Mit jeder Modellgeneration wird das Auto komplexer, die jüngste Innovationsleistung besteht in der Integration von Softwarefunktionalitäten. Trotzdem stehen wir jetzt vor einem Paradigmenwechsel: Das Fahrzeug verändert sich weit über die Produktebene hinaus; der digitale Strukturwandel hat die gesamte Autobranche erfasst. Analysen über die digitale Transformation zur Industrie 4.0 und in Automotive zeigen, dass die Unternehmenslenker zwar anerkennen, dass Digitalkompetenz künftig über den Unternehmenserfolg entscheiden wird, ihr eigenes Unternehmen sehen sie aber weniger gut aufgestellt.

Eckdaten zur Studie

Für die Studie „Software Drives. Automotive E/E Engineering Development 2030″ befragte die Stuttgarter Unternehmensberatung Kugler Maag Cie im Rahmen des europäischen Großforschungsprojekts „Scalare“ in Zusammenarbeit mit BMW Car IT, Bosch, Eclipse, Fraunhofer SIT und der Universität St. Gallen über 40 Entwicklungsverantwortliche von Herstellern und Automobilzulieferern sowie aus der Informations- und Telekommunikationstechnologie. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen kamen aus Nordamerika, Europa und Asien. Zusätzlich erfolgte eine Online-Befragung.

In den Experteninterviews erkundigte sich Kugler Maag Cie bei den E/E-Entscheidern nach ihrer Einschätzung in den folgenden drei Bereichen:

  • Megatrends: technologische, politische und gesellschaftliche Bedingungen mit erheblichem Einfluss auf die Automotive-Branche.
  • Veränderungen der Branche durch diese Megatrends, insbesondere in Bezug auf die Wertschöpfung und die künftige Branchenstruktur.
  • Auswirkungen auf die E/E-Entwicklung und die Schlüsselfertigkeiten, die Entwicklungsorganisationen im digitalen Mobilitätszeitalter benötigen.

Um diese Lücke zu schließen, hat Kugler Maag Cie, eine auf die Elektronikentwicklung spezialisierte Unternehmensberatung, die Studie „Software Drives. Automotive E/E Engineering Development 2030″ durchgeführt. Hier erläutern Entwicklungsverantwortliche, wie Automobilhersteller und -zulieferer Digitalkompetenz erlangen können.

AUTOMOBIL-ELEKTRONIK präsentiert Ihnen in Kürze die Kernaussagen der befragten Top-Level-Entscheider: Die Verbindung von vernetzter Bordelektronik mit webbasierenden Plattformen und Big-Data-Analysen in Echtzeit ermöglicht vollkommen neue digitale Geschäftsmodelle, die alte Branchengewissheiten in Frage stellen: Zahlt der Kunde künftig nicht mehr für den Besitz eines Autos, sondern für dessen Nutzung? Bei digitalen Geschäftsmodellen verlagern sich die Zahlungsströme vom Kauf zum Bezug von Dienstleistungen, so dass der Aftermarket zum Main Market wird. Dadurch verändern sich die Rahmenbedingungen der (Elektronik-) Entwicklung fundamental.

Digitale Dienstleistungen sorgen für den Unterschied

Konvergenz der Domänen: Bei digitalen Geschäftsmodellen entsteht der Kundennutzen durch die Kombination vernetzter Produkte mit webbasierenden Diensten.

Konvergenz der Domänen: Bei digitalen Geschäftsmodellen entsteht der Kundennutzen durch die Kombination vernetzter Produkte mit webbasierenden Diensten. Kugler Maag Cie

Heute erfolgt die Differenzierung über die Herstellermarke. Vernetze Geschäftsmodelle ermöglichen einzigartige Wertangebote für Kunden, beispielsweise eine Mobility-on-Demand-Lösung in Verbindung mit dem automatisierten Fahren. Unterschiedliche Anbieter – neben den OEMs von heute etwa IT- und Internetdienstleister, Mietwagenanbieter oder Versicherungen – können die Kundenschnittstelle besetzen und zum Systemführer eines Konsortiums mit OEM, Zulieferern und branchendritten IT- sowie Dienstleistungsanbietern avancieren. Ein Wertschöpfungsnetzwerk löst die etablierte Branchenstruktur von OEM und Zulieferern ab. Durch die Vielzahl möglicher Player mit spezifischen Angeboten wird die Auto-Mobilitätsbranche heterogen. Für die Entwicklung ergibt sich dabei die Herausforderung, unterschiedliche Softwarekategorien aus Kundensicht wahrzunehmen und als Einheit zu begreifen: die Steuergeräte der Bordelektronik, das Internet der Dinge (IoT) sowie Webservices mit den dahinterstehenden IT-Systemen. Ein integriertes Angebot setzt Konvergenz voraus. Daher müssen unterschiedliche Domänen innerhalb und außerhalb eines Unternehmens lernen, vom Ende her zu denken, also vom Wertversprechen für den Kunden her.

Wie muss die Engineering-Organisation der Zukunft aufgestellt sein, welche Erwartungen haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen? Auch die Teilnehmer der Online-Befragung nehmen an, dass sich der Fokus verlagern wird.

Wie muss die Engineering-Organisation der Zukunft aufgestellt sein, welche Erwartungen haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen? Auch die Teilnehmer der Online-Befragung nehmen an, dass sich der Fokus verlagern wird.Kugler Maag Cie

Im Top-Management entscheidet IoT-Kompetenz über den Erfolg

Das Fahrzeug bildet einen Datenknoten im Internet der Dinge, die Wertschöpfung verschiebt sich vom Produkt zur Dienstleistung, und die Karten werden neu gemischt. Neue Geschäftsmodelle müssen zur Logik der Internetökonomie passen. Innovationen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, kommen immer seltener aus der Fachabteilung. Stattdessen entstehen sie in zunehmendem Umfang aus dem spielerischen Zusammenwirken verschiedener Akteure. Neben technischem Know-how wird so die Fähigkeit, offene Partnerschaften zu steuern, zu einer zentralen Managementkompetenz.

Integrierte Architekturen wirken auf die Entwicklungsabteilung zurück

Die schnelle Umsetzung marktreifer Elektroniksysteme erfordert flexible dezentrale Organisationsstrukturen an Stelle von starren Managementhierarchien.

Die schnelle Umsetzung marktreifer Elektroniksysteme erfordert flexible dezentrale Organisationsstrukturen an Stelle von starren Managementhierarchien. Kugler Maag Cie

Um die Offenheit zu gewährleisten, erwarten die befragten Experten eine Zweiteilung der Fahrzeugarchitektur: Ein Physical-Layer enthält zwar alle sicherheitskritischen Basisfunktionen des Autos, aber Dienstleistungen mit Internetanbindung werden über den Connected-Layer erbracht. Diese horizontale Systemarchitektur spiegelt sich dann auch in der Aufbauorganisation der Entwicklung wider. Der Connected-Layer bildet die Schnittstelle zu Webanbietern und Wertschöpfungspartnern. Um attraktive Leistungen anbieten zu können, muss hier eine agile Innovationskultur entstehen, ähnlich einem Start-up im Internet. Die Entwicklungsabteilung wandelt sich zu einer Projektorganisation mit eigenverantwortlichen Teams, die kontinuierlich lernen, denn schließlich gilt es, Marktchancen zu nutzen.

Das Denken im Lebenszyklus ist überholt

Wenn Dienstleistungen sich zur Haupteinnahmequelle entwickeln, dann müssen Anbieter während der gesamten Nutzungszeit des Fahrzeugs neue Funktionalitäten offerieren – und dies erfolgt insbesondere auf Softwareebene. Die unter dem Stichwort Continuous-Development bekannte ständige Entwicklung löst die heutige Orientierung an SOP, Modellpflege und EOP ab. In einem dynamischen Marktumfeld sinkt überdies die Zeitspanne, in der sich mit einem Produkt Geld verdienen lässt. Lange Vorlaufzeiten gibt es nicht mehr, sodass die Kunst vielmehr darin liegt, Impulse aus der Internetwelt umgehend in attraktive Funktionalitäten zu übersetzen. Schnelle Marktreife wird wichtiger als eine kosteneffiziente Entwicklung.

Digitalkompetenz geht weit über technisches Know-how hinaus: Sie beginnt mit dem Verständnis, wie Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter funktionieren und wie sich mit Dienstleistungen kontinuierliche Ertragsströme generieren lassen. Darauf müssen die OEMs die Fahrzeugarchitektur umstellen – und ebenso die E/E-Entwicklung: Nur als anpassungsfähige lernende Projektorganisation mit agilen Teams vermag sie Chancen zu erkennen und rasch werthaltige Lösungen zu schaffen.

Komplette Studie

Die komplette Studie finden Sie unter diesem Link.