Dr. Michael Schneider, Baumer Group: „Wir haben nicht den Anspruch, eine Schnittstelle vorzuschreiben und wollen uns auch nicht über das Interface differenzieren.“

Dr. Michael Schneider, Baumer Group: „Wir haben nicht den Anspruch, eine Schnittstelle vorzuschreiben und wollen uns auch nicht über das Interface differenzieren.“ Baumer

Herr Schneider, im September zusammen mit Hengstler und Kübler SCS open link aus der Taufe heben und jetzt die Konkurrenztechnologie Hiperface DSL unterstützen. Wie passt das zusammen?

Michael Schneider: Neben Hiperface DSL und SCS open link dürfen Sie BiSS Line nicht vergessen. Denn wir von Baumer sind auch Gründungsmitglied der BiSS Association e.V. und gestalten so im Sinne unserer Kunden die entstehende Vielfalt mit. Denn wir sehen für alle drei Kommunikations-Protokolle einen Markt. Hiperface DSL mit seiner Ein-Kabel-Technologie ist weltweit etabliert in der Kommunikation zwischen Motorfeedback-System und Antriebsverstärker. Zusammen mit EnDat bildet es den aktuellen Marktstandard. BiSS Line punktet mit einer hohen ­Störfestigkeit und wird aufgrund der künftig verfügbaren ASICs vielleicht auf der Encoder-Seite leichter integrierbar sein. Und SCS open link hat sich bei namhaften Herstellern bereits hervorragend bewährt und stellt als offenes Protokoll eine echte Alternative zu den anderen Kommunikations-Protokollen dar.

Wo liegen denn die Unterschiede der Interfaces?

Michael Schneider: Alle 3 Protokolle basieren physikalisch auf der RS485-Schnittstelle. Inhaltlich gibt es natürlich Unterschiede, beispielsweise bei der Fehlertoleranz, bei den Profilen und bei der Geschwindigkeit. Weitere Details fallen allerdings unter die Geheimhaltung.

Was gab den Anstoß, jetzt auch Hiperface DSL zu unterstützen?

Michael Schneider: Wir von Baumer vertreten die Meinung, dass der Kunde entscheiden soll, welches Protokoll am besten zu seiner Anwendung, zu seinen Motoren und Umrichtern passt. Wir haben nicht den Anspruch, eine Schnittstelle vorzuschreiben und wollen uns nicht über die Schnittstelle differenzieren, sondern vielmehr über die Leistungsfähigkeit, Qualität und Zukunftssicherheit unserer Motor-Feedback-Encoder. Demzufolge macht es für uns sehr viel Sinn, aufgrund seiner großen Verbreitung auch Hiperface DSL zu unterstützen.

Dann wird Baumer auch Heidenhains digitales EnDat-Interface unterstützen, um auch dieses Marktpotenzial zu erreichen?

Michael Schneider: EnDat ist ein proprietäres und vom Anbieter geschütztes Protokoll. Sollte Heidenhain den Schritt gehen, wie die Sick AG ihr Protokoll zu öffnen, sind wir grundsätzlich bereit, eine solche Option detailliert zu prüfen.

Welches Signal senden Sie mit der Hyperface-Implementierung an Maschinenbauer und die Hersteller von Motoren und Servoverstärker?

Michael Schneider: Aktuell ist Baumer der einzige Drehgeber-Hersteller am Markt, der alle drei offenen, digitalen Motor-Feedback-Schnittstellen mit Ein-Kabel-Technologie anbietet. Durch die Entwicklung unserer neuesten Motorfeedback-Drehgeber in enger Zusammenarbeit mit führenden Antriebherstellern haben wir uns zudem als zukunftssicherer Partner in der Antriebstechnik etabliert. Mit unserem breiten Portfolio bieten wir Einbau- und Anbau-Drehgeber in Baugrösse 36 mm und 58 mm mit allen gängigen digitalen Schnittstellen in unterschiedlichen Leistungsklassen für alle Motorfeedback Applikationen.

Mehrere Schnittstellen zu unterstützen, macht die Entwicklung nicht leichter.

Michael Schneider: Bei Feldbussen und Echtzeit-Ethernet laufen je nach Schnittstelle bereits unterschiedliche Firmware-Stacks auf einer weitestgehend generischen Hardware. Dies vereinfacht die Entwicklung enorm und ermöglicht Skaleneffekte bei der Elektronik zu nutzen. Ein solches Szenario könnte auch bei der Ein-Kabel-Technologie Realität werden. Auf diese Weise reduzieren sich die Unterschiede der Schnittstellen und damit der Entwicklungsaufwand auf die Software-Module.

Bei welchen Produktlinien beginnen Sie SCS open link und Hiperface DSL zu implementieren?

Michael Schneider: Wir haben in den letzten Jahren unsere Hausaufgaben gemacht und unser Produkt- und Technologie-Portfolio auf eine modulare Plattform gestellt. Dadurch können wir auf ein- und demselben Encoder einfach und schnell unterschiedlichste Ausprägungen und Protokolle implementieren. Beginnen werden wir mit den klassischen optischen 36 mm Motor-Feedback-Encodern EFL 360. Zu weiteren Produktfamilien sind wir mit Pilotkunden bereits im Gespräch.

Das Interview führte IEE-Chefredakteur Stefan Kuppinger