"Wir reduzieren den Arbeitsaufwand von einem Manntag auf wenige Klicks." Falko Wiehle

„Wir reduzieren den Arbeitsaufwand von einem Manntag auf wenige Klicks.“ Falko WiehleRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Herr Wiehle, was ist denn das Besondere an Ihrem Konfigurator für ­Frequenzumrichter?

Das Wesentliche ist, dass jemand rein anhand von Spezifikationen, letztlich einfachen Funktionsbeschreibungen, sehr schnell einen kompletten Umrichterschrank zusammenstellen kann – ohne, ich sage das jetzt bewusst, ohne wirklich tiefe Kenntnisse im Schaltschrankbau, der einschlägigen Normen und der Auswahlkriterien zu haben. Das neue Tool kann wesentlich mehr als ein einfacher Produktkonfigurator.

Das Tool fragt also die Eckparameter ab und spezifiziert neben dem passenden Umrichter auch die optimalen Schaltgeräte. Und was ist daran so schwierig, dies für einen etwas größeren Frequenzumrichter auszulegen?

Wir verkaufen heutzutage nicht mehr nur die reine Antriebskomponente – gerade bei großen Leistungen. Kunden wollen zum Beispiel gleich einen passenden Schütz und einen Hauptschalter dazu, eventuell auch einen Bypass für den Not­betrieb und sonstige Dinge. Das zu spezifizieren, setzt einiges an Know-how voraus, damit die Gesamtlösung am Ende passt.

All diese Aspekte berücksichtigen wir mit unserem Konfigurator. Per Mausklick lassen sich diese Funktionen mit einem unserer Drives kombinieren. Und der Kunde kann sicher sein, dass die Komponenten dann auch zusammenpassen und funktionieren. Das spart enorm viel Engineering-Zeit. Allerdings sollte man schon wissen, für welche Anwendung das Konzept vorgesehen ist, oder an welche Spannungsebene der Antrieb angeschlossen wird. Den Rest übernimmt dann unser Tool.

Ist das eine Fortentwicklung existierender Tools?

In der Ausprägung gibt es das bisher nicht bei Danfoss. Wir hatten eine interne excelbasierte Lösung für eine schnelle Kalkula­tion. In der Tiefe und dem realisierten Detaillierungsgrad ist das Tool neu.

Das klingt so, als hätten viele Anwender mit der Auslegung Probleme.

Keine Probleme, nur zu wenig Zeit. Bislang muss der Elektriker oder Planer entsprechend der Antriebsleistung und Applikation den passenden Hauptschalter, Sicherungen, Spannungsversorgung aus Katalogen diverser Anbieter auswählen. Dabei muss er Dutzende von Abhängigkeiten beachten: Passt das zur Leistungskurve des Umrichters? Welche Kabel brauche ich? Welche Wärmelast entsteht und stimmt die Klimatisierung noch? Passen die Komponenten alle in den vorgesehenen Schaltschrank oder muss doch auf eine größere Einheit gewechselt werden? In Summe ist das ein nennenswerter Aufwand, der auch mit Routine nicht in fünf Minuten getan ist.

"Der Konfigurator ist ohne Detailkenntnisse über Schaltschrankbau und Normen anwendbar." Falko Wiehle

„Der Konfigurator ist ohne Detailkenntnisse über Schaltschrankbau und Normen anwendbar.“ Falko WiehleRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Zudem: Angebote müssen oft unter Zeitdruck erstellt werden. Natürlich hat jeder seine Erfahrungswerte. Wenn aber eine konkrete Ausschreibung dahinter steht, steigt der Aufwand. Das war mit ein Ansatz von Danfoss, den Aufwand – auch intern – durch einen funktionsbasierenden Baukasten zu reduzieren.

Sie betonen die Zeitersparnis. Haben Sie durchexerziert wie schnell ein typischer Schaltschrank geplant ist?

Haben wir. Bislang ruft der Kunde an und schickt uns vielleicht noch eine schriftliche Anfrage hinterher. Bisher stellen wir die Komponenten dann grob zusammen und geben das zum Schaltschrankbauer weiter. Der erstellt anhand der Daten eine Vorkalkulation auf Basis eines Single-Line-Diagramms und spielt die Daten an uns zurück. Ergänzt um unsere Antriebskomponenten und Angebotstexte geht das anschließend an den Kunden. In Summe dauerte das grob einen Tag. Zum Vergleich: Mit der vorkonfektionierten Lösung und unserem Baukastensystem ist das in drei Minuten erledigt, inklusive Dokumentation.

Danfoss hat ein breites Portfolio an Antriebstechnik. Welche Produktbereiche decken Sie mit dem Konfigurator zum Start überhaupt ab?

Wir starten mit einem reduzierten Portfolio, unseren Kompaktgeräten ab 90 kW bis 630 kW – dem Bereich mit der größten Nachfrage. Natürlich erweitern wir die Funktionalität auf andere Baugrößen.

Im Endausbau können wir Schränke nach "IEC und UL, mit verschiedenen Lieferanten und Sonderfunktionen automatisch projektieren." Falko Wiehle

Im Endausbau können wir Schränke nach „IEC und UL, mit verschiedenen Lieferanten und Sonderfunktionen automatisch projektieren.“ Falko WiehleRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Viele Anwender haben Lieferantenlisten. Lässt sich das bei der Auswahl der zusätzlichen Komponenten wie Schütze, Sicherungen oder Leistungsschalter auswählen?

Zum Start haben wir das etwas eingeschränkt und mit den Schaltgeräten eines Anbieters begonnen. Später wird es Auswahlmöglichkeiten geben. Das Tool kommt schließlich weltweit zum Einsatz, und in jeder Region gibt es andere Favoriten.

Mit dem Tool erschließen Sie den Endkunden das Expertenwissen von Planungs- und Ingenieurbüros. Wie sehen das die Systemintegratoren und Elektroplaner, die diesen Aufwand künftig nicht mehr in Rechnung stellen können?

So kann man das nicht sehen. Wir entlasten den Schaltschrankbauer, da er eben nicht jede Anfrage zur Kalkulation weitergereicht bekommt. Er gewinnt Zeit, um seine Aufträge abzuarbeiten, ­anstatt Angebote zu erstellen, was in der Regel häufig nebenbei erfolgt.

Und was ist mit Sonderwünschen?

Individuelle Ausführungen, die Kunden immer wieder nachfragen, pflegen wir nach. Wenn wir dem Kunden bereits 80 Prozent der Schrankkonfiguration an die Hand geben können, in die er seine Wünsche einzeichnet, beschleunigt das Planung und Kalkulation deutlich. Auch das ist für den Schaltschrankbauer eine Erleichterung. Die Erfahrung zeigt, dass es bei einem Angebot nie bei der Version 0 bleibt. Der Kunde beauftragt meist erst die Version 2 oder 3.

Welche Unterlagen, welche Daten stellen Sie bereit?

Unsere Mitarbeiter haben zu jeder über den Konfigurator auswählbaren Komponente die entsprechenden Eplan-Makros erstellt. Kommt es zum Auftrag werden anhand des Typcodes, der jedem Schaltschrank-Projekt zugrunde liegt, die passenden Dateien zusammengestellt und das komplette Eplan-Projekt dem ausführenden Schaltschrankbauer übermittelt. Das umfasst die komplette E-Planung mit Stückliste, Datenbank, alles was für den Schaltschrankbau benötigt wird, inklusive 3D-Darstellung sowie die Daten für eine eventuelle Bearbeitung der Schalttafeln auf ­einer CNC-Bearbeitungsstation.

"Die Unterlagen für eine fundierte ­Planung gibt es sofort; das komplette Eplan-Engineering erst nach Auftragsvergabe." Falko Wiehle

„Die Unterlagen für eine fundierte ­Planung gibt es sofort; das komplette Eplan-Engineering erst nach Auftragsvergabe.“ Falko WiehleRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Was heißt im Falle des Auftrags? Welche Unterlagen geben Sie davor heraus?

Der Kunde bekommt bestimmte technische Daten und einen Preis für die komplette Einheit genannt. In diesem Stadium spezifizieren wir das Angebot noch nicht nach Funktionsgruppen. Das ist die kalkulatorische Seite.

Dazu gibt es diverse Informationen über die Eingangsströme, Betriebsspannung, Verlustleistung, die technischen Abmessungen, Gewichte und Aufstellrichtlinien. Damit kann der Kunde prüfen, ob Kurz- und Anschlussleistung der Einspeisung passen. Zusätzlich gibt es das Single-Line-Diagramm. Darin sieht er, ob etwas vergessen wurde, und kann mit der Dokumentation seines Projekts weiterarbeiten. Neben dem Leistungskreis stellen wir auch Informationen über die Steuerungsanschlüsse zur Verfügung. Natürlich darf ein Übersichtsbild des Schaltschranks mit Abmessungen nicht fehlen sowie das Gewicht und die Lage des Schwerpunkts.

Der Kabelbauer ist wiederum interessiert an den Ausschnitten im Boden für die Verlegung. Das alles kann der Kunde auf Knopfdruck bereits in der Angebots-Phase abrufen. Die vollständige Designarbeit geben wir zu dem Zeitpunkt natür­lich nicht raus.

Nach welchen Regelwerken arbeitet der Konfigurator?

Unser Design bedient sich der IEC-Vorgaben, sodass wir uns überall wo kein UL gefordert ist bewegen können. Es gibt natürlich Spezialitäten, wie British Standard oder UL, bei denen man noch mal im Detail schauen muss. Im Endausbau sind aber auch die Aufstellregion und die dort gültigen Richtlinien und Spannungsebenen anwählbar.

Betrifft das auch die einzuhaltenden Energieeffizienz-Klassen?

In Bezug auf die IEC/EN 61439 liefern wir bereits den Nachweis, dass die Entwärmung der Schaltgerätekombination gewähr­leistet ist. Natürlich können wir bei der Planung abschätzen, welche Verlustleistung anfällt. Die ist für die einzelnen ­Geräte bekannt. Derzeit sehen wir aber noch nicht die Notwendigkeit, eine Art Energiepass für den Umrichterschrank auszustellen. Auf Anfrage können wir die Daten angeben. Da im Endeffekt der Anlagenbauer oder der Betreiber verpflichtet ist, diese Nachweise zu führen, stellen wir nur die dafür erforderlichen Einzeldaten bereit.

Tangiert die seit Anfang des Jahres empfohlene Effizienzbetrachtung von Antrieben anhand konkreter Verlustleistungen in verschiedenen Arbeitspunkten denn Ihren Konfigurator?

Den Konfigurator als solches direkt nicht. Was wir aber vorsehen, ist, dass der Kunde sich die Angaben zu den Verlustleistungen gemäß der EN 50598 herunterladen kann. Diese Angaben sind seit Januar auch verfügbar. Die Verknüpfung dieser Daten im Konfigurator haben wir noch nicht realisiert. Hier brauchen wir auch ein Stück weit Feedback vom Kunden, ob er die Energieeffizienz hier schon berücksichtigen will, beziehungsweise überhaupt berücksichtigen kann.

"Wir erleichtern es OEMs, auf stan­dar­disierte Antriebsschränke zuzugreifen." Falko Wiehle

„Wir erleichtern es OEMs, auf stan­dar­disierte Antriebsschränke zuzugreifen.“ Falko WiehleRedaktion IEE/Renate Schildheuer

Wir als Antriebshersteller sind angehalten, die Teillast-Wirkungsgrade beziehungsweise Verlustleistungen anzugeben, sodass derjenige, der den Antrieb später in Betrieb setzt, die IES-Betrachtung vornehmen kann. Für die einzelnen Umrichter ist das verfügbar und für den Schrank könnten wir es auch bereitstellen.

Wo kann ich mir den Konfigurator herunterladen?

Der Konfigurator ist webbasiert und in unseren Standard-Web­shop eingebettet. Über diese Schiene steuern wir auch den ­Zugang.

Das heißt, die Planungsdaten, Projektdaten und Angebotsphasen liegen auf dem Danfoss-Server?

Genau. Der Kunde hat dadurch immer Zugriff auf seine früheren Projekte, die er bei Bedarf einfach modifiziert.

Gesetzt den Fall, es kommt zum Auftrag: Wie geht es weiter?

Der Konfigurator ist über eine Schnittstelle mit unserem SAP-System gekoppelt. Alles, was im Auswahltool sichtbar ist, gibt es in irgendeiner Form auch in SAP. Kurz gesagt passiert folgendes: Ist ein Schaltschrank konfiguriert, generiert das Tool automatisch einen individuellen Typcode, genau wie bei jedem Standard-Umrichter. Dieser Typcode ist die Basis für alles, was in SAP passiert. Darüber wird eine interne Bestellung an die jeweilige Fabrik in Dänemark oder den USA generiert, die den Umrich­ter spezifisch für diesen Schaltschrank fertigt.

Parallel dazu gehen die entsprechenden Aufträge an einen unserer Schaltschrankbauer raus. Neben dem Typcode zur Zuordnung und den Kundendaten bekommt er dann auch die erforderlichen Eplan-Projektdaten.

Das ist dann also praktisch ein Schaltschrankbauer, mit dem Danfoss schon zusammenarbeitet. Ist die Konstellation möglich, dass der Kunde den Schaltschrankbauer vorgibt?

Wir könnten das, werden das aber nicht umsetzen. Schließlich ist der fertige Schaltschrank ein Danfoss-Produkt, dessen Funktion und Qualität wir garantieren. Unsere Schaltanlagenbauer sind im Vorfeld qualifiziert und in unsere Abläufe sowie Qualitäts­sicherung eingebunden.

Wenn ein Anwender den Umrichterhersteller wechseln will, können Sie dessen bestehenden Konfigurationen einlesen und auf Danfoss-Komponenten konvertieren?

Möchte ein Endanwender jetzt zum Danfoss-Produkt wechseln, ließe sich der Funktionsumfang soweit aus dem Konfigurator auswählen. Das funktioniert jedoch nicht automatisch, was aber auch gar nicht notwendig ist. Schließlich hat der Kunde eine neue Schrankversion mit wenigen Mausklicks angelegt. Sollte es darüber hinaus Funktionen geben, die noch nicht im Konfigurator abgebildet sind, passen wir das an. Und sukzessive kommen weitere Funktionen im Konfigurator hinzu, etwa Türeinbauten, Leistungsmessgeräte und eine Frontbedienung oder ein Bypass. Dadurch reduzieren sich nach und nach die Sonderwünsche, die noch manuell in das Angebot nachzutragen sind.

Wird es auch Standard-Konfigurationen für bestimmte Applikationen oder Branchen geben?

Das ist auf jeden Fall denkbar. Es gibt Kunden, etwa aus der Chemie, die gewisse Vorgaben hinsichtlich Schnittstellen haben. Die sind bereits ins Programm eingeflossen. Werksvorschriften können wir ebenso abbilden und als eigenen Katalog zur Verfügung stellen.

Wie sieht die Roadmap aus?

Der Pilot für Deutschland steht Anfang April auf unserer Homepage zur Verfügung, die Zugänge werden nach und nach freigeschaltet. Hier sind alle Funktionen bis auf die Preise einzusehen. Danach steht der Rollout in Deutschland und in ausgewählten Ländern in Europa an. Funktionalitäten und Dinge wie Normenkreise, etwa UL, sind nachgelagerte Themen, die wir sukzessive zusammen mit unserer Kollegen aus Indien und den USA umsetzen.