Nach einem bislang noch rückläufigen Geschäft erhofft sich die deutsche Automatisierungsindustrie im Jahresverlauf eine konjunkturelle Wende. „Wir befinden uns zur Zeit in der Talsohle. Aber wir sind zuversichtlich, dass das Geschäft im zweiten Halbjahr wieder anzieht und den Rückgang des ersten Halbjahres weitgehend kompensiert,“ prognostiziert Helmut Gierse, Vorsitzer des Fachverbandes AUTOMATION im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) e. V. Insgesamt werde die Automatisierungsindustrie aber in diesem Jahr noch mit einem leichten Minus abschließen. Nachhaltig günstigere Perspektiven sieht Gierse allerdings erst ab 2003.


Im vergangenen Jahr war die Branche zunächst mit deutlichem Wachstum gestartet. Im Laufe des Jahres verringerte sich dieses Wachstum jedoch kontinuierlich und führte insbesondere im vierten Quartal zu einem drastischen Einbruch. In Summe konnte die Automatisierungsindustrie mit 25,1 Mrd. € im Jahr 2001 nur noch 1,5 Prozent Wachstum verbuchen nach nahezu zwölf Prozent im Jahr zuvor.


Das Branchenwachstum basierte auf dem Produktionsplus von vier Prozent in der Fabrikautomation, dem mit 56 Prozent Anteil größten Bereich. Die Prozessautomatisierung (34 Prozent Anteil) und die Utility Automation (zehn Prozent Anteil) hatten zum Jahresende einen Rückgang von zwei bzw. einem Prozent zu verzeichnen. Die Beschäftigtenzahl konnte im Jahr 2001 trotz des Konjunktureinbruchs noch auf dem Vorjahresniveau von 229.000 Mitarbeitern gehalten werden.


Exporte insbesondere nach Mittel- und Osteuropa gestiegen


Die wesentlichen Antriebskräfte für die Automation kamen auch 2001 wieder aus dem Export. Nach ZVEI-Angaben konnten die Ausfuhren im zurückliegenden Jahr nochmals um acht Prozent auf 17 Mrd. € gesteigert werden. Die Exportquote lag damit bei über zwei Drittel. Gut die Hälfte der deutschen Ausfuhren ging in den europäischen Raum, elf Prozent nach Mittel- und Osteuropa sowie Südostasien und zehn Prozent in die USA. Die Ausfuhren nach Mittel- und Osteuropa sowie Südostasien sind mit über 19 bzw. über 16 Prozent Zuwachs besonders stark angestiegen.


Der Weltmarkt der elektrischen Automatisierungstechnik liegt den Schätzungen des ZVEI zufolge bei 180 Mrd. €. Der deutsche Anteil an der Weltmarktproduktion lag 2001 bei 14 Prozent und der der Europäischen Union insgesamt bei gut einem Drittel. Damit liegt Europa deutlich vor Japan mit einem Anteil von 26 Prozent. Den größten Anteil an der Weltproduktion haben nach wie vor die USA mit 36 Prozent.


Automatisierung der Geschäftsprozesse und Flexibilisierung der Automation sind Trends


Mittel- und langfristig sieht Gierse noch erhebliche Wachstumspotenziale, denn die deutsche Automatisierungstechnik ist technologisch für die Zukunft gut gerüstet. Im Trend seien in diesem Jahr verstärkt flexible Automatisierungslösungen, die den Abnehmerindustrien eine Umstellung an die sich rasch wechselnden Kundenbedürfnisse erleichtern. Dabei erweitert sich die Automatisierung der Produktion hin zur Automatisierung von Geschäftsprozessen, die die gesamte Wertschöpfungskette einschließlich vor- und nachgelagerter Geschäftsprozesse umfassen. Dies erfordert eine einheitliche Kommunikationstechnik, die eine Beherrschung der Datenströme über alle Grenzen bisheriger IT-Inseln und über sämtliche Unternehmensebenen hinweg erlaubt. Und hierbei spielt das Internet eine zunehmend wichtige Rolle wie zum Beispiel beim Einleiten von Aufträgen oder bei „remote“-Service- und Wartungsmaßnahmen an der Anlage.


Einer durchgängigen Datenkommunikation in heterogenen Automatisierungslösungen ist man mit der OPC DX-Schnittstelle einen Schritt näher gekommen. Zur Hannover Messe 2002 haben Firmen erste Prototypen von Produkten mit OPC DX-Funktionalität angekündigt. Sie ermöglicht einen herstellerübergreifenden Datenaustausch. Erstmals vorgestellt wurde das OPC DX-Konzept von der „non-profit-Organisation“ OPC im September letzten Jahres.


Als eine weitere Innovation beginnt sich die FDT/DTM-Technologie als ein Industriestandard durchzusetzen. Sie definiert die Schnittstelle (DTM – Device Type Manager) zwischen gerätespezifischen Softwarekomponenten und dem Engineeringsystem der Leitsystemhersteller. Die FDT/DTM-Technologie überträgt damit das aus der Office-Welt bekannte Prinzip der Integration von Geräten verschiedener Hersteller mittels geeigneter Treiber auf Automatisierungssysteme. Das FDT-Konzept (Field Device Tool-Konzept) fußt auf einer ZVEI-Initiative. Um die weitere Verbreitung dieser Spezifikation zu unterstützen hat die Profibus Nutzer Organisation dem ZVEI im Dezember letzten Jahres die Rechte der Technologie zur allgemeinen Nutzung übertragen.


Durch die fortschreitende Verschmelzung von Automation und Informationstechnik eröffnen sich nach Auffassung des ZVEI im Bereich E-Business die Plattform für neue Geschäftsmodelle, auch wenn die Phase der Euphorie bezüglich der New Economy vorbei sei. Es seien noch einige technische Hürden zu überwinden sowie einige rechtliche Fragen zu klären, aber auf lange Sicht führe beispielsweise an E-Commerce kein Weg vorbei.


Voraussetzung, damit E-Commerce zur Rationalisierungen der Geschäftsprozesse beitragen kann, ist ein gemeinsamer Beschreibungsstandard. „Hier sind die Verbände gefordert“, betonte Dr. Gunter Kegel, Vorstandsmitglied des ZVEI-Fachverbandes AUTOMATION auf der Hannover Messe 2002. In der Zusammenarbeit der Initiativen „ETIM“ und „eCl@ss“ sieht er einen wichtigen Schritt beim Aufbau eines Beschreibungsstandards. „Sind diese Beschreibungsstandards und deren vollständige Integration in die EDV-Systeme von Kunde und Lieferant erst einmal etabliert, lassen sich auch wieder Freiräume für neue Geschäftsmodelle wie E-Bidding oder E-Auctioning erkennen, die dann auf einer bestehenden Infrastruktur aufsetzen. E-Commerce wird im B2B-Bereich also eine zentrale Rolle spielen, wenn auch die zeitliche Achse gegenüber früherem Wunschdenken erheblich gedehnt werden muss“, so Kegel.