Wie verläuft die Zertifizierung von Automatisierungskomponenten im Bereich Schifffahrt?

"Das Schiff ist eine schwimmende Insel, die völlig autark arbeitet, " erklärt Michael Münkner, Section Manager Sales Industrial Technology und Referent für das Thema Schiffbau bei Phoenix Testlab.

„Das Schiff ist eine schwimmende Insel, die völlig autark arbeitet, „ erklärt Michael Münkner, Section Manager Sales Industrial Technology und Referent für das Thema Schiffbau bei Phoenix Testlab. Phoenix Testlab

Das Problem besteht darin, dass es den typischen Zertifizierungsprozess nicht gibt. Sicher existieren grundsätzliche Anforderungen an die bereitgestellten Dokumente und auch Prüfpläne, jedoch müssen die Hersteller genau unterscheiden, ob sie eine Einzelkomponente, eine Produktfamilie oder ein System zulassen möchten. Dementsprechend ist die richtige Einreichungs- und Prüfstrategie zu wählen. Oft entwickelt sich die Vorgehensweise allerdings erst im Projektverlauf und es kann auch erforderlich sein die Strategien zu wechseln beziehungsweise anzupassen. Auch wenn die Prüfungsanforderungen und die Bewertung der Prüfergebnisse der einzelnen Klassifizierungsgesellschaften ähnlich sind, können geringe Abweichungen in der Auslegung der Prüfanforderungen durch die Klassen zu einem K.-o.-Kriterium für das Erreichen von einzelnen Zertifikaten werden. Da grundsätzlich nur Serien-Produkte in die Zertifizierung gehen, erweist es sich oft als vorteilhafter, bestimmte Zertifikate zunächst auszuklammern, um einen kostspieligen Änderungsaufwand der geprüften Produkte zu vermeiden.

Welche Maßnahmen sollten Hersteller ergreifen bzw. welche Besonderheiten sollten sie beachten, damit ihre Produkte für die Schifffahrt zertifiziert werden können?

Auf der einen Seite sind zunächst die Anforderungen der Klassifizierungsgesellschaften an die erforderlichen Prüfungen zu berücksichtigen, welche die einzelnen Klassifizierungsgesellschaften detailliert beschreiben. Als Übersicht kann man sich zudem am International Association of Certification Societies (IACS) E10-Papier orientieren. Dabei müssen sich Hersteller bewusst machen, dass ein ausgestelltes Zertifikat die Baumusterprüfung bestätigt. Das heißt, Produktänderungen sind grundsätzlich anzeigepflichtig und sollten mit den Klassifizierungsgesellschaften rechtzeitig diskutiert werden, um zu vermeiden, dass das Zertifikat seine Gültigkeit verliert. Außerdem ist zu beachten, dass vor der Erteilung des Zertifikates der gesamte Fertigungs- und Qualitätsmanagementprozess eines Unternehmens beurteilt wird. Hier behalten sich die Klassifizierungsgesellschaften vor, in regelmäßigen Abständen Fertigungsstätten zu inspizieren.

Welche Parameter einer bisher für die Industrie ausgelegte Automatisierungskomponente ändern sich bei der Schiffszulassung?

Elektrodynamische Schwingungsanlage Shaker für Prüfungen im Bereich Vibration und mechanischer Schock. Im Hintergrund: eine Kammer zur Temperaturüberlagerung

Elektrodynamische Schwingungsanlage Shaker für Prüfungen im Bereich Vibration und mechanischer Schock. Im Hintergrund: eine Kammer zur Temperaturüberlagerung Phoenix Testlab

Das Schiff ist eine schwimmende Insel, die völlig autark arbeitet. Das bringt zwar Unabhängigkeit im Betrieb, stellt aber auch hohe Ansprüche an die eingesetzten Komponenten. So können beispielsweise Schwankungen der Netzversorgung deutlich ausgeprägter als auf dem Land auftreten – und Störsignale, auch sehr niederfrequente, die von elektronischen Geräten ausgehen, breiten sich in allen Systemen aus. Darüber hinaus sind die Komponenten ständigen Vibrationen ausgesetzt, verursacht durch den Schiffsantrieb und Generatoren. Zudem stellt der Betrieb des Schiffs, vom Polarmeer bis zum Äquator, Anforderungen an die klimatischen Eigenschaften der eingesetzten Komponenten.

Können Sie die Herausforderungen beim Upgrade einer Industrie-Steuerung auf eine Schiffszulassung kurz skizzieren?

Die größte Herausforderung entsteht, wenn die Prüfungsanforderungen während der Entwicklungsphase nicht berücksichtigt wurden. Oft ist dann, wenn es während der Zulassungsprüfung zu Problemen kommt, ein Redesign der Hardware erforderlich. Das wiederum kann sich auf Zulassungen anderer Marktsegmente, wie z. B. den US-Markt (UL-Zulassungen) auswirken.

Worin bestehen konkret die Schwierigkeiten?

Die für die Schiffszulassungen geforderten Prüfungen weichen zum Teil erheblich von denen ab, die Hersteller an ihren Produkten für den Einsatz in der Industrie durchführen. Beispielsweise bei der CE-Konformität in der Industrieelektronik. Wesentlicher Bestandteil hierin ist die Einhaltung der aktuellen EMV-Richtlinie und der Niederspannungsrichtlinie. Umweltsimulationsprüfungen sind nur dann erforderlich, wenn sie Bestandteil einer Produkt- bzw. Produktfamiliennorm sind. Es ist immer wieder überraschend mit anzusehen, welche Schäden etwa eine 90-minütige Resonanzverweilprüfung mittels Schwingungsanlage bei Industrieprodukten verursacht.

Was die häufigstgen Fehler sind und worin sich die Klassifizierungsgesellschaften unterscheiden, lesen Sie auf Seite 2.

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