Volker Bellersheim: Automatisierer sind die Goldgräber des Digitalisierungszeitalters

Volker Bellersheim: Automatisierer sind die Goldgräber des Digitalisierungszeitalters

Die deutschen Unternehmen der Automatisierungstechnik haben in den letzten Jahren enorm vom Trend zu komplexeren Produktionsanlagen und den gestiegenen Anforderungen an Lieferzeiten, Mass Customization usw. profitiert: Von 2010 bis 2014 wurde ein durchschnittliches Wachstum von fast 8 % erzielt. Die EBIT-Margen der Top 25 Hersteller (Steuerungen, Aktorik & Sensorik sonstige Automatisierungskomponenten und Systeme; ohne Konzerne) waren mit 11 % sehr erfreulich. Aber: Die Automatisierungssparten der internationalen Konzerne sind mit fast 15 % deutlich profitabler als die deutschen Mittelständler!
Trotz der Weltmarktführerschaft vieler dieser Unternehmen, liegt der Umsatzanteil in Asien im Schnitt nach wie vor unter 20 %. Und dass, obwohl der Weltmarktanteil des asiatischen Maschinenbaus inzwischen auf weit über 30 % gestiegen ist.
Können die deutschen Automatisierungstechnik-Unternehmen vor dem Hintergrund dieser Zahlen ihre Spitzenstellung halten oder weiter ausbauen? Keine Frage, die F&E-Quote ist nach wie vor sehr hoch – Elektrotechnik-Industrie 2013: 8,6 %, Maschinenbau 2,9 %. Aber fließen die Mittel für Innovationen auch in die attraktivsten Felder? Wird ausreichend in Software, Services und Geschäftsmodelle im Bereich Industrie 4.0 investiert? Kann so der Sprung in die Industrie 4.0 gelingen?

Technik ist vorhanden, das Vertrauen fehlt

Die erforderlichen Technologien sind jedenfalls da. Intelligente Komponenten, Kommunikationstechnologien und Rechnerkapazitäten stehen kostengünstig zur Verfügung. Daten und Informationen gibt es auch: Digitale Abbilder der Objekte und Prozesse, Merkmale und Zustände von Komponenten und Maschinen sind in Echtzeit verfügbar, Algorithmen und künstliche Intelligenz machen nutzbare Informationen daraus. Ein wahrer Datenschatz also, der häufig noch brach liegt. Dabei haben Automatisierungstechniker die denkbar beste strategische Position: Ihre Sensoren und Steuerung sind quasi die Quelle, aus der das Gold des Digitalisierungszeitalters sprudelt.

Alte Geschäftsmodelle aufbrechen

Viel zu sehr verharren Unternehmen der Automatisierungstechnik in ihrem bisherigen Geschäftsmodell und bieten allenfalls Industrie 4.0-fähige Komponenten und Systeme sowie klassische Hardware-­orientierte Services an. Zustandsorientierte ­Wartungskonzepte (Predictive Maintenance) oder Energie-Management-Lösungen sind zwar vielversprechende, bekannte Ansätze, heben aber den ‚Schatz‘ noch lange nicht! Weitergehende Services werden oft nicht angedacht: „Was kann ich tun, um dem Maschinen- oder Anlagenbetreiber zu helfen, effizienter zu produzieren?
Auch die Ursachen kennen wir: Die ökonomischen Vorteile für den Betreiber sind oft nicht klar und deren Vorbehalte insbesondere bezüglich der Datensicherheit­ und Implementierungsaufwand (noch) nicht ausgeräumt: Welche Daten dürfen von wem und wie genutzt werden. Ist der Maschinenbetreiber künftig bereit, seinem Maschinen- oder Komponentenhersteller online Zugriff auf ‚seine‘ Daten zu gestatten, um automatisiert Serviceleistungen wie Ersatzteil­beschaffung, Vorschläge zur Anlagen- und Qualitäts­optimierung zu bekommen? Wenn ja, dann schaffen wir den Sprung von Industrie 3.7 zu Industrie 4.0.
Ein Nein darf es eigentlich nicht geben. Denn sonst wird es bald eng, vor allem im internationalen Wettbewerb und die Datenschätze bleiben in den Maschinen und Anlagen ungehoben.