Leben und leben lassen ?

Umsatzmäßige Berg- und Talfahrten gehören zur Wirtschaft wie der Widerstand zum Strom. Trotzdem versetzt die derzeitige “Talfahrt” bei elektronischen Bauelementen die heimischen Distributoren nicht gerade in Jubelstimmung. Die Elektronikschau hat sich in der Szene umgehört.

Sowohl auf der Seite der Distributoren von elektronischen Bauelementen, als auch seitens der Kunden herrscht derzeit eine gewisse Unsicherheit in der Branche.
Einer der möglichen Gründe dafür ist die immer schwieriger werdende Vorhersehbarkeit des Marktes. Es wird für potentielle Elektronik-Einkäufer zusehends komplizierter, ihren Bauteilebedarf (nur) über drei oder vier Monate vorauszuplanen. Oft steht nicht fest, welche Stückzahlen von einem bestimmten Produkt benötigt werden, weil man selbst nicht weiß, was man in nächster Zeit produzieren wird. Gleichzeitig sollte der Kunde aber seinem Distributor genaue Aufträge für ein Jahr abgeben, damit dieser wiederum den besten Preis für den Kunden herausschlagen kann.
Ergo hängt der Erfolg eines Distributors davon ab, wieviel er von den spezifischen Marktfluktuationen seiner Kunden weiß. Denn nur so kann effizient und schnell auf Kundenanforderungen reagiert werden. Das Produkt muss genau dann verfügbar sein, wenn es gebraucht wird. Somit muss der Distributor ? kundenangepasst ? in kleineren Zeitfenstern denken und agieren; nicht ausschließlich in Jahren.
Der Kunde ist der Markt
Techniker oder Firmen, die vor zwanzig oder dreißig Jahren elektronische Bauelemente für eine Neuentwicklung benötigten, mussten sich anstrengen, um überhaupt etwas zu bekommen. Diese Tatsache ist natürlich darauf zurückzuführen, dass es nur wenige Distributoren gab.
Heute hat sich die Sachlage gewandelt. Der Kunde ist in das Zentrum des Geschehens gerückt und nun in der Lage, Druck auf die Distributoren auszuüben bzw. sogar deren Firmenpolitik zu beeinflussen. Denn darf man den Aussagen der Distributions-Unternehmen Glauben schenken, so sind deren Margen und Mitarbeiterzahlen in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken, was sich für den Kunden in Form von niedrigeren Preisen ausgewirkt hat.
Trotzdem sei hier aus Kundensicht Vorsicht geboten! Wenn sich die Distributoren durch “Kannibalismus in den eigenen Reihen” selbst auffressen, bis nur mehr ein oder zwei große Anbieter übrigbleiben, kommt es zu einer Marktleere; d. h. geringe Auswahl oder ? im Extremfall ? Monopolstellung.
Wesentlich ist, dass der Kunde als Kunde behandelt wird. Solange eine Geschäftsbeziehung problemlos läuft, werden kaum Reibungspunkte auftreten. Wenn es aber einmal zu echten Problemen zwischen Kunden und Anbieter kommt, dann kann der Distributor beweisen, wie gut er auf die Anliegen des Kunden eingehen kann.
Sind wir Österreicher denkfaul geworden?
Vor einigen Jahrzehnten, als die Bauteile-Distribution in ihren Kinderschuhen steckte, strotzte der Markt noch vor Ideen; heute fehlt es an vielen Stellen an Innovationen. Wesentliche potentielle Absatzmärkte für Bauelemente sind in Österreich nur zu einem geringen Teil erschlossen.
Österreich avanciert zum “Land der Bestücker”: Heimische Unternehmen machen sich abhängig von internationalen Unternehmen, die aber jederzeit “den Hahn zudrehen” können indem sie Produktionen in andere Staaten verlagern.
Es gibt in Österreich zweifellos Elektronik-Unternehmen, die ? auch international ? auf ihrem Gebiet bzw. mit ihren Produkten marktführend sind. Was fehlt, ist der Nachwuchs an neuen Innovationsschmieden. Liegt es an der österreichischen Mentalität oder an unserer Bundesregierung, junge Unternehmen mit neuen Ideen zu unterstützen, aus denen Firmengründungen resultieren könnten die in weiterer Folge wieder frischen Wind in den Bauelemente-Markt bringen würden?
In anderen Ländern ist es sehr wohl möglich, in einem Zeitraum von zwei bis fünf Jahren den Sprung vom “Ein-Mann-Unternehmen” zum KMU zu schaffen. In unseren Breiten gestaltet sich solch ein Vorhaben äußerst schwierig.
Mit Sicherheit gibt es in Österreich massenhaft kreative Tüftler, die den Prototypen ihrer Erfindung im Kopf oder sogar in der Schublade liegen haben. Hier fehlt es aber letztendlich an der Fähigkeit, das eigene Produkt zu vermarkten, da man als Einzel- bzw. Privatperson kaum über entsprechendes Marketing-Know-how und die finanziellen Mittel verfügt. Paradoxerweise würde es aber an der Unterstützung durch Sponsoren nicht fehlen ? wenn man sie nur erreichen könnte ?