Endlos anmutende Mais- und Getreidefelder, Schneemobilfahrten oder die Landwirtschaftsmesse Pennington State Fair: Die Sehenswürdigkeiten in der Kleinstadt Thief River Falls wirken überschaubar und idyllisch. Hier im US-Bundesstaat Minnesota ist die Welt offensichtlich noch in Ordnung. Wochenblätter wie die „Thief River Falls Times“ berichten darüber, dass dank der Gratis-Schulverpflegung nun niemand mehr Hunger leiden müsse oder dass – eine Riesen-Sensation! – die von hier stammende Musikstudentin Brianna Devlow zur Miss Minnesota gewählt wurde. Ansonsten pflegt TRF, wie der Ort oft abgekürzt wird, sein skandinavisches Erbe als „norwegischste Stadt der USA“ im Pioneer-Museumsdorf Peder Engelstad. TRF hat sein eigenes Eishockey-Stadion und wirbt in Werbeanzeigen um Touristen aus dem nahe gelegenen Kanada: „Welcome Canadians“. Doch die Bewohner des Pennington County sind nicht nur zu den Touristen nett; man merkt, dass die Freundlichkeit tief aus dem Inneren kommt.

Digi-Key

Wilkommen in Thief River Falls, der Heimat von Digi-Key, der Miss Minnesota 2017 und den Girls State Hockey Champions 2015. Alfred Vollmer

Taxifahrer, Ladenbesitzer oder Hotelangestellte sind hier, in den nördlichen Ausläufern des Mittleren Westens der USA, besonders herzlich. „Minnesota nice“ nennt das Jim Riccardelli, der als Vice President of Digital Business bei Digi-Key arbeitet. Der Elektronik-Distributor ist aus dem Kleinstadtleben so wenig wegzudenken wie der regelmäßig stattfindende Farmer’s Market – und das nicht nur, weil er mit ungefähr 3200 Arbeitsplätzen vor dem Schneemobil- und Quadhersteller Arctic Cat der wichtigste örtliche Arbeitgeber ist.

Das vor 45 Jahren vom lokalen Elektroingenieur Ronald Stordahl gegründete Unternehmen ist mittlerweile dermaßen gewachsen, dass die dazugehörigen Bürogebäude, Lagerhallen und Logistikgebäude in der rund 8800 Einwohner zählenden Stadt kaum zu übersehen sind. In 173 Länder liefert Digi-Key seine Komponenten von seinem Zentrallager aus. Jim Riccardelli ist als Vice President of Digital Business zusammen mit rund 100 Mitarbeitern zuständig für das globale Marketing, das vor allem über eine globale Website abgewickelt wird.

Minnesota nice aus Prinzip

„Wir sind nicht nur ein großer Teil der Stadtgemeinschaft“, sagt Jim Riccardelli. „Die Stadtgemeinschaft ist auch ein großer Teil von uns.“ Viele der Mitarbeiter seien auf Farmen aufgewachsen und brächten ein beeindruckendes Arbeitsethos mit; manchmal seien Eheleute oder ganze Familien im Unternehmen beschäftigt. „In dieser ländlichen Gegend wollen die Menschen nicht weg, hier leben schließlich ihre Familien“, erklärt er. Selbst diejenigen, die es zum Studieren oder für den Berufseinstieg erst einmal in größere Städte zieht, kämen häufig später zur Familiengründung wieder zurück nach Minnesota.

Bildergalerie
Wo heute noch ein Parkplatz ist, soll in Kürze eine weitere riesige Halle stehen. Ohne Fisheye-Objektiv hätte der Parkplatz nicht ins Foto gepasst.
Mitarbeiter des Distributors machen es sich während ihrer Pause in der Chill-out-Area gemütlich.
In der CSI Digi-Key werden Verbesserungsvorschläge angenommen - allerdings nicht, wie man vermuten könnte, von Horatio Caine.
Im Digi-Store können Mitarbeiter Kleidung auch mit den sogenannten Digi-Buchs bezahlen.
Auf den ersten Blick nicht weniger endlos als Getreidefelder in Minnesota: das Lager von Digi-Key.
Am Ende des langen Förderbands wandern viele Pakete direkt in Luftfrachtcontainer.
Erinnerung an das indainische Erbe in Thief River Falls: Der "Thief River" wurde von Ojibwe- und Dakota-Stämmen so benannt. Bis 1904 bestand ein indianisches Dorf an der Mündung von dem Thief River und Red Lake River.
Der Regional Airport Thief River Falls ist per Kleinflugzeug an die Großstadt Minneanapolis angebunden.
Digi-Key

„Die Loyalität geht bei uns in beide Richtungen“, beschreibt Jim Riccardelli die Wechselbeziehung von Digi-Key zu seinen Angestellten. Chefredakteur Alfred Vollmer hört zu. Alfred Vollmer

Entsprechend lohne es sich für das Unternehmen, in das Training oder auch die Ausbildung der Mitarbeiter zu investieren – das Wissen bleibt ja aller Voraussicht nach in der Firma. Digi-Key gilt als sicherer Arbeitgeber, da das Unternehmen fest zu seinen Arbeitnehmern steht. Das hat sich auch bei der Krise im Jahr 2009 gezeigt, wo Digi-Key es schaffte, vollständig auf konjunkturbedingte Kündigungen zu verzichten, während es andernorts zu Massenentlassungen kam. Außerdem bietet das Unternehmen seinen Arbeitnehmern Krankenversicherungen und unterstützt künftige Arbeitnehmer, die von weiter weg nach Thief River Falls ziehen, nicht nur bei der Wohnungssuche, sondern auch finanziell. „Die Loyalität geht bei uns in beide Richtungen“, sagt Riccardelli. Gefördert wird das Gemeinschaftsgefühl auch durch die Digi-Bucks, eine hausinterne Währung, mit der Mitarbeiter für besondere Leistungen belohnt werden. Damit können sie nicht nur in der Kantine bezahlen, sondern auch auf dem lokalen Farmer’s Market.

Digi-Key

Cubicles soweit das Auge reicht: Der Durchschnittseuropäer wäre mit der Orientierung innerhalb der Arbeitsplätze überfordert. Alfred Vollmer

Ein wenig von dem Aufgehobensein ist in den – normalerweise in den USA äußerst eintönigen –  Cubicles zu spüren, den abgetrennten Arbeitsplätzen im Großraumbüro. Bei Digi-Key herrscht trotz der einheitsgrauen Wände und Einheitsabmessungen in den Cubicles mitunter Wohnzimmeratmosphäre, denn die Mitarbeiter haben es sich oft auf sehr persönliche Weise eingerichtet: Mal wird in violett der Football-Mannschaft Minnesota Vikings gehuldigt, mal ein signierter Football postiert, wieder andere haben ihre Familie mit nicht weniger als zwanzig Fotos verewigt, und wer glühender Star-Wars- oder Elvis-Fan ist, der zeigt dies mitunter auch durch entsprechende Cubicle-Deko. Doch die Individualisierung dient auch einem pragmatischen Zweck. Sie erleichtert die Orientierung in einem Großraumbüro, das die Redaktion in seinen Dimensionen durchaus an eines der Getreidefelder in Minnesota erinnert. Der normale Durchschnittseuropäer wäre hier ohne digitale Indoornavigation wohl hoffnungslos verloren.

 

Auf der nächsten Seite geht es unter anderem um ein Erfolgsgeheimnis namens Endlosband.

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