielten.

Das zweite Projekt war die Entwicklung einer Faser aus Siliziumcarbid, die noch heute in der Luft- und Raumfahrtindustrie zum Einsatz kommt. Ein weiteres Forschungsgebiet war die Verarbeitung von PTFE, auf Deutsch: Teflon, zu Membranen, die Luft durchlassen, aber Wasser zurückhalten. Diese Entwicklung fand in der Automobilindustrie breiten Anklang: In Scheinwerfer eingebaut, verhinderte die Membrane, dass die Spiegel der Lampen beschlugen und blind wurden.

Bereits mit der Gründung des Physikalischen Technischen Laboratoriums Berghof im Jahr 1966 begann sich Berghof mit Brennstoffzellen zu beschäftigen – heute ein hochaktuelles Thema. 1976 erfolgte der Einstieg in die Elektrotechnik und Automation mit einer Beteiligung an der Firma Pfleiderer in Eningen – die Keimzelle der heutigen Berghof Automatisierungstechnik. Aus diesen Aktivitäten heraus sind die ganz unterschiedlichen Firmen entstanden.

Wie organisieren sie denn die vielen Unternehmensbereiche?

Rombach: Für den Ausbau des Geschäfts in unseren acht strategischen Geschäftseinheiten sind vier Unternehmen verantwortlich. Franz Ott als Bereichsleiter von Berghof Automationstechnik verantwortet die Prozesstechnik und Steuerungstechnik. Als reines Familienunternehmen ist die Familie Zundel alleiniger Gesellschafter der Firmengruppe, deren Holding letztendlich ­eine Dienstleistungs- und Steuerungsfunktion der operativen ­Bereiche wahrnimmt. Von der Struktur her sind wir sehr flach, eben mittelständisch. Und das bleibt auch so. Insgesamt sind wir mit dieser Struktur in den letzen Jahren sehr gut gefahren. Das zeigt beispielsweise unsere Rendite im Krisenjahr 2009. Trotz eines Umsatzrückgangs von knapp 8 % konnten wir 7 % Rendite erwirtschaften – ein sehr gutes Ergebnis, haben uns die Banken versichert.

Ott: Auch 2012 war ein gutes Jahr, obwohl uns im Bereich Steuerungstechnik ein großer Anbieter von Produktionsanlagen für Photovoltaikmodule Probleme bereitet hat. Dessen Insolvenz steht bei uns mit einem hohen Umsatzverlust in den Büchern.

Wie entwickelt sich der Solarbereich aktuell?

Ott: Ich bin froh, wenn wir vom Nullniveau wegkommen. Zwar gibt es wieder erste Projekte, was die Solarausrüstung betrifft, aber auf kleinem Niveau. Da die Lager der Ausrüster aber noch voll sind, spüren wir als Zulieferer davon derzeit kaum etwas. Der Markt wird zwar wieder anziehen, aber nicht mehr so schnell und auf das frühere Niveau steigen.

War dieser Einbruch Auslöser, die Strategie zu überdenken?

„In unseren Nischen wollen wir Marktführer werden.“ Franz Ott

„In unseren Nischen wollen wir Marktführer werden.“ Franz OttRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Rombach: Berghof ist sehr Technik-lastig. Das spiegelt nicht zuletzt unsere Mitarbeiterstruktur wider. Von den rund 220 Mitarbeitern sind über 100 Ingenieure. Wo noch Nachholbedarf besteht ist im Vertrieb. Wir müssen uns hier künftig noch stärker auf den Markt ausrichten. Allerdings werden wir mit unseren Lösungen nicht den Massenmarkt ansprechen. Wir suchen uns wie bisher interessante Nischen, deren Anforderungen wir dann mit dem Spezialwissen unserer Ingenieure in den verschiedenen Berghof-Unternehmen abdecken. In diesen Nischen wollen wir dann aber Marktführer werden. Nur so kann ein Unternehmen mit einem so hohen Anteil an Ingenieuren nach unserer Meinung langfristig wirtschaftlich erfolgreich arbeiten.

Und welche Ziele haben sie sich für die nächsten Jahre gesetzt?

Rombach: Nach 36,5 Millionen Euro Umsatz in 2012 wollen wir unseren Umsatz bis 2016 auf 50 Millionen Euro ausbauen.

Mit welchen weiteren Zielmärkten wollen Sie das erreichen?

Ott: Die braucht es gar nicht. Wir müssen einfach unsere jeweiligen Alleinstellungsmerkmale noch mehr betonen, als wir es in der Vergangenheit getan haben.

„Mit dem Innovation Hub generieren wir Wachstumspotenziale.“ Nikolaus Rombach

„Mit dem Innovation Hub generieren wir Wachstumspotenziale.“ Nikolaus RombachRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Rombach: Bestandteil dieser Strategie ist unser Innovation Hub. Die Idee dahinter ist, das Know-how der einzelnen Bereiche miteinander zu vernetzen. Ziel ist, dadurch Win-Win-Situationen für die einzelnen Unternehmen im Firmenverbund zu schaffen. Der ­Innovation Hub ist aber keine rein interne Veranstaltung. Viele Kunden sind sehr enge, mit uns kooperierende Partner.

Ott: Wir haben gelernt, dass es für den Wandel zu einem marktorientierten Unternehmen ebenso notwendig ist, die Vertriebsmitarbeiter der einzelnen Gruppen zusammenzubringen. Wenn die Techniker aus den Bereichen zusammensitzen, führt das zwar zu vielen Ideen, jedoch haben die nicht immer mit unseren Zielmärkten zu tun.

Wie verteilt sich der Umsatz denn auf die Geschäftseinheiten?

Rombach: An den 36,5 Millionen Euro Umsatz hat die Automatisierungstechnik mit 50 % den größten Anteil. Die Ursache liegt in der Historie: Die Automatisierungssparte ist aus der Beteiligung an Pfleiderer entstanden, die anderen Einheiten dagegen aus dem ehemaligen Forschungsinstitut. Dafür ist deren Wachstum wesentlich dynamischer.

Woraus resultiert diese Stärke der Automatisierungstechnik?

Ott: Es sind unsere Komplettlösungen, die den Mehrwert bieten. Natürlich basieren die Lösungen auf unseren Kernprodukten wie SPS, Industrie PCs, Displays und E/A-Module. Zusätzlich bringen wir unser Automatisierungs-Know-how in Form von Softwarepaketen, Hardwareentwicklung oder Schaltschrankbau ein. Unseren Kunden sollen dadurch einen Wettbewerbsvorteil gewinnen und wir bauen damit unser Branchenwissen aus.

Wie ist diese Spezialisierung entstanden?

Ott: Im Bereich Automatisierung haben wir diverse Nischen, etwa die Leittechnik von Rangierbahnhöfen, Steuerungstechnik für Produktionsanlagen zur Fertigung von Photovoltaikmodulen oder die Mess- und Prüfstandautomation. Keimzelle war meistens eine Lösung für ein eng umgrenztes Problem. Bei den Elektrohängebahnen (EHB) beispielsweise die Kommunikationsanbindung der Fahrzeuge. Hierfür haben wir schon 1999 eine robuste und zuverlässige Lösung auf Basis von Schleifkontakten realisiert über die sich das CAN-Protokoll mit bis zu 50 kBit/s übertragen lässt. Das Kernproblem, die Kommunikation über die Schleifkontakte, haben wir mit einer eigenen physikalischen Schicht gelöst, die sowohl die Energie für die EHB-Fahrzeuge als auch die Kommunikation überträgt.

Also Spannungsversorgung und Buskommunikation über dasselbe Schienensystem?

Ott: Im Prinzip nutzen wir für die CAN-Kommunikation eine zusätzliche Schleifschiene. Klingt einfach, praktisch galt es einige Hürden zu meistern. Mit dieser Lösung haben wir zum Beispiel die weltgrößte EHB-Anlage mit rund 1.300 Fahrzeugen und 16 km Kurslänge realisiert, die mit bis zu 3 m/s im Pulk fahren. Das ist die Blumenversteigerungsanlage in Amsterdam. Aus diesem Projekt heraus ist die heutige Elektrohängebahn-Steuerung entstanden und in deren Folge wiederum die komplette logistische Software, um solch große Anlagen zu steuern. So kommt eins zum anderen. Heute decken wir die Steuerung der Fahrzeuge bis zur Gesamtlogistik und Verwaltung der Transportaufträge inklusive Routing, Stauvermeidung und Wege-Optimierung ab – eine Komplett-Lösung für die Nische. Bei einem großen Sportwagenhersteller haben wir damit den Rohbau ausgerüstet.

„Spezielle Lösungen sind die Keimzelle für unsere Nischenlösungen.“ Franz Ott

„Spezielle Lösungen sind die Keimzelle für unsere Nischenlösungen.“ Franz OttRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Rombach: Die Kommunikationstechnologie war praktisch die Keimzelle, aus der sich ein komplettes Softwarepaket für die ­Intralogistik entwickelt hat, das heute beinahe noch attraktiver ist als die originäre Kommunikation.

Die Logistik ist immer enger mit der IT verzahnt. Wie sieht bei Berghof die Anbindungsmöglichkeit in Richtung ERP-Ebene aus?

Ott: Die Anbindung erfolgt stets projektspezifisch. Ob das SAP oder ein anderes ERP-System ist, spielt für uns keine Rolle. Überhaupt ist unser Gesamtleistungsumfang in der Nische Elektrohängebahn sehr kommunikationsorientiert. Unsere Steuerungen für die Elektrohängebahnen müssen mit allen etablierten Steuerungstypen der größeren Anbieter kommunizieren können. Allerdings ist die Logistik-Intelligenz nicht in diesen Steuerungen integriert, sondern in den Fahrzeugsteuerungen der Elektrohängebahn. Daher kennt jedes Fahrzeug die gesamte Anlage und sucht sich anhand des Fahrauftrags selbständig den Weg.

Jedes Fahrzeug hat praktisch sein eigenes Navi?

Ott: Jede EHB kennt ihre Position und weiß wo sich welche Weiche befindet, kennt eventuelle Staumeldungen und reiht sich selbständig in Pufferstrecken ein. Parallel dazu behält der Leitrechner den Überblick über die gesamte Anlage. Aufgrund dieser dezentralen Intelligenz, muss das System die Position der Fahrzeuge nicht ständig pollen, das heißt deren Position und Status abfragen. Das sorgt für den hohen Durchsatz und ermöglicht den Aufbau so großer Projekte wie Amsterdam.

Bei fahrerlosen Transportsystemen, Elektrohängebahnen und dergleichen spielt doch die Sicherheitstechnik eine Rolle. Wie sieht ihre ­Safety-Lösung dazu aus?

Ott: Im Moment noch klassisch getrennt, das heißt von Dritt­anbietern. Aber wir arbeiten an eigenen Safety-Lösungen. Da unsere Steuerung auf Codesys basiert, liegt auf der Hand, was wir favorisieren.

Welche Nischen decken Sie noch ab?

Ott: Mit einem Betriebsleitsystem für den Warenumschlag Schiene-Straße für Eisenbahnen haben wir eine weitere Nische, die unsere thüringische Niederlassung in Mülhausen betreut. Die Bahn betreibt in Deutschland 33 Container-Umschlagbahnhöfe, die mit unseren PCs und Software ausgestattet sind. Darüber sitzt ein Server, über den alle Spediteure die Abfertigungszeiten und -positionen erhalten. Dieses System wird gerade einem Re-Design unterzogen. Passend zur Branche haben wir dort auch die Gruppe Rail-Testing aufgebaut, die für die Bahn und deren Zulieferer Elektronikkomponenten und -Geräte nach deren speziellen Normen prüft.

Wäre die Logistik für Containerhäfen nicht auch interessant?

Ott: In Binnenhäfen mit der Kombination aus Schiene, Wasser und Straße kommt das Leitsystem bereits zum Einsatz. Der Donau Containerhafen in Wien ist dafür unsere Referenzanlage. Derzeit expandieren wir mit dem Betriebsleitsystem für Umschlagterminals ins Ausland. Erste Aufträge aus Polen haben wir gewonnen und in Benelux sind wir an Ausschreibungen beteiligt.

Und aus dem Rail-Testing hat sich die Mess- und Prüftechnik in ­Eningen entwickelt?

„Der Firma liegt das Tüfteln und Entwickeln gewissermaßen im Blut: Robert Bosch ist der Großvater unseres Firmengründers.“ Nikolaus Rombach

„Der Firma liegt das Tüfteln und Entwickeln gewissermaßen im Blut: Robert Bosch ist der Großvater unseres Firmengründers.“ Nikolaus RombachRedaktion IEE

Rombach: Das begann viel früher. Für die Firma Bosch hat Berghof über viele Jahre Prüfsysteme für Lichtmaschinenregler geliefert. Daraus ist unser prüftechnisches Know-how gewachsen, zunächst für Automobilelektronik, später dann auch im Bereich ‚Power Tools‘. Inzwischen konzipieren und bauen wir auch Dauerlaufprüfstände für Motorsägen oder für Hochdruckreiniger.

Ott: Aus solchen Unikaten heraus ist ein spezielles Produkt für die ­Zulieferer von Autositzen entstanden, die Force-Application-Machine, kurz: FAM. Damit kontrollieren und dokumentieren die Hersteller die mittlerweile in vielen Sitzen integrierten Gewichtserkennungsmatten. Anhand des Gewichts erkennt die Fahrzeugelektronik, ob sich ein Erwachsener oder ein Kind auf dem Sitz befindet. Abhängig davon werden bei einem Unfall Airbag und Gurtstraffer ausgelöst. Als sicherheitsrelevantes Bauteil muss ­jede Matte über eine Kraft-Weg-Messung kalibriert werden. Diesen Prüfschritt haben wir als Standard-Anwendung aufgebaut, der als End-of-Line-Tester in Produktionslinien integrierbar ist. Natürlich muss diese Kalibrierung umfassend dokumentiert und archiviert werden. Ähnliche Standard-Lösungen haben wir für komplette Türen, Türverkleidungen und Türelektrik, für Schlüssel und Schließsysteme entwickelt.