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Unsere Organisation ist an den Kunden- und Marktbedürfnissen ausgerichtet und unser Produktportfolio ist weltweit gefragt.
Eine unserer Stärken ist das  internationale Kombinieren.

Bosch Rexroth hat im letzten Jahr einen Wandel eingeleitet und seine Unternehmens-Organisation an den Kunden- und Marktbedürfnissen ausgerichtet. Hat sich dies ausgezahlt?

Die Zahlen bestätigen, wir haben die Weichen richtig gestellt  – Unsere Organisation ist konsequent an den Kunden- und Marktbedürfnissen ausgerichtet und unser Produktportfolio ist weltweit gefragt. Die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Alles zusammen führte uns seit Mitte 2010 wieder auf einen starken Wachstumskurs. Wir haben den Umsatz im Vergleich zu 2009 um 22 % auf rund 5,1 Milliarden Euro gesteigert. Beim Auftragseingang haben wir eine noch größere Steigerung erreicht – Mit rund 6 Milliarden Euro übertraf der Auftragseingang den Vorjahreswert um mehr als das Doppelte. Das heißt, wir sind klar auf Wachstumskurs. Bosch Rexroth hat weiter Marktanteile gewonnen. Das Erreichen alter Rekordstände kommt damit schneller wieder in Sicht als noch vor einem Jahr gedacht. Was mich auch stolz macht, ist dass wir mit unserer Kernmannschaft durch die Krise gegangen sind. In Deutschland haben wir unsere Mitarbeiterzahl mit etwa 18?200 nahezu konstant gehalten. In Asien sind inzwischen 5.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beschäftigt.

Kann bei diesem Umsatzplus darauf zurückgschlossen werden, dass Sie dieses Jahr die 6-Milliarden-Euro-Hürde knacken werden?

Also erstmal ist zu sagen, dass alle unsere Businessunits sehr positive Ergebnisse geliefert haben. Wenn ich von einem starken Wachstumskurs spreche, meine ich ein zweistelliges Wachstum und denken, dass wir in die Gegend das Vorkrisen-Niveaus kommen werden. Ob wir das schlagen können, wird das Jahr zeigen.

Ist dies auch ein Spiegel für die der regionale Verteilung der Umsätze?

Es macht eher deutlich, wie sehr sich die weltweiten Märkte verschoben haben. Wir konnten unseren Umsatz in Asien um 38 % steigern. Ein Großteil dieses Wachstums kommt aus China, unserem mit Abstand größten Einzelmarkt außerhalb Deutschlands. Auch in Indien haben wir den Umsatz um 48 % gesteigert. So sehen wir auch die höchste Wachstumsdynamik in den nächsten Jahren im asiatisch-pazifischen Raum. Aber auch Nord- und Südamerika entwickeln sich erfreulich, obwohl wir aber erkennen müssen, dass in den USA der Industriemarkt schrumpft. Zwar hat die USA als größter Einzelmarkt mit einer Umsatzsteigerung von 30 % erheblich zum Gesamtwachstum des Marktes in Nord- und Südamerika beigetragen, doch ist ein starker Trend zum Offshoring nach Asien und Südamerika zu erkennen. Sehr positive Entwicklungen zeichnen sich in Brasilien ab – um 64 % ist dort unser Umsatz gestiegen. In Europa bietet sich ein gemischtes Bild. Treiber ist Deutschland mit 18 % Wachstum. Hier spiegelt sich die gute Maschinenbau-Konjunktur wider. Allerdings erleben wir auch hier eine Verlagerung des Umsatzes von Deutschland nach Asien. Denn unsere deutschen Kunden produzieren zunehmend in Asien und wollen lokal beliefert werden. In Europa ohne Deutschland stieg der Umsatz nur um rund 9 %. Hier hat die Erholung noch nicht an Fahrt gewonnen.

Technik im Detail: Just-enough-Strategie

Wie oft nutzen Anwender die Möglichkeiten moderner Technik wirklich aus? In der Realität kaufen sie häufig viele Leistungsmerkmale, die sie nur zu einem Bruchteil ausschöpfen. In der Industrie findet aktuell gerade in Schwellenländern ein neuer Ansatz immer mehr Verbreitung: Just-enough, gerade genug Leistung für die eigentliche Aufgabe, heißt die Devise. Auch deutsche Ausrüster, oft für German Overengineering gescholten, stellen sich darauf ein.
In der Fabrikautomation ist eine Entwicklung in zwei Richtungen zu erkennen: Während beispielsweise die Automobilindustrie bei Maschinen für die Fertigung von Kernprodukten wie Motoren weiter auf Höchstleistung setzt, sind in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien in den vergangenen Jahren zehntausende kleine und mittelständische Zulieferer entstanden. High-end-Lösungen gehen völlig an deren Bedarf vorbei: Zu teuer, zu kompliziert und technisch auch gar nicht notwendig. In diese Lücke stoßen deutsche Automatisierungshersteller vor. „Auf der einen Seite darf die Lösung keinerlei überflüssige Leistungsreserven haben, um wirtschaftlich mithalten zu können, auf der anderen Seite erwarten die Anwender trotzdem Genauigkeit auf tausendstel Millimeter“, umreißt Dr. Karl Tragl, Vorstandsvorsitzender von Bosch Rexroth, die Herausforderung.
Der Trend zu Just-enough-Konzepten hat auch bei deutschen Produktionsplanern Anklang gefunden. In hochautomatisierten Fertigungsstraßen setzen sie oft aufwendig bis ins letzte Detail einzeln durchkonstruierte Handhabungssysteme ein. Auch hier bieten sich wirtschaftlichere Lösungen an. Etwa Baukästen, die 90 % der Aufgaben durch die Kombination von Standardbauteilen abdecken. Das ist preiswerter und verkürzt die gesamte Planung und den Aufbau von Montage- und Handlingsystemen.
Dass der Trend nicht aufzuhalten ist, zeigt bereits seit einiger Zeit die Computerbranche. Bisher eher bekannt für immer leistungsstärkere Modelle, bringt sie längst neue Produktklassen mit anderen Schwerpunkten auf den Markt. Auf Internet-Anwendungen optimierte Netbooks und Tablet-PCs gewinnen Marktanteile auf Kosten wesentlich leistungsfähigerer PCs und Notebooks. In den Elektronikmärkten haben sich die Verbraucher bereits millionenfach für anwendungsgerechte Technik entschieden: Genug ist genug – auch in der Fabrikautomation der Zukunft.

Was sind die wichtigsten Entwicklungen in den einzelnen Geschäftsfeldern?

Weltweit herrscht eine starke Nachfrage nach mobilen Arbeitsmaschinen für die Bau- und Landwirtschaft. Da in den Schwellenländern der Wohlstand und damit die Nachfrage nach Infrastruktur und Wohnraum wächst, wird sich dies fortsetzen. Gleichzeitig steigt die Mechanisierung der Landwirtschaft. Dies ist sicher ein Grund, warum die Business Unit Mobile Applications das größte Wachstum erreicht hat. Eine wesentliche Rolle spielt dabei der fortschreitende Technologiewandel. Zum Beispiel erfordert ‚Tier 4 Final‘ neue Systemlösungen. ‚Tier 4 Final‘ ist die Abgasnorm, nach der sich bis 2014 die Welt der mobilen Arbeitsmaschinen neu ausrichten muss. Die Business Unit Industrial Applications hat die zweitgrößte Wachstumsrate. Ein besonders starkes Wachstum ist in den Branchen Solar, Semicon sowie Montage und Handling. Gleichzeitig herrscht hier auch ein rasanter Technologiewandel – Hersteller und Anwender erwarten immer häufiger mechatronische Lösungen aus einer Hand. Die Business Unit Renewable Energies bietet Getriebe, Antriebslösungen und Dienstleistungen für das Marktsegment Windenergie. Den starken Einbruch dieser Industrie haben auch wir gespürt. Allein in Deutschland ist die installierte Aufstellleistung um 19 % zurückgegangen. Mittelfristig sehen wir aber positive Perspektiven für die Windenergie. Neben der Windenergie bauen wir uns mit der Meeresenergie ein zweites Standbein auf.

Welche geänderten Marktanforderungen sehen Sie mittelfristig auf sich zu kommen?

Kurz und knapp gesagt, sehen wir neue Geschäftsmöglichkeiten durch die Regionenverschiebung und durch die Branchendifferenzierung. Aber auch der fortschreitende Technologiewandel wird zum Markttreiber. Und darauf sind wir vorbereitet.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen?

In der Fabrikautomation verschmelzen die verschiedenen Antriebs- und Steuerungstechnologien. Wir schaffen mechatronische Komplettlösungen. In unserem Baukasten für Handhabungssysteme – dem Easyhandling – bieten wir die freie Auswahl zwischen elektromechanischen und pneumatischen Antrieben. Wir bieten identische Baumaße. Durch ein neues Busmodul kommunizieren beide Technologien über Sercos III mit der Steuerung. Eine erhebliche Vereinfachung für das Engineering. Auch für Windenergieanlagen haben wir auf Anforderungen reagiert. Mit der Pitchverstellung dreht eine Windanlage die bis zu 70 m langen Rotorblätter in einen optimalen Winkel zur Windrichtung. Bei Sturm drehen die Pitchantriebe die Rotorblätter in eine senkrechte Fahnenstellung. Dafür bieten wir elektrische, hydraulische und hybride Systemlösungen. Alle Varianten sind redundant ausgelegt. Sie verfügen über genügend Reserveenergie, um auch bei Stromausfall die Rotorblätter in eine sichere Stellung zu bringen.

Wie wirkt sich die die regionale Marktverschiebung aus?

Zukünftiges Wachstum wird vor allem in Asien und Südamerika erwirtschaftet. Bosch Rexroth baut deshalb in diesen Regionen weitere Fertigungs- und Entwicklungskapazitäten. Im indischen Ahmedabad wurde der Grundstein für ein neues Werk gelegt. In Xi’an haben wir im vergangenen Jahr unser drittes Werk in China eröffnet und in Pomerode, Brasilien, die Fertigung erweitert. Durch unsere neue lösungsorientiertere Organisation verbinden wir unsere internationalen Standorte  –  So ist unser Know-how und unsere Technologie vor Ort verfügbar. Wir sicheren aber dadurch auch gleichzeitig unsere Arbeitsplätze in Deutschland, was unsere Mitarbeiterzahlen belegen. Eine unserer Stärken ist das internationale Kombinieren. Schauen Sie, China ist der weltgrößte Markt für Werkzeugmaschinen und unsere chinesischen und deutschen Entwickler haben gemeinsam ‚Just enough‘-Produkte zugeschnitten auf diesen Markt entwickelt. Ob die Steuerungs- und Antriebslösung Indramotion MTX Micro oder ein kompaktes Hydraulikaggregat, keines der beiden Produkte hätten wir allein aus Deutschland heraus so fokussiert auf chinesische Kunden ausrichten können. Die chinesischen Entwickler andererseits hätten ohne ihre Kollegen aus Deutschland die Vorteile unserer Plattformen nicht ausschöpfen können. Erst durch internationale Zusammenarbeit hat Bosch Rexroth den Einstieg in dieses Marktsegment geschafft.

Wenn Sie gerade das Thema Entwicklung ansprechen. Wieviel investiert Bosch Rexroth in die Entwicklung?

2010 investierten wir mehr als 260 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung. Damit lag die F&E-Quote im Branchenvergleich auf überdurchschnittlichen 5,3 %. Innerhalb unseres weltweiten Verbunds arbeiten deutsche Entwickler eng mit ihren Kollegen in Asien und Amerika zusammen. In Deutschland entwickelte Plattformen, Produkte und Lösungen werden an die besonderen Anforderungen der jeweiligen Regionen angepasst.

Wenn Sie eine Wachstumsprognose für China und Asien abgeben könnten, wie lange dauert es bis diese Region zum größten Absatzmarkt geworden ist?

Wenn man Teilmärkte betrachtet, dann ist Asien bereits heute schon der größte Absatzmarkt – ob das die Automatisierung ist oder einzelne Produktlinien daraus. Was das Wachstum betrifft, da bin ich mir sicher, dass unsere chinesische Landesgesellschaft einmal die Umsatzstärkste sein könnte. Die deutschen Kollegen werden aber alles dafür tun, sich diesen Platz nicht streitig machen zu lassen. Ein firmeninterner Wettkampf, den ich aber auch so begrüße.

Zehn Jahre Bosch Rexroth – wie sieht das Unternehmensfazit aus?

Bosch Rexroh ist einer der wenigen positiven Firmenzusammenschlüsse, die es in den letzten zehn Jahren gegeben hat. Hier sind verschiedene Unternehmen und Technologien zusammen gekommen, die ein erfolgreiches Unternehmen geformt haben, wie sie es an den Zahlen zu erkennen ist. Zudem haben wir es geschafft, mit der Kernmannschafft durch eine der schwersten Krisen zu kommen und damit sind in Summe die letzten zehn Jahre, aus meiner Sicht positiv zu sehen. Und ich freue mich auf weitere erfolgreiche zehn Jahre.

 

Das Interview führte Harald Wollstadt,
Chefredakteur IEE