VDA-Präsident Wissmann: „In einer gemeinsamen deutsch-französischen Arbeitsgruppe treiben wir die Elektromobilität voran..."

VDA-Präsident Wissmann: „In einer gemeinsamen deutsch-französischen Arbeitsgruppe treiben wir die Elektromobilität voran…“

In der Silvesterausgabe der französischen Wirtschafts- und Finanzzeitung Les Echos äußerte sich Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), zu den Perspektiven der Automobilindustrie im Jahr 2010. AUTOMOBIL-ELEKTRONIK fasst einige Aspekte des Interviews zusammen:

„2010 bringt eine Normalisierung, wir erwarten zwischen 2,75 und 3,0 Millionen Neuzulassungen“, prognostiziert Wissmann für den deutschen Pkw-Inlandsmarkt. „Das ist ein Niveau, das nur wenig unter dem langjährigen Durchschnitt des Pkw-Inlandsmarktes liegt. Entscheidender aber für die Produktion ist die Frage, wie sich die internationalen Märkte entwickeln – drei von vier Autos, die in Deutschland produziert werden, gehen in den Export. Wir rechnen mit einer leichten Erholung der Weltmärkte und damit auch mit einem Plus bei Export und Produktion, allerdings auf noch niedrigem Niveau. Die Tatsache, dass die deutschen Hersteller auch im abgelaufenen Jahr in wichtigen Ländern Marktanteile gewinnen konnten, stimmt uns vorsichtig optimistisch.“

Die Dynamik, mit der sich die Märkte in Asien entwickeln, bezeichnet Wissmann als „eindrucksvoll“: Der Pkw-Absatz in Indien hat allein im November um zwei Drittel zugelegt, China wird das Jahr 2009 mit einem Plus von über 40 Prozent abschließen. Fast jedes fünfte Auto, das in China derzeit verkauft wird, zählt zu den deutschen Konzernmarken. Auch in Indien verstärken wir unsere Präsenz: Deutsche Automobilhersteller und Zulieferer haben dort bereits 65 Produktionsstätten; gerade in den letzten zwei Jahren wurden von Audi, BMW, Daimler und Volkswagen neue Werke eröffnet.“

USA

Auf dem „schwer gebeutelten US-Markt“ zeichne sich in den letzten Monaten eine Stabilisierung ab. So habe der Absatz von Light Vehicles im Oktober und November leicht über Vorjahr gelegen, wobei „das Marktvolumen des Jahres 2009 von rund 10 Millionen Light Vehicles noch alles andere als zufriedenstellend“ sei. Es werde noch einige Zeit dauern, bis die Verkäufe wieder dort seien, wo sie hingehörten: bei rund 15 Mio. Fahrzeugen. Wissmann weiter: „Erfreulich ist, dass die deutschen Hersteller 2009 ihren Marktanteil um fast einen Prozentpunkt auf 7,3 Prozent steigern konnten. Auch 2010 wollen wir in den USA zulegen, vor allem mit CO2-freundlichen und kraftstoffeffizienten Clean-Diesel- und Hybrid-Modellen. Auch die US-Bürger achten immer mehr auf den Spritverbrauch.“

Konkurrenz aus Asien

Auf die Frage von Les Echos, wie sich europäische Hersteller gegenüber neuen Wettbewerbern aus Asien in Zukunft weiter behaupten können, antwortete Wissmann: „Bisher ist zu beobachten, dass neue Wettbewerber vor allem anderen asiatischen Herstellern, die bereits länger am Markt sind, das Leben schwer machen. Aber eines ist klar: der weltweite Wettbewerb wird an Schärfe zunehmen. Die deutschen Hersteller, auf die 80 Prozent des weltweiten Premiummarktes entfällt, werden ihre Position halten und weiter ausbauen. Gleichzeitig greifen wir auch im Kleinwagensegment an – mit Autos, die nur rund 3 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer verbrauchen. Überdies sind viele unserer Zulieferer beispielsweise an der Entwicklung und Produktion des Tata Nano beteiligt.“

„Ist ein Desaster à la GM auf dem europäischen Boden auszuschließen?“

… fragte Les Echos, woraufhin sich Matthias Wissmann folgendermaßen äußerte: „Wenn der chinesische Automobilkonzern BAIC die GM-Tochter Saab kauft – und ein anderes chinesisches Unternehmen die Ford-Tochter Volvo übernimmt, dann sind das Zeichen, dass sich die Gewichte auf dem Weltautomobilmarkt verschieben. Niemand kann sich auf dem Erreichten ausruhen. Die deutsche Automobilindustrie hat ihre Position auf den internationalen Märkten auch deshalb ausbauen können, weil sie mit hoher Innovationsgeschwindigkeit unterwegs ist und ihre Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen – trotz Krise – im Jahr 2009 um 4,4 Prozent auf 20,9 Mrd. Euro erhöht hat. Offensichtlich belohnt es der Kunde, wenn ein Unternehmen weniger auf Quartalsberichte starrt, sondern mehr auf beste Qualität seiner Produkte zu einem fairen Preis, verbunden mit einer unverkennbaren und attraktiven Markenidentität.“

Elektromobilität: deutsch-französischer Feldversuch

Auch das Thema Elektroauto kam zur Sprache. Matthias Wissmann: „In einer gemeinsamen deutsch-französischen Arbeitsgruppe treiben wir die Elektromobilität voran mit dem Ziel, die Fragen der Standardisierung zu klären und einen grenzüberschreitenden Feldversuch mit Elektrofahrzeugen umzusetzen. Erste Ergebnisse erwarten wir im kommenden Jahr. Ich bin davon überzeugt: Das Elektrofahrzeug wird nur erfolgreich sein, wenn es auch länderübergreifend ohne Probleme eingesetzt werden kann. Dazu gehört auch die Schaffung der grenzüberschreitenden Rahmenbedingungen zum Betrieb eines Elektrofahrzeuges. Außerdem brauchen wir ein gleiches Wettbewerbsumfeld bei den Rahmenbedingungen, den Forschungsgeldern und den Markteinführungsimpulsen in Europa. Ein Subventionswettlauf nutzt letztlich niemandem. Abschlüsse von Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Drittstaaten sind aus unserer Sicht im Grundsatz zu begrüßen, sofern diese den Austausch von Waren und Dienstleistungen fair und ausgewogen regeln. Das jüngste Freihandelsabkommen der EU mit Südkorea ist da durchaus noch verbesserungsfähig.“

Zu den Aussichten der Elektrofahrzeuge erklärte Wissmann: „Die deutsche Automobilindustrie – Hersteller wie Zulieferer – arbeiten mit Hochdruck an der Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Das umfasst sowohl den Hybridantrieb – vom Mild-Hybrid bis zum Plug-in-Hybrid – als auch das reine Elektrofahrzeug. Die erste Serienlimousine der Oberklasse mit Lithium-Ionen-Batterie kommt aus Deutschland, weitere Modelle werden demnächst auf dem Markt sein. Wir haben uns – ähnlich übrigens wie Frankreich – das Ziel gesetzt, dass wir eine Vorreiterrolle in der Entwicklung dieser Antriebe einnehmen können. Das ist ein internationaler Wettlauf. Wir brauchen zudem leistungsfähige Infrastrukturen und regenerative Energie für Elektroautos. Wir rechnen damit, dass im Jahr 2020 rund 1 Million Elektrofahrzeuge in Deutschland fahren werden.“

Gleichzeitig gibt Wissmann aber auch unmissverständlich zu erkennen, wie auch in den kommenden Jahren noch das Brot-und-Butter-Geschäft aussehen wird: „Wenn wir berücksichtigen, dass derzeit mehr als 40 Millionen Autos auf unseren Straßen unterwegs sind, dann zeigt das, dass auch im Jahr 2020 der klassische Verbrennungsmotor, den unsere Unternehmen ständig weiter verbessern, noch eine tragende Rolle spielen wird.“ (av)