Dr. Karl-Thomas Neumann in Ludwigsburg: Das Elektroauto ist "eine ganz neue Herausforderung; wenn wir einfach nur das bestehende Fahrzeug elektrifizieren, dann wird es nicht funktionieren.“

Dr. Karl-Thomas Neumann in Ludwigsburg: Das Elektroauto ist „eine ganz neue Herausforderung; wenn wir einfach nur das bestehende Fahrzeug elektrifizieren, dann wird es nicht funktionieren.“

Im Eröffnungsvortrag auf dem 13. Internationalen Fachkongress Automobil-Elektronik in Ludwigsburg berichtete Dr. Karl-Thomas Neumann, Vorsitzender des Vorstands der Continental AG, über „die vier Megatrends“, die als „Schlüsseltreiber der Automobilindustrie“ fungieren: Umwelt, Sicherheit, Information und „Affordable Cars“.

Dabei sieht Dr. Neumann besonders im Bereich Vernetzung neue Möglichkeiten und Herausforderungen, verweist aber auch auf die „riesigen Fortschritte“, die die Branche bisher gemacht hat. “Ich habe früher oft im Scherz gesagt ‚Das Blockdiagramm der Vernetzung im Auto sieht immer aus wie das Organigramm der E/E – jede Abteilung hat ihr Steuergerät.’ Heutzutage sind wir viel weiter, denn wir haben riesige Fortschritte gemacht – vor allem bei den großen Themen Qualität und Funktionalität.“ Dennoch gebe es auch hier noch etwas zu tun, um die Komplexität der Prozesse auch wirklich zu beherrschen.

Domänen-Architektur

„Wir glauben, dass sich die Architektur mittelfristig in eine Domänen-Architektur mit stärkerer Strukturierung ganz analog zur Computerwelt entwickelt“, führt Dr. Neumann weiter aus. „Diese Domänen-Controller werden durchgängig eingeführt: sehr strukturiert, aber sehr komplex. … Ich bin sicher, dass wir hier noch auf einen Abstraktionslevel darüber kommen: Diese Domänen-Controller werden durchgängig eingeführt und die Domänen dann über ein Backbone vernetzt. Ich persönlich bin überzeugt, dass dabei immer mehr auch Computer-Architekturen wie z. B. das Ethernet ins Fahrzeug Einzug halten werden.“

Sicherheit

Zur Sicherheitsdomäne zählt er beispielsweise nicht nur aktive und passive Systeme, sondern auch die HMIs sowie „Sensoren um das Fahrzeug herum und die Anbindung an die Umwelt über die Telematik“. Dr. Neumann weiter: „Das Problem ist, dass die Telematik seit vielen Jahren an den Geschäftsmodellen scheitert.“ So liefen die Arbeiten zum Thema Notruf durch die Krise langsamer. Der im Raum Frankfurt/Main laufende Feldversuch SIM-TD soll wichtige Infos bringen, welche Geschäftsmodelle möglich beziehungsweise sinnvoll wären. Um letztendlich entsprechende Lösungen über mehrere Fahrzeugklassen hinweg erfolgreich zu realisieren, seien dabei Integration und Wiederverwendung von Elementen wie in einem Baukasten notwendig.

Vernetzung und Elektroautos

Das Fahrzeug komme in Zukunft in ein neues Netzwerk, um so überschüssige Energie der EVUs zwischenspeichern zu lassen. Dr. Neumann zu diesem Thema Intelligent-Grid: „Ich bin auch ein bisschen skeptisch, aber ich glaube, wir müssen hier einfach neue Visionen, neue Ideen entwickeln. Eines ist sicher: Das Stromversorgungsnetz wird intelligenter werden und ich bin auch sicher, dass unsere Elektroautos dann ein Teil des intelligenten Netzwerks werden. Ich weiß aber auch noch nicht, wann wir Elektroautos bekommen und wie viele wir bekommen, aber ich bin sicher, dass wir sie bekommen werden. Bei den Elektroautos kommen dann ganz neue Themen auf uns zu wie zum Beispiel die intelligente Klimaanlage, die mit der Navigation und dem Kalender vernetzt ist und weiß, wann ich morgens losfahre.“

Die Grenzen steckt Dr. Neumann klar ab: „Es geht nicht darum, mit dem Elektroauto 500 km zu fahren. Es geht darum 150 km, vielleicht 200 km zu fahren und komplett andere Verkehrsmodelle zu haben. Unter dem Blickwinkel der Architektur ist das Elektroauto eine ganz neue Herausforderung; wenn wir einfach nur das bestehende Fahrzeug elektrifizieren, dann wird es nicht funktionieren.“

Consumer-Integration

Die größte Herausforderung im Bereich der Vernetzung sieht er in der Consumer Elektronik, wobei er auf die Vision der Seamless Mobile Integration verweist, bei der mobile Geräte mit ihren Oberflächen und Funktionalitäten nahtlos, aber dem Automotive-Umfeld angepasst, im Fahrzeug abgebildet werden. Unter dem Motto „Simplify your drive“ sieht er die Möglichkeit, mit der Vernetzung und der Variabilität der Oberfläche, die wir heute haben … eigentlich ein komplett fahrer- oder situationsangepasstes User-Interface“ zu realisieren. „Hierfür brauchen wir wieder die Vernetzung und Zusammenführung von Funktionen. Es geht auch darum, mutig zu sein und nicht in erster Linie ein Brand-Interface zu haben … Es geht nicht darum, ein Brand-Interface zu haben, das aussieht wie ein bestimmtes Fahrzeug, sondern darum, die perfekte Umgebung für die jeweilige Funktion zu bieten.“

Affordable Cars

Bei den Affordable Cars gehe der Trend zur Höchstintegration, um so auf einer Software-Plattform innerhalb einer ECU möglichst viele Funktionalitäten zusammenzubringen, so dass es noch weniger Steuergeräte gibt.

Hintergrund-Info: Kongress in Ludwigsburg 

Gut 320 Teilnehmer trafen sich im Juli auf dem 13. Internationalen Fachkongress Automobil-Elektronik in Ludwigsburg, um über die Technik der Autos von morgen zu sprechen. Zwar stand das Knüpfen und Pflegen von Kontakten in diesem Jahr mehr denn je im Vordergrund, aber auch die Vorträge waren sehr informativ. Dass diese oft nur „Ludwigsburg-Kongress“ genannte Veranstaltung der „Networking-Event“ für das Top-Management im Bereich der E/E im Auto schlechthin ist, hat sich in den letzten Jahren bereits klar herausgestellt, aber in diesen schweren Zeiten ergab sich noch eine ganz neue Qualität. Auf Grund des außergewöhnlichen Netzwerks, das sich mittlerweile in Zentraleuropa gebildet hat, sprachen die Vertreter von OEMs und Zulieferern in einer nie gekannten Offenheit miteinander, mit welchen Maßnahmen, Technologien, Features und Kooperationen sich die Krise am besten meistern lässt. Ein sehr hochrangiger Branchenvertreter brachte es auf den Punkt: „Wir können stolz sein, dass wir dieses einmalige Netzwerk haben und in Ludwigsburg haben wir jedes Jahr so eine Art Vollversammlung.“

Mehr über die Vorträge auf dem 13. Internationalen Fachkongress Automobil-Elektronik erfahren Sie in der Ausgabe 4 der AUTOMOBIL-ELEKTRONIK sowie unter www.AUTOMOBIL-ELEKTRONIK.de. (av)