„In der HF-Messtechnik bestehen gute Wachstumspotenziale für National ­Instruments.“ Dr. James Truchard

„In der HF-Messtechnik bestehen gute Wachstumspotenziale für National ­Instruments.“ Dr. James Truchard

Dr. Truchard, wie teilt sich die Umsatz-Milliarde eigentlich auf die verschiedenen Produktsegmente auf?

Das werden wir sehr oft gefragt. Und die Wahrheit ist: Eigentlich ist das gar nicht entscheidend, es liegt eher in der Natur unseres plattformbasierten Ansatzes begründet. Man kann die NI-Software- und -Hardware-Plattformen für die RF-Messtechnik, High-End-Großexperimente, wie die am Kernfusionsreaktor Iter oder am Cern, zur Prüfstandsautomation oder auch nur als PC-basierte Mess- und Steuerlösungen nutzen. Was auch immer realisiert werden soll, man kann es mit unserer Software und den verschiedenen Hardware-Plattformen wie PXI oder CompactRIO realisieren, beispielsweise nichtlineare Regelungen oder die Nutzung von Bildern eines Kamerasystems als Eingangsgrößen.

Sie betonen immer wieder die Hochfrequenztechnologien. Und die aktuellsten Übernahmen deuten auf eine Ausrichtung von NI auf dieses Technologiefeld hin. Welche Strategie verfolgen Sie damit?

Unser Ziel ist es, als Unternehmen zu wachsen. Im Test- und Measurement-Business macht bei großen Aufträgen inzwischen die RF-Kommunikation einen ziemlich großen Anteil aus. Schließlich haben immer mehr Geräte inzwischen RF-Komponenten – in Extremfällen bis zu fünf unterschiedliche. Diese müssen natürlich bei der Entwicklung in die Geräte integriert und während der Produktion getestet werden.

Wenn wir also auch in Zukunft weiter wachsen wollen, muss auch National Instruments Mess- und Prüftechnik für Hochfrequenzkomponenten anbieten. Wir müssen da mit unseren Märkten gehen, zumal hier eine gute Möglichkeit für weiteres Wachstum besteht. Mit unserem neuen Ansatz der ‚Software-designed Instrumentation‘ läuten wir ein neues Zeitalter in der Hochfrequenztechnik ein. Mit dieser neuen Messgeräteklasse von NI kann der Nutzer – und nicht wie bisher nur der Hersteller – die Funktionalität seines Messgeräts selbst bestimmen und ganz individuell entsprechend seiner Anwendung zuschneiden.

Was sagen Sie Ihren angestammten Kunden?

Sie können wie bisher mit unserer Plattformstrategie Mess- und Prüftechnik mit Steuerungs- und anspruchsvoller Regelungstechnik kombinieren – von Standardmessungen über integrierte Bildverarbeitung und bei Bedarf bis in den HF-Bereich. Diese Möglichkeiten bietet im Markt sonst niemand außer National Instruments.

Und das ist der Status quo?

Das funktioniert bereits. Natürlich bauen wir das immer weiter aus, verbessern die Funktionalität und steigern die Leistungsfähigkeit. Das betrifft sowohl die Messtechnik als auch die Steuer- und Regelungstechnologien, etwa hinsichtlich der Einsatzgebiete, wie auch Geschwindigkeit und Synchronisation.

Führt die Konzentration auf RF dazu, dass NI nun die Aktivitäten im Embedded-Umfeld zurückfährt?

Als uns die ersten Anwender im industriellen Umfeld vor einigen Jahren erklärten, dass sie mit unseren Produkten ihre Aufgaben und Probleme gut lösen können, haben wir darauf zugeschnittene Produkte entwickelt, etwa NI CompactRIO. Daran ändert sich auch in Zukunft nichts. Im Gegenteil: Parallel zu den RF-Aktivitäten bauen wir auch die Industrial-Embedded-Aktivitäten weiter aus. Wie konsequent wir das tun, haben wir erst vor Kurzem wieder auf der NI Week mit unserem softwaredesignten Controller der neuen Generation, dem NI cRIO-9068, unter Beweis gestellt. In diesem Zusammenhang investieren wir massiv in die Zeitsynchronisation. Hier setzen wir auf das sogenannte White-Rabbit-Projekt des Cern, das über eine Entfernung von 10 km Aktionen im Nanosekundenbereich synchronisiert. Wir haben jetzt damit begonnen, diese Technologie in unsere Embedded-Plattform zu integrieren.

Und haben Sie jetzt alle Technologien zusammen, um im RF-Segment bestehen zu können?

Momentan sieht es ganz danach aus. Aber wir entdecken immer wieder interessante Firmen, deren Lösungen uns Anregungen geben, unser Technologiespektrum zu erweitern. Die Technologie beziehungsweise das Know-how ist stets der Hauptgrund, eine Übernahme oder Beteiligung an einer Firma anzustreben.

Wenn Sie weiter in die Zukunft blicken, wie wollen Sie die zweite Milliarde knacken, nur mit RF als neuem Markt?

Im Bereich Test und Messtechnik ist AT (Automated Test) neben der Hochfrequenztechnik ein weiterer großer Markt. Aufgrund unseres Plattformkonzepts mit einer sehr schnellen Synchronisation sind wir auch bei AT konkurrenzfähig, was das automatische Testen von Komponenten und Systemen, Smartphones, Verstärkern und Basisstationen betrifft.

Was ist eigentlich mit dem riesigen Gebiet der Sensoren? Kein Thema für NI, hier aktiv zu werden?

Die Frage stelle ich mir auch immer wieder, weil das wirklich ein wichtiges Glied in der Messtechnikkette ist – noch dazu ein großes. Allerdings habe ich für mich selbst noch keine Antwort darauf gefunden, wie sich die gesamte Sensortechnologie weiterentwickeln wird. Sicher ist, dass auch hier die RF-Technologie eine große Rolle spielen wird. Für die Anbindung von Sensoren ­haben wir ja – seitdem es NI gibt – schon die passende Plattform zur Erfassung, Analyse und Darstellung.

Letzten Herbst demonstrierte NI auf dem alljährlichen Technologie- und Anwenderkongress Virtuelle Instrumente in der Praxis eine Design-Studie, wie die grafische Programmierung auf einem iPad aussehen könnte. Wurde das Projekt schon etwas konkreter?

Apple verbietet bis dato, irgendeine Programmiersprache auf dem iPad zu betreiben. Der Grund ist einfach: Apple will die Kontrolle über sein Ökosystem behalten. Daher haben wir derzeit ausschließlich Apps wie das Data Dashboard for Labview für die Datenauswertung verfügbar. Parallel dazu untersuchen wir die Möglichkeiten, auch ein iPad wie ein Tablet für die Programmierung zu nutzen. Wir sind hier auf einem guten Weg, zumal die ersten Versionen von Labview anfangs, das heißt in den 1980er Jahren, auf Mac-Rechnern liefen. Eine dieser Möglichkeiten haben wir letzten Herbst auf dem VIP-Kongress gezeigt, wie sich mit dem Finger Diagramme zeichnen und die virtuellen Instrumente verbinden lassen. Bestandteil der aktuellen Version Labview 2013 sind diese Features allerdings noch nicht.