Weg mit dem Elektrosmog!

Am Beispiel Gaswerk Simmering der Wiengas zeigt sich die Bedeutung einer präventiven EMV-Systemplanung: Elektromagnetische Störquellen wurden im Vorfeld beseitigt und tragen so seit rund eineinhalb Jahren zu einem hochverfügbaren und damit wirtschaftlichen Anlagenbetrieb bei.

Wenn in Schaltwarten plötzlich die Bildschirme flimmern, die Bilder gar zu kippen beginnen und die Steuerungsautomatik ein ungewolltes Eigenleben entwickelt, weil die Eingänge “gestorben” sind, dann hat das nichts mit einem Computervirus oder sonstigen IT-Würmern zu tun. Störungen dieser Art beruhen auf den Phänomenen der elektromagnetischen Verträglichkeit. Zu dieser Thematik gehören nicht nur die direkte oder indirekte Wirkung des elektromagnetischen Feldes, sondern auch Netzrückwirkungen, Ausgleichsströme und transiente Über- und Störspannungen. All das kann die Anlagenverfügbarkeit beeinträchtigen. Darüber hinaus können erhöhte Werte des elektromagnetischen Feldes ? über einen längeren Zeitraum betrachtet ? die Gesundheit von Mitarbeitern gefährden.
Nicht immer wird der elektromagnetischen Verträglichkeit die gebührende Aufmerksamkeit zuteil. Obwohl die Problematik bekannt ist, wird die Behebung der EMV-Störquellen mancherorts nach dem Floriani-Prinzip auf die lange Bank geschoben. Nicht so das Management der Wiengas, die sich bei der EMV-Planung ihres Gaswerkes Simmering mustergültig verhielt ? und dafür Erfolg erntet. Die Anlage ist seit knapp eineinhalb Jahren in Betrieb. Die Prozesse laufen, auch dank des rechtzeitigen Ausschaltens von EMV-Störquellen, ohne nennenswerte Probleme ab. “Wir haben bis zum heutigen Tag keine Beeinträchtigung unserer Anlagen festgestellt, die wir auf EMV-Einflüsse zurückführen hätten können”, erklärt Dr. Johann Franek, der Leiter der Geschäftsgruppe Allgemeine Dienste bei Wiengas. Oberstes Ziel, so Franek, sei es gewesen, die Stationen (bezogen auf den Lastverteiler in der Leopoldau) nach menschlichem Ermessen so weit zu schützen, dass sie störungsfrei arbeiten: “Uns war klar, dass wir auch auf die elektromagnetische Verträglichkeit ein hohes Augenmerk legen müssen.”

EMV-Maßnahmen für einen sicheren Anlagenbetrieb
Im Wiengas-Auftrag erhoben EMV-Spezialisten des Siemens-Bereiches Industrial Solutions & Services (I&S) die Magnetfeldbelastung der Trafostationen, Schaltanlagen und Kabelverbindungen, bevor im gleichen zweigeschossigen Gebäude die Schaltwarte-, der Rechner- und Prozesssteuerraum eingerichtet wurden. “Wir haben teilweise erhöhte Werte festgestellt, die zu unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten geführt haben”, blickt Projektleiter Günter Lehner zurück. Aufgrund der mit einer speziellen Simulations-Software für jeden Punkt eines Raumes erhobenen EMV-Belastung wurden der ideale Standort für die EDV-Geräte und Monitore ermittelt sowie die Störquellen wirksam abgeschirmt. Lehner: “Zusammen mit dem Anlagenbetreiber haben wir uns für diese Lösung entschieden, obwohl es in der Regel besser ist, die Störsenken ? also die beeinflussten Teile ? abzuschirmen. Das ergibt zumeist die effizientere Lösung.”
Darüber hinaus hat die Messung ergeben, dass für das Bedienpersonal selbst bei unbegrenzter Aufenthaltsdauer in den Räumen keine Gesundheitsgefährdung gegeben war. Die anfangs getroffenen Maßnahmen waren der Wiengas nicht genug. Um zu hundert Prozent auf Nummer sicher zu gehen, wurden die Transformatoren später aus dem Gebäude entfernt und in einem eigenen Gebäude untergebracht. “Wenn ein Trafo unter Volllast arbeitet, dann ist in einer Entfernung von vier bis zehn Metern mit Bildschirmstörungen zu rechnen”, weiß Lehner aus Erfahrung.

Planung spart Kosten
“Elektromagnetische Verträglichkeit lässt sich genau planen”, bringt es Gerhard Berger, vom EMV Service bei Siemens auf den Punkt. “Am besten ist es, wenn das Thema EMV bereits bei der Konzeption einer Anlage mitberücksichtigt wird”, weist er auf das Beispiel Wiengas hin. Die Erfahrung zeige, dass sich der Anlagenbetreiber beträchtliche Kosten spare, wenn er präventiv tätig wird. Berger: “Der Aufwand für die Ursachenfindung und für die notwendige Adaptierungen im nachhinein ist im Schnitt um das Zehnfache höher, als wenn man das Problem aktiv im Vorfeld löst.”
Die EMV-konforme Planung verlangt Fingerspitzengefühl und setzt eine genaue Erfassung des Ist-Zustandes voraus, die einer akribischen Knochenarbeit gleicht ? Berger: “Die meiste Arbeit entfällt auf die Messungen sowie das Beschaffen von Raumabmessungen und der technischen Daten der Geräte.”
Zur Auswertung der Daten benützen die EMV-Experten ein von Siemens entwickeltes spezielles Simulationsprogramm. Damit lässt sich Punkt für Punkt die EMV-Qualität eines Raumes grafisch darstellen, wobei in der Praxis mit unterschiedlichen vorgegebenen Belastungsdaten ein Worst-case und ein Real-case unter der Berücksichtigung der aktuellsten Normen ermittelt wird. Der Vorteil für den Anlagenbetreiber: Er erhält eine detaillierte Kalkulationsgrundlage und kann so die Kosten im Verhältnis zum jeweiligen EMV-Niveau genau ermitteln. Mit Nachdruck verweist Berger auf die steigende Bedeutung der EMV-Systemplanung nicht nur für Anlagen in den Bereichen Industrie, Energie, Verkehr und Infrastruktur, sondern auch in der Gebäudetechnik hin: “Durch den vermehrten Einsatz von elektronischen Komponenten und deren höhere Packungsdichte in der Haustechnik wird hier das Thema EMV immer wichtiger. Derart lässt sich beispielsweise verhindern, dass die verschiedenen Gewerke, etwa die Klima- und Heizanlage, plötzlich ein ungeplantes Eigenleben entwickeln.”
Im Falle von EMV-Störungen bei bereits bestehenden Anlagen kann die Devise nur lauten: Beeinträchtigungen ehestmöglich beheben, um die Anlagen voll in Schwung zu halten.

Siemens
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