It‘s OWL: Über 180 Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickeln Lösungen für intelligente Produkte und Produktionsverfahren. Auch der Mensch und dessen Weiterbildung stehen im Fokus.

It‘s OWL: Über 180 Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickeln Lösungen für intelligente Produkte und Produktionsverfahren. Auch der Mensch und dessen Weiterbildung stehen im Fokus. Phoenix Contact

Seit Mitte 2012 wurden 15 von 46 Projekten innerhalb von It’s OWL (Intelligente technische Systeme Ostwestfalen-Lippe) erfolgreich abgeschlossen. Phoenix Contact reduzierte beispielsweise den Aufwand für das Engineering von Maschinen und Betriebsmitteln um 30 % mithilfe einer durchgängigen Datenkette und einem gemeinsamen Datenformat. Bei Umformprozessen wie dem Stanz-Biegen konnte Weidmüller sowohl den Ausschuss als auch die Fehlerquote um 20 % senken. Verbesserungen in der Produktionstechnik erreichte Beckhoff durch die Integration neuer Funktionen in die Automatisierungstechnik: Energieverbrauch und Ausschuss konnten verringert und die Werkzeuglebensdauer erhöht werden. „Durch unsere Spitzencluster-Projekte sind konkrete Lösungen im Umfeld von Industrie 4.0 entstanden“, resümierte Hans Beckhoff, geschäftsführender Gesellschafter von Beckhoff Automation.

Mitarbeiter auf Industrie 4.0 vorbereiten: Wer nicht lernt, verliert

Diskutierten Ergebnisse des Technologie-Netzwerks It‘s OWL: (v.l) Frank Maier, Lenze; Dr. Peter Köhler, Weidmüller; Sven Hohorst, Wago; Dr. Volker Franke, Harting; Roland Bent, Phoenix Contact; Hans Beckhoff, Beckhoff.

Diskutierten Ergebnisse des Technologie-Netzwerks It‘s OWL: (v.l) Frank Maier, Lenze; Dr. Peter Köhler, Weidmüller; Sven Hohorst, Wago; Dr. Volker Franke, Harting; Roland Bent, Phoenix Contact; Hans Beckhoff, Beckhoff. Redaktion IEE

Die bisherige funktionale Arbeitsteilung wird laut Roland Bent, Geschäftsführer Phoenix Contact, im Industrie-4.0-Zeitalter von einer prozessorientierten, übergreifenden Zusammenarbeit abgelöst. So benötige man für die Kooperation der Disziplinen Informatik, Elektrotechnik, Automatisierung und Maschinenbau Spezialisten, die ein tiefes Verständnis für die vor- und nachgelagerten Arbeitsbereiche haben. Daneben braucht es Generalisten, die die Komplexität des digitalen Unternehmens überblicken. Für das Gelingen ist dabei elementar, „dass wir in den Unternehmen unsere Beschäftigten beteiligen und dass sie dafür qualifiziert werden“, sagte Bent. Dazu will Phoenix Contact zusammen mit dem Betriebsrat Konzepte entwickeln. Auch Ängste der Mitarbeiter sollen abgebaut werden. Bent ist sicher: „Die digitale Transformation gelingt zusammen mit den Mitarbeitern, wenn diese bereit sind, sich auf neue Techniken einzulassen.“

Eines lässt sich jedoch laut Bent und Dr. Peter Köhler, Vorstandsvorsitzender der Weidmüller-Gruppe, nicht verleugnen: „Es wird auch Verlierer geben“, sagten beide einstimmig. Nämlich diejenigen Mitarbeiter, die die neuen Querschnittsfunktionen nicht erfüllen können oder wollen. Hier sei die Politik gefragt. Dass die Integration der Mitarbeiter durch Weiterbildung gelingen kann, zeigte Dr. Volker Franke, Geschäftsführer Harting Applied Technologies, im Zusammenhang mit lebenslangem Lernen anhand einen 58-jährigen Mitarbeiters, der sich innerhalb von zehn Jahren vom Elektrotechniker zum IT- und Netzwerk-Spezialisten weiterqualifizierte und heute die Smart-Factory-Anlage HAII4You betreut.

Offene Schnittstellen für alle

Herstellerunabhängige Lösung für die Automatisierung modularer Prozessanlagen: Bei Dima können Module an- und abgekoppelt werden – ohne Programmieraufwand im Prozessleitsystem.

Herstellerunabhängige Lösung für die Automatisierung modularer Prozessanlagen: Bei Dima können Module an- und abgekoppelt werden – ohne Programmieraufwand im Prozessleitsystem. Wago

Industrie 4.0 setze cyber-physikalische Systeme voraus, betonte Sven Hohorst, geschäftsführender Gesellschafter von Wago Kontakttechnik. „Eine dezentrale, modulare und autonome Anlagenarchitektur ist damit unumgänglich.“ Schnittstellen müssten offen und für alle Unternehmen zugänglich sein. Nach Meinung Hohorsts führt heute an Schnittstellen wie OPC UA sowie an offenen Betriebssystemen wie Linux kein Weg mehr vorbei. „Viele Lösungen erfüllen diesen Anspruch jedoch noch nicht“, so Hohorst. Ein Beispiel für offene Schnittstellen ist die von Wago vor einem Jahr vorgestellte Technologie ‚Dima‘ (Dezentrale Intelligenz für modulare Anlagen) zur Modulbeschreibung und -integration für die Prozessindustrie, die 2015 mit Unterstützung der Verbände Namur und ZVEI weiterentwickelt wurde. Auf der SPS demonstrierte Wago eine solche Modul-Integration nach Industrie 4.0 anhand einer prototypischen Anlage. Marktreif wird sie voraussichtlich in ein bis zwei Jahren sein.

Industrie 4.0 muss europäisch werden

Um gegenüber Asien und den USA wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht Deutschland Industrie-4.0-Technologien, die in konkrete Geschäftsmodelle einfließen. Aus der bislang von Deutschland dominierten Initiative Industrie 4.0 muss laut Köhler eine europäische Bewegung werden. Standards in Hinblick auf Software, den Umgang mit Daten und Industriepolitik müssten im nächsten Schritt etabliert werden. Im Gegensatz zum amerikanischen IIC sieht er in Industrie 4.0 eine Plattform, bei der jedes Unternehmen mitmachen kann. „Das ist gerade für den deutschen und europäischen Mittelstand wichtig“, so Köhler.

Auch Frank Maier, Vorstand für den Bereich Innovation bei Lenze, glaubt, dass Industrie 4.0 Deutschland und Europa Chancen eröffnet. Gleichzeitig habe Europa ein „paranoides Verhältnis zur Datensicherheit“. Unternehmen sollten stärker danach fragen, was man mit Daten am besten macht, anstelle wie man sie am besten schützt. Ein wesentlicher Faktor dabei: Den anderen immer einen Schritt voraus sein. „Schnelligkeit ist äußerst wichtig“, brachte es Maier auf den Punkt. Im Wettbewerb untereinander habe sich der mittelständische Maschinenbau bereits seit Dekaden einen für die Umsetzung von Industrie 4.0 wesentlichen Vorsprung erarbeitet: Die Fähigkeit der Systemintegration. Lag früher der Schlüssel im Wettbewerb zwischen Mechanik und Elektronik, liegt er heute zwischen Mechatronik und der digitalen Transformation von Produktionen. „Es gilt, die Fähigkeiten der Vernetzung der handelnden Personen und das kontinuierliche Lernen zu fördern sowie lernende und vernetzte Organisationen zu etablieren“, sagte Maier. It‘s OWL setzt an dieser Stelle Impulse für neue Geschäftsmodelle. Im Projekt ‚Gemini‘ des Heinz-Nixdorf-Instituts werden beispielsweise Methoden, Prozesse und IT-Werkzeuge konzipiert, die Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung von neuen Geschäftsmodellen unterstützen. Themenbereiche sind unter anderem die additive Fertigung, cloud-basierte Services für Industrie 4.0 und eine Plattform für integrierte Produktionsnetzwerke.