Roland Bent: "Wir haben uns neu aufgestellt, um die Digitalisierung der Industrien proaktiv und besser unterstützen zu können."

Roland Bent: „Wir haben uns neu aufgestellt, um die Digitalisierung der Industrien proaktiv und besser unterstützen zu können.“ Redaktion IEE

Agenda 2023 – dahinter verbirgt sich ein Paket an Struktur- und Strategiemaßnahmen, die Roland Bent auf der Pressekonferenz vorstellte: „Wir schaffen damit die Grundlagen für stabiles und nachhaltiges Wachstum im Kerngeschäft und greifen gleichzeitig die Herausforderungen der Digitalisierung proaktiv auf.“ Und im Gegensatz zur Politik, ist die Umsetzung bereits in vollem Gang: Zum Juni 2016 wurde das Kerngeschäft der Phoenix-Contact-Gruppe in die drei ‚Business Areas‘

  • Device Connectors (DC)
  • Industrial Components and Electronics (ICE) und
  • Industry Management and Automation (IMA)

strukturiert. In IMA sind die Division ‚Control- and Industry Solutions‘ und der Geschäftsbereich ‚I/O and Network‘ zusammengeführt. Diese Einheit repräsentiert somit das Kernprogramm der Automatisierungstechnik. „Für mehr Marktnähe wird die bisher vorhandene Trennung zwischen den Divisionen und der Vertriebsorganisation aufgehoben“, erklärt Bent. Somit haben die Business Areas künftig die komplette Verantwortung ihres Produkt- und Lösungsprogramms, von der Entwicklung über Produktion und Vertrieb bis zum Kunden. Als verbindende Klammer agiert das Group Management Board mit Frank Stührenberg als CEO und Roland Bent als CTO sowie Dr. Martin Heubeck (Finanzen) und Prof Dr. Gunther Olesch (HR).

Daneben schafft die Agenda 2023 strukturellen und strategischen Raum für einen vierten Unternehmensbereich, der sich dem Aufbau zukunftsgerichteter Geschäftsfelder widmet: Phoenix Contact Corporate Venture Fond. „Hier wollen wir komplett neue Geschäftsmodelle, die wirklich disruptiven Ansätze unseres Geschäfts aufgreifen“, betont Bent. Von diesem Unternehmensbereich sollen die für das Kerngeschäft der Business Areas so wichtigen Innovationsimpulse ausgehen, ohne deren laufendes Geschäft zu belasten.

Offene Steuerungsplattform für die digitalisierte Industrie

„Um die Herausforderungen der Digitalisierung der Industrie anzugehen, ist es notwendig, auch bei der Steuerungstechnik neue Wege zu gehen“, leitet Bent zu den Technikneuheiten über und skizziert die Anforderungen an eine Steuerung 4.0: Wegen der durchgängig vernetzten und integrierten Wertschöpfungsketten ist Anpassungsfähigkeit und Skalierbarkeit erste Pflicht. Die Steuerung der Zukunft muss inhärent kommunikationsfähig und sicher sein, aber auch hinsichtlich der Programmiermethodik völlig offen und dabei durchgängig in eine digitale Engineering- und Wertschöpfungsplatte integrierbar sein. Diesen Herausforderungen hat sich Phoenix Contact mit der Entwicklung einer neuen, Industrie-4.0-kompatiblen Steuerungsplattform gestellt: PLCnext (siehe Kasten).

Steuerung 4.0: Sicher, modular und offen

Mit der PLCnext erhöht Phoenix Contact die Freiheits­grade im Engineering wie auch in der Kommunikation.

Mit der PLCnext erhöht Phoenix Contact die Freiheits­grade im Engineering wie auch in der Kommunikation. Phoenix Contact

Wer das Ziel einer vernetzten, flexiblen Produktion verfolgt, braucht zwingend anpassungsfähige und kommunikative Automatisierungslösungen. Nur so lassen sich Daten dynamisch über Anlagen und Firmengrenzen hinweg austauschen.

Dieses Szenario vor Augen, entwickelte Phoenix Contact die offene Steuerungsplattform PLCnext. Die Lösung ermöglicht das parallele Programmieren mit Software-Tools wie Visual Studio, Eclipse, Matlab Simulink und PC Worx sowie die frei wählbare Verknüpfung des damit erstellten Programmcodes, zum Beispiel IEC-61131-3-Funktionen mit C#- oder Matlab-Routinen. Alle auf der Steuerungsplattform laufenden Programme tauschen untereinander und mit den Kommunikationsinterfaces Informationen über die gemeinsame Applikationsschicht aus. Hier findet über standardisierte Interfaces auch die Einbindung von Apps aus Technologie-Bibliotheken oder von Drittanbietern statt. Grundlage dieser Offenheit bildet Linux als Betriebssystem und die erweiterte Engineering-Plattform PC Worx Engineer. Deren offene Architektur lässt sogar die Bildung einer Entwickler-Community für PLCnext zu. Die so entstehenden Programm- und Funktionsbausteine sind austauschbar und quasi wie Apps integrierbar.

Um in Industrie-4.0-Umgebungen effizient zu kommunizieren, wird – neben den Standard-Feldbussen und IP-basierenden Systemen (Profinet und Modbus TCP) – generell auch OPC UA unterstützt. Zudem gibt es über Proficloud-Mechanismen und andere Cloud-Services Anknüpfungspunkte an IoT-Architekturen.­

Die Think Tanks von Phoenix Contact

Neben der E-Mobility GmbH, die schon vor drei Jahren als Geschäftsfeld startete, finden sich im Corporate Venture Fond weitere Think Tanks. Allein in 2016 hat sich der Fond an drei Unternehmen beteiligt.

Eologix Sensor Technology
Eologix Sensor Technology mit Sitz im österreichischen Graz entwickelt Sensorsysteme zur Detektion von Eis auf Oberflächen, insbesondere bei Windkraftanlagen. Die Systeme bestehen aus flexiblen, drahtlosen Sensoren, die eine Eisbildung auf Rotorblättern präzise erkennen. Die Messdaten werden per Funk an die Steuerung übertragen, die dann Gegenmaßnahmen einleiten kann. Das minimiert die Stillstandzeiten der Windkraftanlagen.

SecurityMatters
Seit September hält Phoenix Contact eine Minderheitsbeteiligung an SecurityMatters. Das in Eindhoven ansässige Unternehmen entwickelt Cybersecurity-Lösungen für Steuerungssysteme, darunter die Plattform SilentDefense für das Netzwerk-Monitoring und Anomalie-Erkennung. Typische Anwendungsfelder sind die Energiewirtschaft, Wasserversorgung, Infrastrukturlösungen, Chemie, Öl und Gas sowie die industrielle Produktionstechnik – alles sogenannte kritische Infrastrukturen in denen schon heute großes Marktpotenzial für Cybersecurity-Lösungen besteht.

WindESCo
Diese Beteiligung wurde im Oktober vollzogen. Das Unternehmen entwickelt Soft- und Hardware-Lösungen zur Nutzung des ‚Internet of Things‘ in der Windindustrie. Die Software des Start-up‘s steigert mithilfe von Algorithmen die Leistung der Anlagen sowie die Lebensdauer der Komponenten.

PROTIQ
Als internes Start-up-Unternehmen im Jahr 2010 entstanden, wurde es zum 1. September ausgegründet und bietet als Dienstleister Know-how in der additiven Fertigung an. Die inzwischen umfassende Kompetenz auf diesem Gebiet steht künftig auch anderen Unternehmen zur Verfügung. Die Gesellschaft betreibt ein Webportal, auf das Nutzer ihre 3D-Modelle von Prototypen, Werkzeugen, aber auch von gebrauchstauglichen Teilen und Produkten laden, konfigurieren und ausdrucken können.

Perle Systems
Ende August wurde ein Vertrag zur Übernahme des kanadischen Netzwerkspezialisten Perle Systems unterzeichnet. Das Unternehmen hat Produkte und Lösungen für industrielle Netzwerke im Programm, darunter Media Converter, Ethernet Switches und Serial Devices. Ziel ist, die Tochtergesellschaft zu einem weiteren Kompetenz-Zentrum für die industrielle Netzwerktechnik auszubauen.
Für Phoenix interessant ist deren online­basiertes Vertriebsmodell, das in diesem Hochtechnologiebereich ungewöhnlich ist. Dies bietet neue Ansätze der Globalisierung von Kundenkontakten und für weltweite
Service- und Support-Konzepte.