Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA: „Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen. Der Brexit wird den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten.“

Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA: „Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen. Der Brexit wird den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten.“ VDMA/Uwe Nölke

Die EU am Wendepunkt: Brexit hat über Nacht nicht nur Großbritannien in eine veritable Staatskrise gestürzt, sondern eine Schockwelle in Europa ausgelöst.

Die EU am Wendepunkt: Brexit hat über Nacht nicht nur Großbritannien in eine veritable Staatskrise gestürzt, sondern eine Schockwelle in Europa ausgelöst. Fotolia/Oliver Boehmer

Aus Sicht der Unternehmen muss die EU nun Klarheit über den Austritt Großbritanniens aus der EU schaffen und die Bedingungen für die künftige Zusammenarbeit Großbritanniens mit der EU festlegen. Der VDMA warnt zudem, dass der Austritt Großbritanniens nicht zur Gefahr für die EU werden darf. „Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen. Der Brexit wird den Industriestandort Europa viel Vertrauen bei Investoren kosten. Es wird nicht lange dauern, bis unsere Maschinenexporte nach Großbritannien spürbar zurückgehen werden. Völlig unklar ist, was auf Unternehmen mit britischen Tochtergesellschaften zukommt. Die EU muss jetzt den Schaden eindämmen und die Phase der Unsicherheit möglichst kurz halten. Europas Unternehmen brauchen Planungssicherheit und einen verlässlichen Fahrplan für den Austritt“, betont Thilo Brodtmann, VDMA-Hauptgeschäftsführer. „Für exportstarke Unternehmen wäre eine Fragmentierung Europas das Schreckensszenario. Durch den Brexit werden leider die EU-Skeptiker in anderen Ländern Auftrieb bekommen. Aus wirtschaftlicher Sicht gibt es aber keinen Grund, an der Bedeutung und der Zukunftsfähigkeit der EU zu zweifeln.“

Besonders der Maschinenbau in Deutschland ist auf stabile politische Rahmenbedingungen in Europa angewiesen. Im Jahr 2015 gingen 44,8 Prozent aller Exporte dieser Industrie ins EU-Ausland (69,6 Mrd. Euro). Im Vereinigten Königreich selbst mussten deutsche Unternehmen im ersten Quartal dieses Jahres bereits einen Rückgang der Maschinenexporte von 4 Prozent auf rund 1,7 Mrd. Euro im Vergleich zum Vorjahr hinnehmen. Für den deutschen Maschinenbau war das Land 2015 der viertwichtigste Auslandsmarkt (7,2 Mrd. Euro Exportvolumen) hinter den USA (16,8 Mrd. Euro), China (16 Mrd. Euro) und Frankreich (9,8 Mrd. Euro) und noch vor Italien (6,5 Mrd. Euro) und den Niederlanden (6,1 Mrd. Euro).

Appell für das große EU-Friedensprojekt

Thilo Brodtmann mahnt zum Weitblick, wenn er sagt, dass man nicht länger die Augen vor der Tatsache verschließen könne, dass „kreuz und quer Risse durch Europa gehen – zwischen Nord und Süd, wenn es um die Stabilisierung Griechenlands und der gemeinsamen Währung geht, zwischen Ost und West, wenn Flüchtlinge auf alle Länder gerecht verteilt werden sollen.“ Für viele Menschen seiner Generation sei die „europäische Einigung das große Friedensprojekt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dafür hat aus meiner Sicht die Europäische Union 2012 zu Recht den Friedensnobelpreis erhalten.“

Diese Leistung könne wohl nur der in vollem Umfang anerkennen, der vierzig Jahre Kalten Krieg miterlebt habe, mahnt er. In einem wachsenden Teil der europäischen Bevölkerung werde inzwischen die EU nicht mehr als Problemlösung, sondern selbst als Problem betrachtet, hat er beobachtet, weshalb er bekräftigt: „Trotzdem bin ich fest davon überzeugt, dass die Alternative zu dieser EU nur eine reformierte, transparente und effektive EU ist. Ein Rückfall in nationale Egoismen würde jedenfalls nicht dazu beitragen, dass Europa sich in einer globalisierten Welt gegenüber zunehmender Konkurrenz behaupten kann.“