AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Herr Seiler, wie laufen die Geschäfte?

Thomas Seiler: Wir haben ein seit Jahren stark wachsendes Geschäft. Auch für das Jahr 2015 gehen wir von einem Zuwachs gegenüber 2014 aus. Insofern sind wir da gut unterwegs. Wir rechnen mit etwa 20 bis 30 % Zuwachs pro Jahr. Das ist respektabel und fordert uns natürlich auch heraus, entsprechende Strukturen zu schaffen und Prozesse zu optimieren. 18 % unseres Umsatzes investieren wir jedes Jahr in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Welche Bereiche gehen Sie in der Automobil-Elektronik an?

Thomas Seiler: Im Zuge des automatisierten Fahrens entwickelt sich die Internet-Anbindung des Fahrzeugs zu einem wesentlichen Funktionssfaktor.

Thomas Seiler: Im Zuge des automatisierten Fahrens entwickelt sich die Internet-Anbindung des Fahrzeugs zu einem wesentlichen Funktionssfaktor. Alfred Vollmer

Thomas Seiler: Wir sind ein wichtiger Technologielieferant für die Hersteller der sehr spezialisierten Elektronik im Fahrzeug. 40 % unseres Gesamtumsatzes erzielen wir mit der Erstausrüstung von Fahrzeugen; hier verkaufen wir an die Tier-1s. 20 % unseres Gesamtumsatzes machen wir mit Produkten für den Aftermarket, sodass der Automotive-Bereich für etwa 60 % unseres Geschäfts verantwortlich ist.

Unser wichtigster Applikationsbereich bei den Tier-1-Suppliern ist die klassische Navigation. Die Positionsbestimmung auf Basis der Satellitendaten ist unser Basisgeschäft, aus dem heraus wir gewachsen sind. Mittlerweile ist das Auto eine Insel des Entertainments, sodass die Elektronik heutzutage wesentlich mehr Funktionen hat. Die Fahrzeuge bekommen zunehmend eine Internet-Anbindung, und zunehmend erwarten die Autokäufer, dass man innerhalb des Fahrzeugs drahtlose Geräte anbinden kann. Im Zuge des automatisierten Fahrens entwickelt sich die Internet-Anbindung des Fahrzeugs zu einem wesentlichen Funktionssfaktor.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Wie sehen Sie die Entwicklung des Marktes für satellitengestützte Fahrerassistenzsysteme und das autonome Fahren?

Thomas Seiler: Wir sehen den ADAS-Markt als eine Entwicklung, die Schritt für Schritt stattfindet. Da wird sich die Technik einfach immer weiter perfektionieren. Das kann nicht über Nacht zu einem kompletten System werden oder zu einem perfekt selbstfahrenden Fahrzeug. U-Blox ist deshalb hervorragend aufgestellt, weil wir zentrale Technologie machen. Einer der  allerwichtigsten Inputs des Fahrzeugs ist die präzise Kenntnis der aktuellen Position. Auf dieser Basis arbeiten dann diverse andere Systeme. Daher müssen wir die Positionsdaten mit hoher Präzision anliefern, und weil es um funktionale Sicherheit geht, muss das Fahrzeug auch noch wissen, ob diese Positionsangabe verlässlich ist.

Mittlerweile geht es bei weitem nicht mehr nur darum, die Signale ordentlich auszuwerten. Wir müssen die möglichen Störeinflüsse kennen und berücksichtigen. Allein schon, um die Grundtechnologie zu beherrschen, ist extrem viel Erfahrung notwendig. Wir sind eine der wenigen Firmen, die das Kern-Know-how haben; wir haben 15 Jahre Erfahrung mit der Satellitenkommunikation und der Herstellung entsprechender Technologien, sprich Halbleiter-Chips, die letztendlich zusammen mit der Software dieses Wissen integrieren.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: In wieweit ermöglichen sie dabei Diagnosefähigkeit? Welche Aussage können Sie über die Qualität des Signals machen?

Thomas Seiler: Wir sind die einzige Firma, die Funktechnik sowohl als integrierte Schaltung als auch als Modul anbietet.

Thomas Seiler: Wir sind die einzige Firma, die Funktechnik sowohl als integrierte Schaltung als auch als Modul anbietet. Alfred Vollmer

Thomas Seiler: Das sind genau die Fragen, an denen wir arbeiten: In welchem Umfang kann man welche Vertrauensbereiche abbilden, die genau diese Rückschlüsse ermöglichen? Das bedarf aber verschiedener Dinge, um ein System schlussendlich so weit zu bringen, dass es in funktionaler Sicht den Integritätsansprüchen genügt. Es ist einerseits der Umgang mit den Signalen; es geht darum, die zur Verfügung stehende Physik passend einzusetzen und auch mit Abweichungen sinnvoll umzugehen, um so schlussendlich auf einen sicheren Pfad zu kommen. Das sind viele Dinge, die vielleicht theoretisch ausgedacht sind, aber in der Praxis dann immer noch ein bisschen anders daherkommen. Ich denke, es braucht noch einige Zeit, bis die Diagnosefähigkeit zu einer reifen Darstellung wird. U-Blox liefert einen Sensor mit der Positionsinformation, aber die Absicherung läuft im Rahmen der Systemintegration. Die Satellitennavigation stellt ein sehr absolutes Referenzsignal zur Verfügung, das die aktuelle Position auf den Dezimeter genau liefert.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Wann können wir die Satellitennavigation als verlässlichen Sensor im Sinne einer ASIL-zertifizierten Sensorlösung sehen?

Thomas Seiler: Wir denken, dass Satellitennavigation in zwei bis drei Jahren ein verlässlicher Sensor im Sinne einer ASIL-zertifizierten Sensorlösung sein wird. Das hat nur zum Teil mit ASIL oder der ISO-Norm zu tun sondern vor allem damit, dass zunächst die ganze Systemumgebung stehen muss. Wir sind dabei alle mit Vorsicht am Werk, weil es hier um funktionale Sicherheit und um Haftungsfragen geht; ich denke so schnell bewegt sich die Welt da nicht. Andererseits ist es natürlich in Teilbereichen möglich, vermehrt autonomes Fahren zuzulassen, und wir liefern natürlich auch unseren Anteil, dass das möglich wird. In zwei bis drei Jahren werden wir eine genügend hohe Genauigkeit und Verlässlichkiet haben, um sicher zu erkennen, in welcher Fahrspur wir uns befinden – so sicher, dass sich das Fahrzeug im Rahmen der Sensorfusion darauf verlassen kann.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Welche Aktivitäten haben Sie im Bereich Dead-Reckoning?

Thomas Seiler: Die Internet-Anbindung innerhalb des Fahrzeugs, also die Verbindung zur Telematik-Box kann auch per Wi-Fi erfolgen.

Thomas Seiler: Die Internet-Anbindung innerhalb des Fahrzeugs, also die Verbindung zur Telematik-Box kann auch per Wi-Fi erfolgen. Alfred Vollmer

Thomas Seiler: Der Sinn von Dead-Reckoning besteht darin, möglichst mehrere Sensoren zu integrieren: sich nicht nur auf den Sensor der Satelliten abzustützen, sondern auch andere Inputs wie Richtung oder Geschwindigkeit und Distanz zu verwenden. Wir machen dazu vor allem die Software-Plattform, die weitere Signale mit integriert und so eine uniforme Positionsinformation am Ausgang liefert. Wir selber machen keine Sensoren, zumal diverse Sensoren und andere Systemteile schon im Fahrzeug vorhanden sind. Wir greifen auf diese Sensorik zu und schaffen so eine präzise Lösung. Ich denke, U-Blox hat hier ein sehr großes Know-how und sehr verschiedene Konfigurationen, die den Kunden zur Verfügung stehen. Es geht vor allem darum, mehr Robustheit zu haben und von der Verfügbarkeit einzelner Sensorsignale relativ unabhängig zu sein. In der Summe ist das immer eine gute Lösung, denn einzelne Sensoren können einmal ausfallen.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Worin unterscheidet sich U-Blox von anderen Anbietern?

Thomas Seiler: Wir sind die einzige Firma, die Funktechnik sowohl als integrierte Schaltung als auch als Modul anbietet. So können wir unsere Technologie einem größeren Kundenkreis anbieten, tausenden von Kunden. Mit unserem Know-how sind wir unabhängig von Technologie-Lieferanten; wir entscheiden, was die Produkte machen oder was sie in Zukunft bieten. Wir können unseren Kunden eine Vorschau bieten, was sie in den nächsten Jahren von uns erwarten können. Das können wir, weil wir unabhängig von Zulieferanten die Technologie weitertreiben. U-Blox legt den Fokus und die Anstrengungen sehr in den Kern der Sache, sodass wir die Technologien in voller Tiefe sehr gut verstehen, auf Basis dieses Know-hows die Produkte von Grund auf entwickeln und damit ein entsprechend kompetenter Partner sind.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Welche kommerzielle Bedeutung haben die Halbleiter für U-Blox?

Thomas Seiler: Der Verkauf unserer Chips ist ein wichtiges Standbein. Wir verkaufen sogar mehr einzelne Chips als fertige Module. Eine integrierte Schaltung in einem Design zu nutzen, verlangt ein relativ gutes Detailverständnis. Deshalb kaufen viele Unternehmen von uns gleich das ganze Modul, weil sie so ihre Aktivitäten voll auf ihre eigentliche Applikation konzentrieren können. Falls ein Kunde zum Beispiel bei großvolumigen Anwendungen oder wenn er der Funktechnik noch seinen eigenen Stempel aufdrücken möchte, seine eigene Lösung favorisiert, dann kann er dies mit unseren Chips auch tun. Wir bieten somit eine durchgängige Lösung.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Worin liegen die Vorteile eines Moduls?

Thomas Seiler (im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Redakteur Alfred Vollmer): Wir denken, dass Satellitennavigation in zwei bis drei Jahren ein verlässlicher Sensor im Sinne einer ASIL-zertifizierten Sensorlösung sein wird.

Thomas Seiler (im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Redakteur Alfred Vollmer): Wir denken, dass Satellitennavigation in zwei bis drei Jahren ein verlässlicher Sensor im Sinne einer ASIL-zertifizierten Sensorlösung sein wird. Alfred Vollmer

Thomas Seiler: Da wir unsere Halbleiter selbst entwickeln, können wir die Elemente so integrieren, dass die Module besonders klein werden, und wir können auch im Bereich der Verpackungstechnologie die am besten geeignete Variante auswählen. So ist es U-Blox gelungen, das kleinste GNSS-Empfängermodul der Welt zu entwickeln und zu fertigen, weil wir auch das Design eines Moduls in punkto Gehäusetechnologie so angehen, wie wenn wir einen Chip herstellen würden. So wird das Modul in punkto Kosten und Platzbedarf sehr attraktiv.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Wo lassen sie fertigen?

Thomas Seiler: Global Foundries und Taiwan Semiconductor fertigen unsere Halbleiter, und unsere Module produziert Flex in Österreich.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: U-Blox ist ein Schweizer Unternehmen. Welche Bedeutung hat das für Ihre Kunden?

Thomas Seiler: Ich denke, das ist nicht so bedeutsam. Wichtiger ist, dass wir als globales Unternehmen aufgestellt sind, und dass wir unser Handwerk beherrschen. Aber da sind wir wieder bei den Schweizern generell, die schon lange erkannt und gelernt haben, dass sie ein Exportgeschäft betreiben müssen. 100 % unseres Einkommens erzielen wir aus dem Export, und da sind wir nicht die einzigen in der Schweiz. Dieser globale Auftritt, sowohl auf der Entwicklungsseite als auch auf der Vertriebsseite, macht uns stark. Wie unsere Kunden haben auch wir immer Aktivitäten an vielen verschiedenen Standorten weltweit. Etwa 30 % unserer Entwicklungsaktivitäten laufen in der Schweiz.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: An welchen Standorten entwickeln Sie noch?

Thomas Seiler: Wir haben 13 Entwicklungsstandorte, hauptsächlich in Europa, nämlich in England, Belgien, Italien, Deutschland und Griechenland sowie in Schweden und Finnland. Hinzu kommt je ein Standort an der Westküste der USA und in Pakistan. In einigen Ländern sind wir sogar an mehreren Standorten.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Warum entwickeln Sie gerade an diesen Standorten?

Thomas Seiler: Wir haben jeweils kleine Unternehmen übernommen und dann sehr proaktiv ausgebaut. Es geht darum, jeweils die besten Talente für uns zu gewinnen. So haben sich diese Standorte seit dem Zeitpunkt der Übernahme sehr stark verändert und haben heute ein ganz anderes Profil. Ursprünglich haben wir zum Beispiel in Schweden vor allem Bluetooth und in Griechenland Wi-Fi entwickelt, aber die Mitarbeiter wachsen quasi alle über sich selbst hinaus. Da wir standortunabhängig organisiert sind, können wir einen Spezialisten an jedem Standort an unterschiedlichen Projekten mitarbeiten lassen.

Die Kommunikationstechnik macht das relativ einfach möglich, aber es braucht schon noch viel Know-how und eine Kultur des Zusammenhaltens, die das Team festigt.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Welche Bedeutung hat die In-Car-Kommunikation?

Thomas Seiler: Die Kommunikation innerhalb des Fahrzeugs erfolgt vor allem unter zwei Gesichtspunkten: Zum einen geht es darum, mobile Geräte an die Internetverbindung anzukoppeln, die das Fahrzeug zur Verfügung stellt. In-Car-Kommunikation dient aber auch als Verbindungstechnik, um Systemkomponenten im Fahrzeug zu koppeln. Dieses Prinzip fasst immer mehr Fuß. Es ist einfacher und kostensparender, wenn man auf dieser Basis Elemente zusammen fügt. Derzeit laufen in diesem Bereich diverse Aktivitäten.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Können Sie das konkretisieren?

Thomas Seiler: So könnte eine Telematik-Box im Auto die Verbindung zwischen Internet und Auto herstellen. Die Internet-Anbindung innerhalb des Fahrzeugs, also die Verbindung zur Telematik-Box kann jedoch auch per Wi-Fi erfolgen. Das spart Kabel und damit Masse, aber es ermöglicht auch eine neue Form eines modularen Ansatzes, der auch das Nachrüsten ermöglicht. Derzeit ist die primäre Anwendung jedoch der höhere Passagierkomfort, aber die andere Variante ist ebenso auf dem Weg.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Gibt es bei dem zentralen Gateway, das per Wi-Fi angebunden wird, bereits ein konkretes Kundenprojekt?

Thomas Seiler: Ja, dieses Thema ist in allen Entwicklungsabteilungen auf dem Weg. Vermutlich suchen alle OEMs und Zulieferer noch nach der passenden Ausprägung: Welche Datenrate soll es sein, wie komfortabel, wie viel Geld darf das kosten? Hier tut sich ein Fächer an Möglichkeiten auf, der für jede Preis- und Komfortklasse die passende Lösung bietet.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Mit welchen Datenraten erfolgt denn die Übertragung über die Luftschnittstelle vom und zum Gateway?

Thomas Seiler: Der LTE-Standard zeigt sehr gut, wie sich alles weiter entwickelt. Das Spektrum reicht von relativ geringen Datenraten unter 1 MBit/s bis 100 MBit/s. Aber die Standardisierung geht natürlich weiter, sodass man auch von 250 MBit/s oder 500 MBit/s oder gar 1000 MBit/s träumen kann. Ob das dann immer sinnvoll ist, ist oft eine Frage des Geldes, weil für sehr hohe Datenraten immer mehrfache Übertragungswege zum Einsatz kommen, sodass die Infrastruktur sehr viel komplexer ist. Die tatsächlich nutzbare Bandbreite hängt sehr stark vom Umfeld und der Netzabdeckung ab.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Beabsichtigt U-Blox, in den Bereich Software-Defined-Radio für den Empfang von Radioprogrammen einzusteigen?

Thomas Seiler: Ob wir Software-Defined-Radio machen, kann ich jetzt nicht mit ja oder nein beantworten. Es ist eine ökonomische Frage, denn technisch sind wir da bestens aufgestellt – unter anderem mit unseren eigenen Signalprozessoren.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK: Wie will sich U-Blox im Automobilbereich weiter entwickeln?

Thomas Seiler: Das Marktsegment Automotive wird stark zulegen, denn mit der Vernetzung des Fahrzeugs nach außen steigen Sicherheit und Komfort. Das schafft gute Voraussetzungen dafür, dass unsere Firma weiter wachsen wird.

Als börsennotierte Firma ist U-Blox finanziell sehr solide aufgestellt. So haben wir die Voraussetzungen, ein verlässlicher Lieferant zu sein. Weil wir das Prozessdenken sehr stark fördern und ein extrem gutes Qualitätsniveau haben, sind wir ein attraktiver Partner unserer Kunden und Aktionäre.