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Das ganze Handling und auch die Programmierung, lassen sich mit dem TIA Portal optimieren.

Als Einstieg. Wer ist HMR und was macht Ihr Unternehmen?

Richard Huber, HMR: HMR wurde 1982 von drei Elektroingenieuren in einer Garage gegründet. Anfangs produzierte man Schaltschränke und verkaufte dazu Software. Aufgrund der guten Beziehungen zu Siemens und der Fachkompetenz lag es nahe, auch das Steuerungssystem S5 ins Portfolio aufzunehmen und Wartung für die S3 durchzuführen. Das Know-how des neuen Unternehmens sprach sich schnell herum, unter anderem bei Daimler in Mannheim oder Unilever, und so hat sich das Unternehmen recht dynamisch entwickelt. Heute setzen wir Anlagen für Kunden aus allen Branchen um. Aufgrund der Tatsache, dass zwei der Geschäftsführer ehemals bei Siemens tätig waren und noch gute Beziehungen nach Nürnberg pflegten, wurde HMR von Beginn an für Pilotanwendungen herangezogen. Was natürlich auch einen Marktvorteil gebracht hat, weil wir sehr früh schon die Systeme beherrschten. Deshalb waren wir auch beim Entwicklungseinstieg des TIA Portals dabei.

Wann startete das Pilotprojekt TIA Portal?

Richard Huber: Die Felderprobung des TIA Portal begann mit der Version 10.0.

Wie aktiv haben Sie sich eingebracht?

Richard Huber: Das erste Mal, als es um das Handling, also den Umgang mit dem Portal ging. Die Erkenntnisse haben wir in einer Art Protokoll weitergegeben, also welche Features nach unsere Meinung fehlten und so weiter. Uns war aber klar, dass in dieser Phase des Projektes noch nicht alles rund läuft.

Tatjana Gehle, Siemens: Gerade die Erfahrung, die der Anwender macht, ist uns enorm wichtig. Nach der eineinhalb monatigen Pilotphase der V11 haben wir uns mit HMR zusammengesetzt und ausgetauscht. Das hat sehr zur Verbesserung beigetragen.

Eineinhalb Monate sind relativ kurz, um einen umfassenden Überblick zu bekommen?

Richard Huber: Ja, aber viele Kollegen aus anderen Branchen haben sie auch getestet. Da die Software ja so vielfältig eingesetzt wird, kann man das als Einzelner nicht überblicken. Der Kollege, der eine verfahrenstechnische Anlage in Betrieb nimmt, hat andere Anforderungen, als der Kollege, der einen Antrieb in Betrieb nimmt oder der, der sich hauptsächlich um Kommunikation kümmert. Ich kann deshalb nur einen Abriss geben. Unser Resultat: Das ganze Handling und auch die Programmierung lassen sich mit dem TIA Portal optimieren. Als einen wesentlichen Vorteil kann man die gemeinsame Datenhaltung nennen. Andere Features kann man nur umfassend testen, wenn man bei der praktischen Umsetzung ist, also bei der Inbetriebnahme.

Ab welcher Phase in einem Projekt arbeiten sie mit dem TIA Portal?

Richard Huber: Eigentliche wäre es ideal ab der Konzeptionsphase. Es ist aber immer öfter der Fall, dass wir in der Konzeptionsphase ins Boot geholt werden. Auf Grund unserer Erfahrung können wir schon Vorschläge unterbreiten, welche Tools man wie einsetzen kann.

In wie weit ist der Kunde offen für solche Anregungen? Die Erfahrung zeigt ja, dass dem Maschinen- und Anlagenbauer oftmals die Steuerung bestimmter Hersteller vorgeschrieben werden.

Richard Huber: Ja, meist sind es Konzerne, die bereits ein ausgearbeitetes Lastenheft vorlegen, bestückt mit konkreten Auslegungsvorschriften.

Müssen Sie diese Vorgaben einhalten oder können Sie Gegenvorschläge unterbreiten?

Richard Huber: Doch schon. Das Problem, welches ich in den ganzen Jahren, in denen ich schon im Geschäft bin, festgestellt habe, ist, dass die Systeme, egal von wem sie sind, nur so gut sind, wie derjenige, der sie einsetzt. Fast jede Steuerungsaufgabe dieser Welt ist mit den vorhandenen Steuerungen zu lösen, wenn man sie auch umfassend beherrscht. Jemand, der schon lange eine Siemens-Steuerung programmiert, weiß genau, wie er die Aufgabenstellung anpacken muss. Mit einer Rockwell, löst man diese zwar anders, aber sicher genauso gut.

Wenn alles auf das Know-how des Anwenders aufbaut, dann sind doch die Technologien der Unternehmen, also in ihrem Beispiel die Steuerungen, zweitrangig?

Richard Huber: Das stimmt so nicht. Das Werkzeug trägt schon seinen Teil dazu bei. Gerade wenn eine Durchgängigkeit bei den verschiedenen Tools herrscht, spare ich Engineeringzeit. Und Zeit ist bekanntlich Geld. Vor zehn Jahren war dies so überhaupt nicht möglich. Heute können sie vorgefertigte Plansätze für Eplan aus der S7 herüberziehen oder bestehende Programmteile aus einer Bibliothek downloaden. Wenn ich heute einen Softwareregler kreieren muss, dann ziehe ich ihn mir aus einer Bibliothek, parametrisiere ihn und er läuft. Das war früher der zehnfache Zeitaufwand. Bei der S7 ist es schon einfach, beim TIA Portal ist es durch die gemeinsame Datenhaltung sogar noch einfacher. Wie schon gesagt, die Engineeringzeiten sind durch solche Tools beachtlich verkürzt worden.

Inwieweit können Sie alles im Vorfeld schon simulieren beziehungsweise testen?

Richard Huber: Was Software betrifft, wird sowie so alles simuliert, bevor es auf die Baustelle geht. Zudem versuchen wir im Vorfeld die Antriebstechnik ins Haus zu bekommen, um zum Beispiel einen Servomotor mit dem Programm auszutesten. So sind wir sicher, das Programm passt zum Schaltschrank, zur Antriebstechnik und zur Peripherie, die verfügbar ist. Gerade der Antrieb nimmt den meisten Aufwand während der Installationsphase in Anspruch.

Ist der Hardwaretest immer noch ein entscheidender Faktor?

Richard Huber: Ja und er wird auch nie abzulösen sein. Ich kann den Aufwand zwar minimieren, aber nie ablösen.

Mir fällt ein Statement auf: „Die Simatic Produkte sind das Kernstück des TIA Portals.“

Tatjana Gehle: Das TIA Portal als zentrales Engineering Framework schafft ein einheitliches und konsistentes Systemverhalten für alle Simatic-Produkte. Das Simatic-Portfolio wird von Tag zu Tag größer. Beispiele die neue Kleinsteuerungsfamilie S7-1200 und das Step 7 Basic Engineering, die wir mit der ersten Stufe des TIA Portals auf den Markt gebracht haben. Außerdem ist die Entwicklung des TIA Portals über die Simatic-Grenzen hinaus ein wichtiges Thema und bietet großes Optimierungspotenzial für die gesamte Automatisierung. Zum einen können mit dem TIA Portal alle Softwarewerkzeuge, die wir für die Automatisierung verwenden, zusammengeführt werden. Dies reduziert die Schnittstellenproblematik. Zum anderen zeigten Studien, dass sich viele Anwender mit der Komplexität einer Software nicht mehr auseinandersetzen wollen. Ziel sollte sein, die neue Software benutzerfreundlicher zu gestalten, so dass sie einfacher zu erlernen und zu bedienen ist, aber auf der anderen Seite den momentanen S7-Anwendern eine bessere Bedienbarkeit bietet

Inwieweit kann man mit dem TIA Portal eine höhere Engineering-Effizienz erreichen?

Tatjana Gehle: Das entscheidende hat Herr Huber auf den Punkt gebracht. Er hat mit den unterschiedlichsten Werkzeugen gearbeitet, die aber, umgangsprachlich ausgedrückt, nicht miteinander geredet haben. Damit meine ich, dass ich eine gewisse Zeit benötige, um die Controller zu programmieren und dann wiederum mit einer anderen Software die Visualisierung und wiederum mit einer anderen die Motion- und Drives-Komponenten. Mit dem TIA Portal haben wir nun eine Durchgängigkeit geschaffen, mit welcher der Anwender effizienter zum Ziel kommt.

Richard Huber: Ja, das war das Hauptproblem. Für die Anlagenrealisierung mussten wir vorher unterschiedliche Engineeringtools einsetzen. Betrachten sie nur die Datensicherung, die wir jeweils betreiben mussten. Das war komplex und verursachte einen enormen Verwaltungsaufwand. Allein die unterschiedlichen Version einer Software oder der Firmware aktuell zu halten. Ich erhoffe mir ein Tool zu haben, welches eine durchgängige Datenhaltung schafft.

Gilt das jetzt nur für Anlagen, in denen auch durchgängig Siemensprodukte verbaut sind?

Richard Huber: Mhh, ja. Ich habe dann natürlich ein Argument, um nur Produkte eines Herstellers anzubieten. Wenn ich alles aus einer Hand anbiete, dann ist es wesentlich einfacher, auch die Datenhaltung.

Ich bin provakant und behaupte, dass die vielen kleinen Vorteile, die Produkte unterschiedlicher Hersteller womöglich offerieren, dadurch verloren gehen!

Tatjana Gehle: Aber wir sind doch offen. Der Anwender kann jederzeit alle unterschiedlichen Hersteller anbinden. Offenheit ist uns sehr wichtig, aber auch Zukunftssicherheit. Der Kunde soll wissen, dass alles was er an Software von Siemens verwendet, zukünftig nach und nach in das TIA Portal eingebettet wird. Alles was wir bisher an Kundenfeedback erhalten haben, spricht dafür.

Herr Huber, wie haben sie den Wandel von der Hartverdrahtung zur Softwareunterstützten Anlagenrealisierung erlebt und wie sehen Sie die Gefahren, wenn auf eine Software von außen eingewirkt werden kann?

Richard Huber: Wenn man sich auf die Softwareseite schlägt, müssen einem diese Risiken bewusst sein und man muss für eine entsprechende Security sorgen. Wir kümmern uns schon seit Jahren in unsere IT-Abteilung intensiv um dieses Thema. Sie können diese Gefahren minimieren, aber Ausschalten kann man diese nie. Aber meist ist eine Anlage auch recht autark und nicht in ein komplettes System eingebunden, was die Sache erleichtert.

Der Trend geht doch hin zum Zusammenwachsen der Büro- und der Produktionswelten. Da ist dies doch ein ernst zunehmendes Thema?

Tatjana Gehle: Mit der Einführung von Ethernet in das Industrieumfeld war die Konsequenz absehbar, was Offenheit in Richtung Security bedeuten kann. In den letzten Jahren haben wir sehr viel dafür gemacht und unser Security-Portfolio ausgebaut. Ein Beispiel dafür sind die Scalance S-Produkte. Security hat auch in der Automatisierungsumfeld an Bedeutung gewonnen und wird uns in der nächsten Zeit in der Hardware- und Software-Welt begleiten.

Mit dem Thema Security nimmt doch sicher auch die Komplexität im TIA Portal zu?

Tatjana Gehle: Im Gegenteil. Der Vorteil einer neuen Software ist, dass sie auf dem Stand der Zeit ist, auch im Bereich der Security. Dies gilt zum Beispiel auch beim Thema Usability (Benutzerfreundlichkeit), mit dem wir uns intensiv auseinandergesetzt haben. Viele Funktionalitäten laufen im Hintergrund ab. Zum Beispiel sind die Einstellungen von Zugriffschutz oder der Know-how-Schutz für den Anwender wesentlich vereinfacht worden: Mit dem Setzen eines Häkchens oder Betätigen eines Buttons ist dies erledigt.

Wie lange brauche ich als Neueinsteiger um das TIA Portal zu beherrschen?

Richard Huber: Eine feste Zeit kann man da nicht vorgeben. Also wenn wir das TIA Portal umfassend nutzen wollen, müssten wir zügig viele Mitarbeiter umfassend schulen lassen. Programmieren können alle unsere Mitarbeiter, aber dass sie die vorhandenen Features alle auch nutzen, ist ausschlaggebend. Oft ist es ja so, dass Sie ein neues Software-Update aufspielen, die Mitarbeiter nutzten es wie gehabt, und lassen so die wirklichen Verbesserungen außer Acht.

Tatjana Gehle: Aus unserer Sicht benötigen die, Anwender die Step 7 kennen, keine aufwendige Schulung für das TIA Portal. Ein Umsteigerkurs von zwei bis drei Tagen sollte da völlig ausreichen.

Richard Huber: Ja, die Komplexität hat abgenommen. Wenn sie zu Beispiel Daten von einer PLC auf die Nächste transferieren wollten, war es ein Riesenauswand. Das ist jetzt fast schon wie Drag and Drop.

Tatjana Gehle: Allein 70 Anwender haben uns bei der Entwicklung unterstützt. Ziel war es ein intuitives Programm zu kreieren. Also eng an die Anforderungen der Anwender angelehnt.

Was ist noch zukünftig zu erwarten? Welche Lücken müssen noch geschlossen werden?

Tatjana Gehle: Das Thema Safety natürlich.

Richard Huber: Es gibt ja immer mehr verkettete Anlagen und da ist dies natürlich von enormer Bedeutung. Allein das Notaus-Konzept einer 150 m langen Anlage mit unterschiedlichen Geräten. Alle müssen miteinander reden können, da im Notfall unterschiedliche Anlagenteile abgeschaltet werden. Und diese Anforderungen liegen hinter einer durchgängige Safety-Strategie.