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Herr Dr. Kegel, Sie sind seit 21 Jahren bei Pepperl+Fuchs und heute Vorsitzender der Geschäftsführ. Recht ungewöhnlich. Was zeichnet das Unternehmen aus?

Es ist der dynamischen Entwicklung von Pepperl+Fuchs zu verdanken, denn es gab eigentlich ständig neue Aufgaben und neue interessante Themenfelder, sodass es für mich eigentlich nie den Anlass gab, mich anders zu orientieren. Über die unterschiedlichen Stationen, bin ich seit 1995 Mitglied der Geschäftsleitung und seit 2002 auch Vorsitzender der vierköpfigen Geschäftsführung. Dort ist meine Hauptaufgabe der Vertrieb, während sich Peter Adolphs stärker um die Technologien kümmert.

Sie nehmen noch verschiedene ehrenamtliche Funktionen wahr?

Ja, im Laufe von doch einigen Jahren Automatisierungstechnik kommt man dann auch nicht umhin, die eine oder andere ehrenamtliche Funktion wahrzunehmen. Vor 10, 15 Jahren begann es mit dem Thema Feldbusse, wo sich jeder engagierte. Zurzeit bin ich ‚Chairman of the Board‘ bei der Fieldbus Foundation. Diese Aufgabe habe ich jetzt seit genau einem Jahre inne und versuche, nicht nur Pepperl+Fuchs innerhalb der Fieldbus Foundation, sondern auch die Fieldbus Foundation als Ganzes im Wettbewerb zu den anderen Busprotokollen richtig zu positionieren.

Zudem bin ich auch Vorsitzender des Vorstandes der Prolist International (Das Ziel der in Prolist zusammenwirkenden Firmen und Universitäten ist die lückenlose Integration des Workflows aller am ‚Plant Life Cycle Management‘ Beteiligten.) und bin in einer ganzen Reihe von ZVEI-Arbeitskreisen tätig. Natürlich auch in unserem Berufsverband, dem VDE, wo wir versuchen, das Interesse an der Elektrotechnik bei den jungen Leuten zu wecken.

Liegt das am Image der Elektrotechnik?

Das hat sicherlich mehrere Gründe. Zum einen ist es so, dass die Elektrotechnik eine Zeit lang aus den negativen Schlagzeilen nicht herauskam, weil der Branchenprimus mit sehr unglücklichen Maßnahmen an vielen Ecken plötzlich in die Presse geraten ist. Das verzerrt natürlich auch den Blick auf die gesamte Elektrotechnik. Ich glaube aber, viel schlimmer für die Elektrotechnik ist, dass unsere Disziplin fast ausschließlich abstrakt ist. Sie können die Elektrotechnik heute nicht mehr anfassen. Früher war das anders. Durch die hohe Integration unserer Disziplin und durch den extrem hohen Anteil an Firmware – ich sage ganz bewusst nicht Software – geht das eigentliche An- und Begreifen weitgehend verloren. Man hat einfach kein Gefühl mehr für Elektrotechnik, kein fühlbares Erleben mehr, was beim Maschinenbau anders ist.

Dieses ‚ich kann es nicht mehr anfassen‘ ist wahrscheinlich der Hauptgrund. Die Jugendlichen gehen zwar mit Technik selbstverständlich um, aber das Interesse, es in der Tiefe zu begreifen, scheitert daran, dass sie nichts mehr selbst tun können.

Es ist interessant, dass Sie das sagen, weil es exakt auch meine Meinung trifft. Unsere Jugend ist ja nicht per se technikfeindlich, sondern im Gegenteil, die sind extrem technikaffin.

Ich möchte das Stichwort aufgreifen: ‚Technik anfassen, um Technik zu begreifen.‘ Auf der Hannover Messe präsentiert Pepperl+Fuchs verschiedene technische Spiele zu den Produkten. Wie war das Feedback?

Es war verblüffend. Die vier jungen Damen, die die Spieler betreuten, haben jeden Tag deutlich mehr Messekontakte generiert als unsere gesamte Messemannschaft zusammen. Jeder zehnte, der sich für die Spiele interessierte, hatte eigentlich gar nicht vor, auf unseren Stand zu kommen. Danach ließen sich viele von unseren technischen Experten die technischen Details noch mal erklären. Das fand ich schon recht erstaunlich.

Die Technologie von Dart konnte dabei scheinbar recht gut über so ein Spiel rübergebracht werden?

Das stimmt sicherlich. Dart ist eine Nischentechnologie innerhalb einer Nische. Das heißt, Sie finden ganz wenige Leute, die sich von Berufs wegen mit diesem Thema auseinandersetzen müssen.  Für die Explosionssicherheit unserer Zielindustrien kann es trotzdem schon ein Meilenstein werden, weil wir ein paar physikalische Paradigmen verändern konnten. Explosionsschutz als solcher sieht technisch nur vor, dass in einem Betrieb, in dem entflammbare, entzündbare, explosionsgefährdete Gasgemische auftreten, und das ist in der Prozessindustrie fast überall der Fall, die elektrischen Betriebsmittel so zu schützen sind, dass beim Einschalten einer Beleuchtung oder der Inbetriebnahme eines Sensors die ganze Anlage nicht in die Luft fliegt. Dafür gibt es unterschiedliche schützende Verfahren. Relativ einfach umschrieben kann man die elektrischen Anlagenteile in eine Kiste packen und somit ausschließen, dass nach außen etwas passiert. Das ist vielleicht nicht die eleganteste ingenieurtechnische Methode, aber wirksam. Das bedeutet eine entsprechende Kapselung der Anlagenteile. In den 50er, 60er Jahren fing man an, darüber nachzudenken, die Leistung von vornherein so zu minimieren, dass keine Funken mehr entstehen. Dies war die Geburtsstunde des elektronischen Explosionsschutzes, oder wie wir heute sagen, der Eigensicherheit. Dieses Verfahren hat aber den Nachteil der limitierten Energie. Man kann nur Geräte damit betreiben, die einen extrem niedrigen Leistungsbedarf haben.

In dem Moment, in dem man zum Beispiel daran denkt, ein kleines Display in einen explosionsgefährdeten Bereich zu bringen, ist es eigentlich schon gar nicht mehr möglich, dies eigensicher zu tun. Auch wenn man ein Ventil betreiben will, ist das schon kritisch. Unsere Überlegung bei Dart war, den Funken zwar entstehen zu lassen, aber in der Entstehung die Energiezufuhr schnell abzuschalten. Ein Funke braucht etwa 10 µs, bis er genügend Energie aufgenommen hat, um ein gasfähiges Gemisch auch wirklich zu zünden. Im Grunde genommen verhält sich ein Funke an der offenen Funkenstrecke ähnlich wie eine Kapazität. Das heißt, er nimmt erst einmal Energie auf und gibt diese dann über einen Lichtbogen ab. Wenn man innerhalb der ersten 10 µs die Energie abschaltet, ist der Funken nicht mehr gefährlich.

Wie merke ich, dass ein Funken entsteht?

Wir überwachen elektronisch die Leitung. Der Funke hat ein ganz besonderes Impedanzmuster. Das führt zunächst dazu, dass sich kurzschlussartig der Strom verändert und dann langsam eine Spannung aufbaut. Ein ganz typisches Anzeichen, das sich im Impedanzverlauf messen lässt. Sobald es zu einem solchen Verlaufsmuster kommt, schaltet man ab. Das können wir heute auch nur, weil die Bauelemente schnell genug sind, in Mikrosekunden die Signale zu erkennen, und die entsprechenden Schaltelemente die Leistung ebenso schnell abschalten. Es nutzt natürlich nichts, wenn die Entstehung eines Funkens zwar schnell genug erkannt wird, aber der Schalttransistor 20 µs braucht, bis er die Leistung heruntergefahren hat. Die Überwachung muss außerdem am Anfang und am Ende der Leitung gleichzeitig erfolgen, da die Signallaufzeit entlang der Leitung oftmals schon ausreicht, um die 10 µs Entstehungszeit  zu überschreiten.

Aber Leitungen in Prozessanlagen haben eine enorme Länge?

Ja, das ist auch das Entwicklungsziel von Dart gewesen, dass wir Leitungslängen bis zu 1.000 Metern überwachen können. Je länger die Leitung wird, desto geringer ist die Leistung, die man einspeisen darf. Wir gehen davon aus, dass man bei bis zu 1.000 Meter Leitungslänge noch bis zu 10 Watt einspeisen kann. Ist die Leitung kürzer, sind sogar bis zu 50 Watt Leistung möglich. Wir sind mit der Implementierung dieser Technologie noch ganz am Anfang und schaffen es mittlerweile, in ersten Anwendungen 8 Watt auf eine Leitungslänge von 1.000 Metern einzuspeisen. Dafür haben wir auch die Zulassung. Aber das ist sicherlich nicht die Grenze, das ist sicherlich nicht das Ende.

Gibt es andere Lösungen von Wettbewerbern?

Bisher noch nicht. Wir haben unsere Technologie offen gelegt. Das heißt, jeder, der diese Technologieplattform nutzen möchte, kann das tun. Er muss nur einen Lizenzvertrag mit uns abschließen. Allerdings nur so lange, bis wir diese Technologie in einen IEC-Standard überführt haben und dann entfallen auch diese Lizenzvereinbarungen.

Rechnet sich die Entwicklungsarbeit für etwas, das eigentlich nur eine Nische in der Nische ist?

Das müssen Sie mich in fünf Jahren fragen. Die Märkte müssen sich zwar noch entwickeln, aber die Kundenvorteile sind so evident,  dass wir von einem Erfolg überzeugt sind.

Thema Wireless: Wie groß ist die Störsicherheit bei Netzwerken innerhalb einer Fabrik?

Der ZVEI hat eine technische Studie zum Thema Koexistenz von Drahtlostechnologien gemacht, und da ging es genau darum. Wir sind heute durch die Signalverarbeitung und die entsprechenden Technologien in der Lage, den Rauschabstand oder den Störabstand extrem weit nach unten zu schieben und trotzdem immer noch eine extrem sichere Übertragung zu gewährleisten. Diese Koexistenzuntersuchung hat klar ergeben, dass diese Netze sehr wohl übereinander, miteinander, nebeneinander leben können, ohne dass der Signalrauschabstand dadurch so schlecht wird, dass man keine Übertragung mehr sicherstellen kann. Wir waren bei den ersten Installationen von Wirelesshart in Industrieumgebung auch erstaunt, wie robust es funktioniert.

Die Fieldbus Foundation hat auch das Ziel formuliert, in die Fertigungsautomation zu gehen. Lohnt sich das überhaupt?

Ich glaube nicht, dass die Fieldbus Foundation dieses Ziel wirklich verfolgt. Was die Fieldbus Foundation angeht, ist man sehr stark an hybriden Anwendungen interessiert, also an der Schnittstelle von Prozesstechnik zur Fabrikautomation. Bestes Beispiel ist die Pharmazie. Die Herstellung der Generika, also der Wirkstoffe, ist reine Prozessindustrie. Aber anschließend – wenn es an das Vereinzeln, Verpacken und Bedrucken geht – ist man in der klassischen Fabrikautomatisierung. Die Frage ist nun, wie sorgt man jetzt dafür, dass diese beiden Welten miteinander kommunizieren können? Hier liegt der Ansatzpunkt der Fieldbus Foundation.

Ich möchte den Kreis schließen und ein Stück weit provozieren: Müssen Ingenieure wieder mehr an Stellenwert gewinnen?

Ja, das müssen sie ganz sicher. Sie haben die Diskussion um die Frage des Atomausstiegs verfolgt. Da wird rasch eine Ethikkommission zusammengerufen, aber es war kein einziger Ingenieur dabei. Das kann nicht sein! Die einzigen, die überhaupt technisch beurteilen können, was da passiert, schließt man einfach bei einer solch brisanten Diskussion aus. Das zeigt ganz deutlich, dass die Ingenieure einen vollkommen falschen Stellenwert haben.

Welche Karrierechancen können Sie Ingenieuren und Ingenieurinnen in Ihrem Unternehmen aufzeigen?

Ich habe mal scherzhaft gesagt: ‚The sky is the limit‘. Viele wichtige Positionen in Vertrieb, Marketing, Entwicklung und Produktion sind mit Ingenieuren besetzt, und auch in unserer Geschäftsleitung ist das Verhältnis von Kaufleuten zu Ingenieuren eins zu drei.