Dieses Innovation Lab wird also das Kompetenzzentrum Software?

Udo Huneke: Das Innovation Lab ist ein Zentrum für cyberphysische Systemtechnologie. Wir sehen natürlich, dass der stärkste Umschwung derzeit diese software-orientierten Technologien betrifft. Insofern liegt aktuell der Schwerpunkt auf den Software-Technologien.

Auf der SPS IPC Drives haben Sie More Drive erstmals skizziert – mit welcher Kernbotschaft?

Udo Huneke: "Die A7-Familie ist die technologische Basis unserer Automatisierungsplattform."

Udo Huneke: „Die A7-Familie ist die technologische Basis unserer Automatisierungsplattform.“ Redaktion IEE

Udo Huneke: In Nürnberg haben wir gezeigt wohin die Reise aus unserer Sicht geht und was auch in naher Zeit verfügbar sein wird. Denn trotz aller Apps und Clouds – die klassischen Industriesteuerungen und Motion Controller werden noch über viele Jahre Bestand am Markt haben. Die in den Geräten eingesetzten Technologien werden sich sicher verändern. Hier sehen wir OPC UA und TSN. Beide werden Bestandteile unserer kommenden Generation Motion Controller sein, der A7-Familie. Diese Hardware-Plattform wurde mit einem Partner entwickelt umfasst aber explizit alle antriebsspezifischen Funktionen, die Kunden für ihre hochdynamischen Lösungen benötigen. Das erste Gerät der A7-Familie soll Mitte 2018 verfügbar sein und wird dann konsequent um weitere Funktionen und Performanceklassen erweitert.

Der A7 ist doch ein Controller mit Bedienpanel. Brauchen Sie wegen der Durchgängigkeit nicht auch eine Variante für dezentrale Architekturen, also Servo-Verstärker mit integriertem A7-Controller?

Jürgen Rapp: Genau das denken wir an, unsere Ein- beziehungsweise Mehrachs-Verstärker entsprechend auszustatten. Neben der App-Thematik werden wir in den Servo auch eine klassische Motion Control-Steuerung integrieren, analog zu den bisherigen Multiservos.

Darüber hinaus ermöglichen OPC UA und TSN neue Steuerungsansätze: Braucht es in einzelnen Maschinenmodulen oder kleineren Anlagen künftig noch einen separaten Motion Con­troller oder lässt sich das aufteilen zwischen dem intelligenten Antrieb und einer Ablaufsteuerung in der Cloud?

Braucht es für diese Skalierung nicht ein identisches Engineering-Tool und ein einheitliches Betriebssystem auf allen Hardware-Plattformen?

Jürgen Rapp: Wir gehen bei unserem Szenario von drei Ausbaustufen aus. Die erste ist ein kompakter MultiServo mit einer Einspeisung für mehrere Achsen. Ausbaustufe 2 umfasst die erweiterten Möglichkeiten, etwa spezielle Inbetriebnahmefunktionen wie wir sie mit der Robotik-orientierten App bereitstellen. Darüber lässt sich ein 4-Achs-MultiServo komplett handeln. Das haben wir auf der Messe mit einem Delta 3-Roboter demonstriert. Und die Motion Control im MultiServo als dritte Ausbaustufe, lässt sich mit genau dem gleichen Engineering-Tool programmieren wie die separate Steuerung.

Sie erwähnten gerade eine Cloud-Lösung für die übergeordneten Abläufe. Plant AMK für Kunden eine eigene Cloud-Infrastruktur?

Udo Huneke: Wir planen hier verschiedene Ausprägungen. Einerseits sind ganz große Anbieter am Markt unterwegs, SAP mit Hana, Microsoft Azure oder Siemens Mindsphere beispielsweise. Hinzu kommen Hosting-Anbieter wie die Telekom, 1&1 oder Vodafone. Und es gibt darüber hinaus natürlich auch den Ansatz, als Unternehmen selbst eine eigene Cloud aufzusetzen.
Unser Ansatz ist, alle Varianten abzudecken. Umsetzen werden wir das zusammen mit unserem Partner, mit dem wir gemeinsam die Cloud-Lösung entwickeln.

Jürgen Rapp: Die Cloud wird so neutral sein, dass sie jeder Kunde entsprechend seinen eigenen Anforderungen bei einem anderen Anbieter integrieren oder selbst hosten kann. Gemeinsam mit unserem Partner werden wir passend dazu auch einen kleinen Cloud-Server bereitstellen, den sich jeder in eine Ecke stellen und seine eigene private Cloud betreiben kann. Dazu gibt es natürlich auch entsprechende Wartungs- und Leistungspakete.

AMK ist Antriebsspezialist, ihr Partner ein Panel- und Steuerungs­anbieter. Praktisch wäre noch Platz für weitere Partner, um das Portfolio abzurunden.

Udo Huneke: "Wir unterstützen private wie auch offene Clouds."

Udo Huneke: „Wir unterstützen private wie auch offene Clouds.“ Redaktion IEE

Udo Huneke: Unsere Antriebs- und Cloud Lösungen decken bei weitem nicht das komplette Automatisierungsumfeld ab. Denken Sie nur in Richtung Sensorik oder andere Aktoren. Der Nutzen ist für Endanwender und einen Maschinenbauer am Größten, wenn er seine komplette Sensorik und Datenwelt integrieren und für Auswertungen nutzen kann. Nur dann kennt er die komplette Wahrheit und kann entsprechende Erkenntnisse daraus ableiten. Unsere Kooperation ist wiederum so offen, dass weitere Anbieter jederzeit andocken können.

Laufen schon erste Gespräche?

Jürgen Rapp: Selbstverständlich!

Und ihre bisher entwickelten Apps werden Bestandteil der Cloud-Kooperation?

Jürgen Rapp: Also die Technologie ist dafür ausgelegt. In dem speziellen Fall ist das wegen des starken Fokus auf einen Kunden und seine Applikation noch offen.

Udo Huneke: Unsere Cloud-Lösung wird mit dem, was sie alles kann, ein wichtiger Servicebestandteil für Kunden sein. Um bei dem aktuellen Projekt zu bleiben: Über die einfache Inbetriebnahme und das einfache Parametrieren seiner Robotik-Applikation wird der Maschinenbauer seinen Kunden weitere Services anbieten wollen, in Zukunft vielleicht auch zur Differenzierung anbieten müssen.
Viele Unternehmen werden sich damit schwer tun, solche Cloud-Services selbsttätig zu entwickeln und kein großes Interesse haben, das selbst zu machen. Hier kommen wir mit unserem Partner ins Spiel und stellen alle Hilfsmittel und Funktionen zur Verfügung.

Der Ansatz Motion Control im Antrieb, übergreifende Abläufe in der Cloud. Bis wann ist das realistisch umsetzbar?

Jürgen Rapp: Motion Control im Antrieb ist da. Gleichwohl wird sich der klassische Aufbau noch über viele Jahre im Markt halten, denn nicht jeder wird das umstellen wollen oder dazu in der Lage sein. Und es macht auch nicht überall Sinn. Daher wird es diese Technologien weiter geben. Aber die Steuerung in der Cloud wird kommen. Davon sind wir felsenfest überzeugt und wir werden definitiv auch Services in der Richtung anbieten. Wie schnell das kommen wird, muss man differenzieren. Beginnt eine Cloud-Steuerung bereits mit der Inbetriebnahme-Unterstützung über eine Cloud, sind das Service- und Wartungsfunktionen oder Data Logging über die Cloud oder Software-Updates über die Cloud? Meine Einschätzung: Bis die ersten Anwender wirklich anfangen, über eine Cloud ihre Prozesse zu steuern, wird sicher noch zwei Jahre dauern.

So schnell?

Udo Huneke: Meldungen und Datendiagnose in der Cloud mit Sicherheit. Das wird ein fließender Prozess. Mit einer Steuerungs-App auf dem Smartphone ist es ja nur noch ein kleiner Schritt zur Cloud. Ob die Anzeige oder der Informationsaustausch mit der Anlage auf dem Smartphone vor Ort über einen Webclient erfolgt oder über eine Cloud, ist technologisch eigentlich kein großer Schritt. Aber die Bereitschaft dazu, diesen Schritt zu gehen, das wird schon noch ein bisschen dauern.

Und auf der Hannover Messe zeigen Sie die nächste Ausbaustufe von More Drive?

Udo Huneke: Wir werden eine Konkretisierung dessen zeigen, was wir auf der Messe SPS IPC Drives angefangen haben und wie die einzelnen Fragmente unseren Kunden helfen werden, Antriebs­aufgaben dezentraler, flexibler und offener für die Zukunft im Sinne von IIoT zu lösen.

Das Interview führte Chefredakteur Stefan Kuppinger

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