"Die Probleme tauchen spätestens an den Schnittstellen auf. Dann beginnt es Geld zu kosten." Rahman Jamal

„Die Probleme tauchen spätestens an den Schnittstellen auf. Dann beginnt es Geld zu kosten.“ Rahman JamalRedaktion IEE

Welche großen Themen gibt es zurzeit bei National Instruments?

Zum einen das große Thema Graphical System Design als übergeordnete Firmenphilosophie von NI. Dabei handelt es sich um eine methodische Grundlage, um Applikationen jeglicher Art aus den Bereichen Messen, Steuern, Regeln bis hin zum Embedded zu bewerkstelligen. Unmittelbar mit Graphical System Design verknüpft ist der Bereich ­Reconfigurable I/O oder kurz RIO. Dabei geht es darum, wie man Test- und Embedded-Anwendungen mit einer zugrundeliegenden FPGA-Struktur realisiert. Stellen Sie sich das vor wie bei einem iPhone, wo ich über die Apps die Funktionalität der Hardware immer wieder verändern kann – also eine Plattform wie Compact RIO, dessen Herzstück FPGAs bilden, die sich je nach Anwendung rekonfigurieren lassen.

Wie kann ich das in der Analogie zu den anderen großen Entwicklungstools namhafter Automatisierungshersteller sehen?

Wie erwähnt, ist Graphical System Design eine Art Framework oder methodische Grundlage für beliebige technische Anwendungen aus der Messautomatisierung und dem Embedded-Umfeld. Hier ist weder die Rede von einem konkreten Produkt noch von einer Entwicklungsumgebung. Typischerweise hat der Anwender ein Problem, das sich in unterschiedliche Bausteine aufteilen lässt. Mit solch einem Problem ist in der Praxis nicht ein Entwickler allein beschäftigt, sondern ganze Entwicklerteams. Einer kümmert sich um das User Interface, ein anderer um die Echtzeitprogrammierung, der dritte um das Einbetten der Anwendung auf einem ASIC. Der vierte versucht unterschiedliche Programmierparadigmen miteinander in Einklang zu bringen und der fünfte integriert dann kommerzielle Technologien.

Das bedeutet, jeder kann sich selbst aussuchen, wie er arbeiten möchte?

Genau. Jeder implementiert das, was er am besten kann, also worauf er sich spezialisiert hat, mit seinem favorisierten Tool beziehungsweise in der Sprache, die er beherrscht. Diese unterschiedlichen Bausteine greifen ineinander und bilden die Gesamtanwendung, die über das Timing und die Synchronisierung zusammengehalten werden. In unserem Fall kommen als Implementierungswerkzeuge Labview und als Harwareplattform PXI oder Compact Rio zum Einsatz.

Man hat also etwas Zusammenfassendes übergeordnet darüber gesetzt, was die ganze Sache vereint?

Ja, um es etwas anders auszudrücken: Man zerlegt eine Anwendung in sinnvolle Bestandteile, die aber nach ihrer Realsisierung zu einem großen Ganzen vereint werden. Aus unserer Sicht lassen sich Anwendungen in sechs Bestandteile zerlegen, die wir mit unseren Implementierungswerkzeugen beziehungsweise Plattformen gleich gut adressieren.

Wie kriege ich das alles zusammen und kann ich die neue Arbeitsweise den Entwicklern nahe bringen?

Die Durchgängigkeit von Labview vom Design über das Prototyping bis hin zum Serieneinsatz ist sozusagen die Kommunikationsbasis zwischen den unterschiedlichen Anwendern, die ja unterschiedliche Sprachen sprechen. Ein klassisches Beispiel: Der Designer denkt und kommuniziert wahrscheinlich nur in einer Modellsprache beziehungsweise Simulationssprache, was von Labview unterstützt wird. Der Messtechniker spricht eine sehr I/O-lastige Sprache. Und der Anwender in der Fertigung wiederum – Fertigung nicht im Sinne von Automatisierung, sondern im Sinne des Serieneinsatzes als OEM-Produkt – denkt meistens an Embedded-Anwendungen. Und in der Regel sprechen sie alle nicht miteinander. Schon haben wir die klassischen Probleme, die sich am schmerzhaftesten an den Schnittstellen bemerkbar machen. Dann beginnt es, Geld zu kosten.

Mit unserem Framework Graphical System Design integrieren wir alle Bereiche, unabhängig von der Art der Anwendung. Früher sprachen wir bei National Instruments ausschließlich über Messtechnik, weil wir die Messtechnik im Fokus hatten, und verwendeten den Begriff ‚Virtuelles Instrument‘. Aber wenn man mit Anwendungen aus verschiedenen Disziplinen konfrontiert ist, die womöglich auch ineinandergreifen, so erscheint uns der Begriff Graphical System Design viel aussagekräftiger.

Was waren die Ansatzpunkte, für die Entwicklung? Ist das ein allgemeiner Trend oder eine Anwender-getriebene Forderung?

Wir haben immer mehr mit disziplinübergreifenden Anwendungen zu tun, was auch den generellen Trend am Markt reflektiert. Insofern ist es eine sehr stark von den Anwendern getriebene Forderung, die nicht im Elfenbeinturm entstanden ist. Der Begriff Graphical System Design geht einher mit der Entwicklungsumgebung Labview, die bereits im Jahr 1986 vorgestellt wurde und ist die konzeptionelle Grundlage jeglicher Labview-Anwendung.

Das Anwendungsgebiet wird aber vorerst noch auf die Messtechnik beschränkt sein?

Nein, nein, gerade das ist ja der Punkt: Graphical System Design adressiert generell Anwendungen technischer Art. Die Steuerung der größten Maschine der Welt, des Large Hadron Collider im Cern, ist ein gutes, multidisziplinäres Beispiel auf der Basis der Plattformen Labview und PXI. Darin sind hunderte von PXI verbaut. Unser CEO bezeichnet es auch als das größte Instrument der Welt. Aber genauso gut kann man es als die größte Steuerungsanlage der Welt bezeichnen.

Wie wollen Sie Graphical System Design in den Markt kommunizieren?

Wir reden gerne über die vielfältigen Anwendungen, die auf dieser Basis tagtäglich entstehen. Wenn Sie so wollen, sprechen die Anwendungen für sich. Ein Paradebeispiel für einen Ort, wo über solche Anwendungen gesprochen wird, ist der Technologie- und Anwenderkongress VIP (Virtuelle Instrumente in der Praxis), der jährlich über 600 Ingenieure und Wissenschaftler zusammenbringt und einen Austausch zwischen ihnen auf Anwendungsebene ermöglicht. Die vielfältigen Tracks und Themengebiete spiegeln diesen eben angesprochenen multidisziplinären Trend wider und sind auch auf unserer Homepage zu finden.

Wie schnell glauben Sie, dass ein Umdenken stattfindet?

Das Umdenken hat schon begonnen – der VIP-Kongress, der dieses Jahr bereits zum 17. Mal stattfindet, ist der Beleg dafür.