Matt Murphy: Dieses Jahr werden wir MEMS-Muster  und -Lösungen vorstellen: Gyroskope und  Beschleunigungsmesser.

Matt Murphy: Dieses Jahr werden wir MEMS-Muster und -Lösungen vorstellen: Gyroskope und Beschleunigungsmesser.Alfred Vollmer

Maxim Integrated war bisher am Automotive-Markt sehr still. Warum will Maxim Integrated seine Automotive-Aktivitäten erweitern?

Matt Murphy: Maxim Integrated gibt es seit rund 30 Jahren, und die meiste Zeit haben wir außer Produktankündigungen nur wenig externes Marketing oder Produkt-Promotion betrieben. Bereits seit acht Jahren entwickeln wir Automotive-Produkte, und wir haben jetzt eine ausreichend große kritische Masse in den unterschiedlichen Lösungsgebieten aufgebaut.
Zu Beginn unserer Automotive-Aktivitäten stellten wir spezifische individuelle Produkte her, die wir als „Point Solutions“, im Deutschen Punktlösungen, bezeichneten. Das waren ­beispielsweise Power-Management-Chips, die eine bestimmte Funktion erledigen. Zusätzlich haben wir bereits existierende Produkte von Maxim Integrated wiederverwendet und sie für Automotive qualifiziert. Heute haben wir einen ganz anderen Ansatz, denn wir bieten komplette Systemlösungen, die für den Endkunden relevant sind.
Unsere Kunden interessieren sich mehr für Lösungen als für individuelle Bauelemente. In den acht Jahren, in denen ich in diesen Markt involviert bin, nehmen die OEMs jetzt eine viel aktivere Rolle ein, indem sie mit den Halbleiter-Anbietern zusammenarbeiten: die OEMs treten dabei selbst als Architekten dieser Lösungen auf und agieren in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit direkt mit Lieferanten wie Maxim Integrated. Sie sind sehr aktiv, indem sie die Lösung nehmen, sie verbessern und derart für ihren Bedarf modifizieren, dass sie sich selbst auf dem Markt differenzieren können. Dazu muss viel mehr Koordination zwischen den OEMs, den Tier-1s und uns selbst erfolgen. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es uns, die Lösungen viel schneller auf den Markt zu bringen. Die meiste tatsächliche Arbeit im Rahmen des System-Engineering und bei der Überführung des Produkts in die Fertigung erfolgt immer noch mit den Tier-1s.

Warum sollten die OEMs direkt auf Maxim Integrated zugehen?

Es gibt viele Kompetenzbereiche, in denen die Automobilhersteller differenzierte Lösungen möchten. So gibt es beispielsweise im Bereich Batteriemanagement viele unterschiedliche Strategien – vollelektrisch, hybrid oder andere Varianten– sowie eine jeweils unterschiedliche Anzahl von Batteriezellen, verschiedene Optionen und Architekturen; die Kunden wollen stets eine Lösung, die sich an all dies anpasst. In den Bereichen Safety und ADAS, wo Kameralösungen derzeit gerade allgegenwärtig werden, bieten wir unsere Serial-Link-Lösungen zur schnellen Video- und Daten-Übertragung über das Netzwerk im Auto. Es handelt sich hierbei um eine proprietäre Lösung, die an die Anforderungen der Kunden angepasst ist. Im Bereich der Funktechnologien, beispielsweise digitale TV-Tuner im Fahrzeug und digitale Audio-Lösungen im Auto (DAB), sind unsere Produkte von hohem Interesse für die Fahrzeughersteller.

Matt Murphy (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Redakteur Alfred Vollmer): „Im Vergleich zu anderen Anbietern haben wir bei Maxim den Vorteil, eine sehr starke Firmen-Historie in den Bereichen Consumer- und Smartphone-Technologie zu besitzen.“

Matt Murphy (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Redakteur Alfred Vollmer): „Im Vergleich zu anderen Anbietern haben wir bei Maxim den Vorteil, eine sehr starke Firmen-Historie in den Bereichen Consumer- und Smartphone-Technologie zu besitzen.“Alfred Vollmer

Ich denke, viele OEMs haben die Vision einer einzigen Infotainment-Plattform, bei der die Anwender leicht ein Feature-Upgrade durchführen können. Sie beabsichtigen, einen sehr leistungsfähigen Applikations-Prozessor sowie einige Hf-Einheiten einzusetzen, die sich damit verbinden lassen, um so einfache Updates über die Funkschnittstelle durchzuführen und bestimmte Features zu ermöglichen. Das Update der Software und des Look-and-Feel über die Funkschnittstelle ist ein sehr leistungsfähiges Konzept. Weil die Hf-Technologien und die Connectivity in immer größerem Umfang standardisiert werden, ist es möglich, dass wir in Zukunft noch mehr gemeinsame Plattformen sehen.
Die Halbleiter-Funktionalität wird dabei helfen, in Zukunft sicherere, effizientere und in stärkerem Umfang vernetzte Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Innerhalb dieser Applikationen besteht ein Bedarf an hochinnovativer integrierter Halbleiter-Funktionalität, denn damit können die neuen Technologien auf den Mainstream-Markt kommen. Wir denken, dass das Auto der Zukunft ‚clean, conscious und connected‘ – also energiebewusst, sicher und vernetzt – sein wird.

Die Automobilbranche befürchtet derzeit niedrigere Umsatzzahlen. Wie wird sich der Markt Ihrer Meinung nach entwickeln?

Es sieht derzeit so aus als ob die Anzahl der insgesamt ausgelieferten Neufahrzeuge sich nicht nennenswert erhöhen wird, aber alle Autos werden mehr Funktionalitäten aufweisen, was wiederum einen steigenden Bedarf an Halbleitern zur Folge hat. Die Automobilindustrie muss derzeit einige große Herausforderungen angehen – und zwar nicht nur in ökonomischer Hinsicht, sondern auch umwelttechnisch und unter soziologischen Aspekten.
Trotz der aktuellen allgemeinen Herausforderungen wird dem Automobilmarkt dennoch über diese und die nächste Dekade ein stetes Wachstum vorausgesagt. Das Wachstum in den Triade-Regionen Amerika, Europa und Japan könnte geringer sein, aber in den BRIC-Staaten wird es ein substantielles Wachstum geben.
Langfristig wird der Markt stabil sein und wachsen. Wir haben in den Oberklasse- und Premium-Fahrzeugen viele Halbleiter; in diesem Segment sehen wir eine gute Nachfrage auf Basis der Jahresvergleichszahlen.

Wie sehen die Automotive-Verkaufszahlen von Maxim Integrated aus?

Etwa 5 bis 6 % unseres Gesamtumsatzes machen wir im Bereich Automotive. Da wir ein 2,5-Milliarden-$-Unternehmen sind, liegt unser Automotive-Umsatz somit bei etwa 125 Millionen Dollar pro Jahr. Der Gesamtmarkt für analoge Automobil-Halbleiter beträgt allerdings etwa 9 Milliarden Dollar, und wir können im Prinzip mit unserem Produkt-Portfolio die Hälfte dieses Marktes adressieren.
Wir bieten Lösungen für Serial-Link-Anwendungen, das Batterie-Management, Hf-Funktechnologien, Infotainment und Power-Management an. Praktisch von Beginn an haben wir uns schwerpunktmäßig mit dem Power-Management beschäftigt, wobei wir mit integrierten Stand-Alone-Bausteinen für das Power-Management begonnen haben. Jetzt befassen wir uns mit höheren Integrationsebenen in all unseren Anwendungsbereichen. Wir betrachten Bausteine zur Ansteuerung von LEDs übrigens als Teil des Power-Managements, und wir sehen einen starken Trend, die Glühfadenlampen durch LEDs zu ersetzen. Für all unsere Power-Management-Schaltungen stellen wir typischerweise ein Evaluation-Kit und lokale Applikationsunterstützung zur Verfügung.

Welche Produktstrategie verfolgen Sie im Automotive-Bereich?

Wir haben bei Maxim Integrated unsere Strategien auf die folgenden Anwendungsbereiche ausgerichtet: 1.) Clean – energiebewusst – durch die Elektrifizierung des Antriebsstrangs. 2.) Conscious – sicher – mit der zunehmenden Nachfrage nach Safety- und Security-Features in fortschrittlichen Fahrerassistenzsystemen. 3.) Connected – vernetzt – mit direktem Fokus auf Anwendungen im Infotainmentbereich wie Radio, Navigation, TV und Connectivity.

Matt Murphy: Mittlerweile gibt es unsere Batterie-Management-Technologie bereits in der vierten Generation.

Matt Murphy: Mittlerweile gibt es unsere Batterie-Management-Technologie bereits in der vierten Generation.Alfred Vollmer

Unsere Vision besteht darin, das Fahrzeug der nächsten Generation zu ermöglichen. In Einklang mit dieser Vision bieten wir strategische Technologien für den Automotive-Markt in den Bereichen drahtgebundene und drahtlose Kommunikation, Power, Batterie-Management sowie Erfassung und Aufbereitung von Sensorsignalen. Wir entwickeln die hochintegrierten, funktionalen und zuverlässigen platzsparenden Lösungen, die die OEMs zur Differenzierung ihrer Automobile benötigen.

Welche Strategie verfolgen Sie beim Antriebsstrang?

Im Sektor Powertrain konzentriert sich Maxim Integrated darauf, das Management und die Überwachung der Batterie, inklusive Erfassung des aktuellen Ladezustands, für Elektrofahrzeuge und Hybride anzubieten. Mit Produktentwicklungen für traditionelle Motormanagement-Anwendungen haben wir uns bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht beschäftigt. Mittlerweile gibt es unsere Batterie-Management-Technologie bereits in der vierten Generation. Bevor wir uns 5 Jahre lang im Bereich Automotive mit dem Batterie-Management beschäftigten, waren wir 18 Jahre lang im Batterie-Management für PDAs, Mobiltelefone, Notebooks sowie für die Industrie aktiv. Daher verstehen wir die Applikation vom Systemstandpunkt her wirklich durch und durch. Wir haben uns uns von Anfang an intensiv mit allen für die Sicherheit wichtigen Spezifikationen beschäftigt, wie zum Beispiel ISO 26262 und ASIL-D. Wir haben wirklich einen Ansatz auf Systemebene verfolgt, um die erforderliche Sicherheit und Funktionalität zur Verfügung zu stellen.

Wie sieht es mit den Infotainment-Aktivitäten aus?

Der Bereich Infotainment ist traditionell der stärkste Sektor von Maxim Integrated im Rahmen unseres Automotive-Geschäfts und wir freuen uns auf die Möglichkeiten, die uns dieser Markt in Zukunft bietet. Maxim Integrated hat innovative integrierte Lösungen, die auf das Infotainment zugeschnitten sind, wobei der Schwerpunkt auf den Wired-, Wireless- und Power-Management-Systemen liegt.
Mit der zunehmenden Connectivity in der nächsten Generation von OEM-Plattformen werden auch mehr Halbleiter zur Funkübertragung erforderlich sein. Maxim Integrated entwickelt integrierte Lösungen, mit denen sich die Hf-Fähigkeiten erweitern lassen, während die Lösung gleichzeitig klein bleibt und nur wenig Verlustleistung aufnimmt.
Wir sind auch sehr stark im Bereich Power-Management für den USB-Port. Wir haben einen sehr hohen Marktanteil bei Schaltungen, die hinter die USB-Ports passen und dabei sowohl die Schutzfunktionalität als auch die USB-Enumeration abdecken. Darüber hinaus haben wir IP, mit der das schnellere Laden bei höheren Strömen möglich wird. Ein hoher Prozentsatz der USB-Ports, die sich bereits heute in den Fahrzeugen befinden, enthält eine Lösung von Maxim Integrated. Im Prinzip ist das ein klassischer Fall: Wir hatten eine gute Technologie für die Applikation USB-Port, und dann haben wir das Design einer von Grund auf neuen Lösung erstellt, um die Anforderungen entsprechender Automotive-Anwendungen zu erfüllen.
Im Vergleich zu anderen Anbietern haben wir bei Maxim den Vorteil, eine sehr starke Firmen-Historie in den Bereichen Consumer- und Smartphone-Technologie zu besitzen. Einen erheblichen Teil unserer Umsätze erzielen wir mit Bauelementen, die in Smartphones verbaut werden. Wir haben einen sehr guten Einblick in den Markt für mobile Geräte, wo USB-Schutzschaltungen, Batterie-Management, Power-Management, Touchscreen-Controller, Hf-Technologien und anderes eingesetzt werden. Diese Technologien sind letztendlich auch sehr relevant für den Automotive-Markt, kommen aber in der Regel erst einige Jahre nach dem Einsatz in Consumer-Endgeräten in das Automobil. Mit unserer ­Präsenz im Consumer-Markt verfügen wir über die einzigartige Fähigkeit, erprobte Technologien an unser Automotive-Team weiterzuleiten und basierend auf den für Automotive notwendigen Qualitäts- und Zuverlässigkeits-Vorgaben ein neues Design zu entwickeln. Aus diesem Grund müssen wir die prinzipielle IP nicht von Grund auf entwickeln.

Vor wenigen Monaten hat Maxim Integrated seine neue Firmenzentrale im Silicon Valley bezogen.

Vor wenigen Monaten hat Maxim Integrated seine neue Firmenzentrale im Silicon Valley bezogen. Maxim Integrated

Die Endkunden haben sich in ihrem Kaufverhalten grundlegend verändert: Sie kaufen Autos nicht mehr nur auf Basis der Motorleistung oder abhängig davon, welcher Klimaanlagen-Typ verbaut ist. Sie fragen jetzt „Hat das Auto Bluetooth, ein integriertes Navi, Fahrerassistenzsysteme, Apps und mehr“.
Wenn wir mit neuen Kunden sprechen, dann spielt sich, bevor wir uns Automotive-Details zuwenden, stets das gleiche ab: Die Kunden wollen von uns erfahren, was im Consumermarkt geschieht. Dieses Wissen ist ein einzigartiger Vorteil, den viele herkömmliche Automotive-Tier-2s nicht haben.

Kürzlich hat Maxim Integrated einige Security-Lösungen auf den Markt gebracht. Wie trägt Ihr Unternehmen zur Integration von Security-Funktionalitäten im Auto bei?

Maxim Integrated hat einige Erfolge in Automotive-Anwendungen, bei denen Security als kritisch angesehen wird. Ein Beispiel hierfür ist die Airbag-Authentifizierung/Security. Da die OEMs mehr Connectivity innerhalb des Fahrzeugs verbauen, ist auch in immer größerem Umfang Security erforderlich. Die Security-Schutz-IP von Maxim Integrated lässt sich in eine Vielzahl von Funktionen und/oder SBCs – System Basis Chips – integrieren, wenn die OEMs einen Bedarf für Security festlegen. Maxim Integrated ist in der Lage, bei der Realisierung der erforderlichen Funktionalität zu helfen.
Fast 40 % der Bezahl-Terminals – beispielsweise Karten-Lesegeräte oder POS-Terminals – nutzen die sichere Mikrocontroller-Technologie von Maxim Integrated. Wir verfügen auch über Authenti­fizierungs-Technologie, wo wir eine 1-Wire genannte proprietäre Schnittstelle einsetzen, die im wesentlichen eine authentifizierte Kommunikation zwischen beispielsweise einer Druckerpatrone und einem Drucker oder zwischen der Handy-Batterie und dem Mobiltelefon ermöglicht. Security steht mittlerweile im Fokus und wir sind bereit, unsere Security-IP in Automotive-Produkte zu integrieren. Darüber hinaus sind wir stark in den immer noch wachsenden Technologiesegmenten für intelligente Schlüssel (Smart-Keys) und Wegfahrsperren vertreten.

Die Zentrale der Automotive-Division von Maxim Integrated befindet sich in Kalifornien, aber die Innovationen im Bereich der Automobil-Elektronik geschehen vor allem in Europa und in Japan. Wie gehen Sie damit um?

Unser Firmensitz befindet sich in San Jose/Kalifornien, aber wir sind sehr verteilt und global organisiert. Wir verfügen über acht Designzentren, die sich mit Automotive-Lösungen beschäftigen: vier davon befinden sich in den USA, vier sind in Europa – zwei in Italien, eines in Graz/Österreich und eines in der Türkei.
Wir haben seit fast sechs Jahren eine globale Vertriebs- und Applikations-Organisation für den Automotive-Markt. Vom Standort München aus leitet Thomas Baumann diese Organisation. Er hat Teams in Europa – vor allem in Deutschland – und in den USA, sowie dedizierte Teams in Japan, Korea und China.

Wie steht es um Ihre MEMS- und Sensor-Aktivitäten?

Im Juli 2011 übernahmen wir das in Graz angesiedelte Unternehmen Sensor Dynamics – vor allem auf Grund seiner MEMS-Sensor-Technologie. Von dort stammt auch unsere Smart-Key-Technologie. Das Team in Graz fokussiert sich auf die Märkte Consumer und Automotive. Dieses Jahr werden wir MEMS-Muster und -Lösungen vorstellen, die aus eigenen Fabs von Maxim Integrated stammen. Das bedeutet, dass wir in diesem Jahr mit der aktiven Vermarktung von Gyroskopen und Beschleunigungsmessern beginnen werden.