Bei der Entwicklung eines neuen Produktes können Firmen entscheiden, ob sie den Entwicklungsprozess komplett im eigenen Haus durchführen oder auf die Unterstützung durch externe Spezialisten zurückgreifen. Der Vorteil bei der Eigenentwicklung besteht darin, dass das Unternehmen Know-how im eigenen Haus aufbauen kann und so zum Spezialisten für bestimmte Bereiche wird. Diese Entscheidung ist durchaus sinnvoll, sofern das Unternehmen die erforderlichen Mitarbeiter dauerhaft beschäftigen kann.

Bei relativ langen Produktrevisionszyklen sind Mitarbeiter der Entwicklung zunächst über einen kurzen Zeitraum komplett ausgelastet und haben anschließend Leerlauf. Lösen lässt sich diese Problematik, indem das Unternehmen ausgewählte Aufgaben entweder komplett an externe Dienstleister auslagert, oder entsprechendes Know-how parziell über Freiberufler oder Berater bedarfsgerecht einkauft.

Eckdaten

Müssen Unternehmen ein von ihnen geplantes Embedded-System selbst in ein praktisches Produkt umsetzen, oder sollten sie das gesamte Projekt beziehungsweise nur Teilbereiche an externe Entwicklungsdienstleister auslagern? Das Beispiel eines HMI-Systems beleuchtet diese Fragestellung und gibt unentschlossenen Unternehmen eine Hilfestellung bei der Entscheidungsfindung.

Auch bei dieser Vorgehensweise liegen die Vorteile klar auf der Hand. Externe Spezialisten kennen sich in ihrem Marktsegment gut aus, sind stets am Puls der Zeit und arbeiten routiniert mit den neuesten Technologien und Verfahren.

Wirtschaftlichkeit im Blick

Da viele Projekte immer komplexer werden, stellt sich die Frage, ob es bei bestimmten Entwicklungen sinnvoll ist, nur Teilbereiche an Externe zu vergeben. Die wirtschaftlichere Lösung ist oft, die Entwicklung eines Subsystems mit klar definierten Schnittstellen und Funktionen bei einem externen Entwicklungsdienstleister in Auftrag zu geben.

Am Beispiel eines HMI-Systems (Bild 1 und Bild 2) lässt sich dieses Szenario verdeutlichen. In diesem Fall könnte die Anforderung an einen externen Dienstleister lediglich darin bestehen, nur ein TFT-Display auszuwählen und zu liefern. Der Kunde muss sich dann jedoch mit zahlreichen Parametern auseinandersetzen und auskennen. Schnittstellen wie LVDS, TTL, eDP oder V-by-One und die Hintergrundbeleuchtung sind anzusteuern und richtige Einschaltreihenfolgen (Power-up Timings) einzuhalten.

Ist zusätzlich ein berührungsempfindlicher Bildschirm erforderlich, müssen die Entwickler neben dem Sensor einen Touch-Controller auswählen und einrichten. Bussysteme wie I²C, USB und RS-232 vermitteln zunächst ein vertrautes Gefühl. Spätestens die Anpassung der Touch-Controller-Firmware an den Sensor beziehungsweise an das komplette System verlangt von den Entwicklern spezielle Expertise.

Ganzheitlich entwickeln

Warum also die Entwicklung nicht auslagern und bei einem externen Dienstleister ein Arbeitspaket in Auftrag geben, dessen Leistungsfähigkeit sich leicht testen und beurteilen lässt? So würde beispielsweise ein Unternehmen, das keine Erfahrung in der Motorenentwicklung hat, auch nicht jedes Bauteil eines Motors separat spezifizieren. Anstatt genau zu definieren, welche Durchflussmenge und welchen Druck die Einspritzdüsen liefern müssen, denken Entwickler in einem solchen Fall ganzheitlicher.

Bild 1: Kundenspezifische Touch-Einheit, Plug & Play mit Magnetverschluss und zwei Schrauben.

Bild 1: Kundenspezifische Touch-Einheit, Plug & Play mit Magnetverschluss und zwei Schrauben. Distec

So soll beispielsweise ein Dieselmotor mit folgenden Spezifikationen entwickelt werden: 150 PS/400 Nm, 5 l/100 km Normverbrauch, gewünschter Zielpreis. Der Motorenbauer liefert den kompletten Motor inklusive Steuergerät und aller nötigen Anbauteile. Auf dem Prüfstand testen die Verantwortlichen die Leistung des Motors und beurteilen damit die Arbeit des Dienstleisters auf Basis eindeutiger Fakten. Ist der Zielpreis realistisch und sind die Leistungsdaten erreicht, hat der Zulieferer ganze Arbeit geleistet.

So wie in diesem Fall kann auch ein Entwicklungsauftrag für ein Monitor-Subsystem aussehen. Der Entwicklungspartner erhält Vorgaben, die den Funktionsumfang sowie die Leistungsfähigkeit beschreiben, nicht aber einzelne Komponenten. Obwohl die Versuchung groß ist, sich bei Chips und Datenblättern schnell einzuarbeiten und schon vor dem Auftrag an einen Spezialisten mit der Auswahl geeigneter Bauteile zu beginnen, ist es besser, sich diesen Aufwand zu sparen.

Dienstleister übernimmt die Komponentenauswahl

Bei der Entwicklung eines Motors würde ja auch niemand einen Luftfiltereinsatz oder eine Lichtmaschine auswählen, bevor der Motorenexperte seine Arbeit aufgenommen hat. Wieso sollte man sich also die Mühe machen, einzelne Komponenten auszusuchen, wenn später ein Dienstleister die Entwicklung übernimmt?

Im eigenen Haus sollten die Verantwortlichen das Projekt detailliert funktional beschreiben, jedoch möglichst nicht auf Bauteilebene. Umso einfacher wird es dann, das Projekt zu abstrahieren und unabhängig von der Hardware klar zu definieren. Außerdem hat ein externer Experte dann die Möglichkeit, mit bewährten Technologien und Produkten eine optimale Lösung zu präsentieren und später mit hoher Ausfallsicherheit zu liefern.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass der Entwicklungspartner Gleichteile aus mehreren Projekten akkumulieren und somit Vorteile im Einkauf erzielen kann, die sich auf den Preis der Baugruppe auswirken. Sofern der Kunde dem Entwicklungspartner also mehr Freiheiten bei der Komponentenauswahl lässt, kann er von dessen niedrigeren Einkaufspreisen und den bereits vorhandenen Erfahrungen mit den jeweiligen Bauteilen profitieren.

Genaue Applikationsbeschreibung erforderlich

Wie also sollte ein Unternehmen sein Entwicklungsprojekt in Angriff nehmen, ohne zu detaillierte Vorgaben zu machen? Wichtig ist in jedem Fall, die Applikation möglichst genau zu beschreiben, ohne dabei in technische Details einzutauchen. Anforderungen für den Einsatz der Anwendung im Außenbereich, die Bedienung über ein berührungsempfindliches Display, Mehrfingerbedienung und andere Vorgaben sind aufzulisten. Gegebenenfalls ergänzt der Kunde diese Punkte noch um Design-Anforderungen, besonders bei Cover-Gläsern von PCAP-Touches, bei denen Logodrucke oder Hinterdruckungen in verschiedenen Farben möglich sind.

Bild 2: Kundenspezifisches HMI-Subsystem. Komplett geprüft, Plug & Play mit einem Kabel und vier Schrauben einfach zu montieren.

Bild 2: Kundenspezifisches HMI-Subsystem. Komplett geprüft, Plug & Play mit einem Kabel und vier Schrauben einfach zu montieren. Distec

Gemäß dieser Beschreibung unterbreitet der Dienstleister Vorschläge, mit welchen Komponenten das Vorhaben realisierbar ist. Anhand von Mustern trifft der Kunde eine Auswahl, mit der der Dienstleister ein erstes Proof-of-Concept zur Verfügung stellt, das der Kunde evaluieren und freigeben kann.

Auch für den Einkauf bietet diese Herangehensweise Vorteile. Anstatt sich auf Bauteilebene um den niedrigsten Preis kümmern zu müssen, vergleicht der Einkauf lediglich die Preise der angebotenen Systeme. Da diese alle auf den gleichen Anforderungen basieren, ist der Einzelteilpreis ohne Bedeutung, solange der Komplettpreis stimmt und das Produkt die Vorgaben der eigenen Entwicklung erfüllt.

Die Entwicklungsabteilung muss bei dieser Vorgehensweise allerdings verschiedene Systeme evaluieren, was auf den ersten Blick nach zusätzlichem Aufwand aussieht. Die Chancen überwiegen jedoch. Zum einen erhält der Kunde durch die Expertise des Dienstleisters möglicherweise auch neue Impulse durch ihm bisher unbekannte Lösungsvorschläge. Andererseits eröffnet sich durch unterschiedliche Systeme eventuell eine alternative Second Source zur Vermeidung von Lieferengpässen.