Wie kreiert man ein ansprechendes Interieur, das neue, immersive Erlebnisse nahtlos mit bestehenden Funktionen verbindet, die Vernetzung von Komponenten ermöglicht und dabei in allen Anwendungsszenarien eine nutzerfreundliche User Experience bietet? Mit dieser Frage sehen sich OEMs und Zulieferer verstärkt konfrontiert.

Eckdaten

Neue Nutzungsszenarien wie Arbeiten, Wellness, Gaming oder 4D-Cinema verlangen ein Umdenken in der Konzeption des Fahrzeuginnenraums. Nur durch das optimale Zusammenspiel von traditioneller Hardware, interaktiven Elementen und intuitiver Software kann ein immersives Fahrerlebnis für die Passagiere und Platz-, Ressourcen- und Kostenersparnisse für die Hersteller erreicht werden. Möglich wird dies durch ein starkes Netzwerk von Industriepartnern und die ganzheitliche Betrachtung des Cockpits.

Der Appstore im Auto

Ein gutes Beispiel für das nahtlose Digitalerlebnis im Fahrzeug und die damit verbundenen Herausforderungen ist die Integration des Smartphones in das Interieur. Kaum ein Element hat den Fahrzeuginnenraum bisher so sehr beeinflusst, ohne Teil des selbigen zu sein. Die „always on“-Mentalität, die Nutzer mit ihrem Smartphone verbinden, überträgt sich auch auf das Cockpit der Zukunft. User erwarten neben der reibungslosen Weiterbenutzung ihrer Geräte oder VPAs, wie Siri und Alexa, nicht nur die sinnvolle Darstellung der bestehenden Applikationen, sondern auch weitere, fahrzeugspezifische Anwendungen. Die Crux hieran ist die Adaption von Apps und Co. auf die Anforderungen im Auto. Insbesondere für Fahrer von Level 1-bis-3-Fahrzeugen steht dabei die Übersichtlichkeit im Vordergrund, denn diese hat unmittelbaren Einfluss auf die Fahrsicherheit.

Durch die Vernetzung kann das Fahrzeug zu einem Spielraum werden – im wahrsten Sinne des Wortes. So können über das zentrale Infotainmentsystem Passagiere auf Vorder- und Rücksitz miteinander über ein lokales Netzwerk spielen.

Durch die Vernetzung kann das Fahrzeug zu einem Spielraum werden – im wahrsten Sinne des Wortes. So können über das zentrale Infotainmentsystem Passagiere auf Vorder- und Rücksitz miteinander über ein lokales Netzwerk spielen. Faurecia

Es braucht also eine grafische Oberfläche, die verwirrende Menüstrukturen eliminiert und mehr Flexibilität bei der Auswahl und Verwaltung von fahrzeugeigenen und externen Funktionen bietet – das bestätigt auch die UX-Forschung. Die von Faurecia entwickelte Trenza HMI ermöglicht Benutzern, ihre am häufigsten verwendeten Apps oder Dienste übersichtlich auf dem IVI-Display (In-Vehicle-Infotainment) zu organisieren. Es vereinfacht zudem die Anpassung von Onboard-Einstellungen und individuellen Präferenzen. Um potenzielle Ablenkungsquellen für den Fahrer zu reduzieren, verwendet es eine Prioritätsverwaltung in der grafischen Designoberfläche. Das heißt: Wenn ein Fenster kleiner wird, bleiben wichtigere Einstellmöglichkeiten, wie z.B. Temperatur oder Lautstärke für HLK- oder Audioeinstellungen, sichtbar und leicht zugänglich. Insassen können mit diesem ausgeklügelten IVI-Display Inhalte und Funktionen jederzeit individuell Wünsche anpassen.

Multifunktionale Komponenten

Das Cockpit der Zukunft wird natürlich nicht nur durch Displays geprägt. Vielmehr bietet eine Vernetzung der digitalen und physischen Komponenten die Möglichkeit, auch abseits von futuristischen – und bald altmodisch anmutenden – Bildschirmen eine Vielzahl an Services in das Auto einzubinden. So kann etwa ein Luftausströmer zugleich funktional, dekorativ und interaktiv gestaltet und eingesetzt werden, beispielsweise indem er am Ende eines Massageprogramms eine aktivierende Funktion übernimmt. Die Beleuchtung des Türpanels kann neben ihrer dekorativen Funktion dazu dienen, den Fahrer bei Hindernissen auf der Fahrbahn zu alarmieren. Die Bündelung von Funktionen und der Schulterschluss zwischen den traditionellen Hardwarekomponenten (z. B. den Sitzen), den interaktiven Elementen (Displays, Bedienoberflächen etc.) und der nutzerfreundlichen Software hat den Vorteil, dass Platz und Ressourcen im Innenraum gespart und Kosten reduziert werden.

Gaming und Cinema an Bord

Der Wunsch nach einem zunehmend individuellen, abwechslungsreichen Erlebnis an Bord wächst – besonders durch neue Mobilitätskonzepte wie Shared Mobility und autonomes Fahren. Nicht mehr die Fahrt an sich, sondern der Zeitvertrieb während selbiger rückt in den Fokus. Ein vollkommenes Abtauchen in eine andere Welt wird möglich, wenn Hardware- und Software-Komponenten im Fahrzeug für weitere Nutzungsszenarien ineinandergreifen und ein immersives Entertainment an Bord erschaffen. Ton, Licht, Lüftung und Sitzvibrationen verbunden mit hochauflösenden Displays erweitern die Wahrnehmung von Filmen und Gaming-Anwendungen zu multisensorischen 4D-Erlebnissen, die die Autofahrt für Passagiere völlig verändern.

Streaming Service xCloud von Microsoft Streaming Service xCloud von Microsoft

Der Streaming Service xCloud von Microsoft ermöglicht es Nutzern, auf ihr persönliches Nutzerprofil der Xbox-Konsole zuzugreifen und ihre persönlichen Spielstände im Cockpit fortzusetzen. Faurecia

Durch die Vernetzung kann das Fahrzeug zu einem Spielraum werden – im wahrsten Sinne des Wortes. So können über das zentrale Infotainmentsystem Passagiere auf Vorder- und Rücksitz miteinander über ein lokales Netzwerk spielen. Gemeinsam mit Microsoft implementiert Faurecia im Cockpit der Zukunft die Microsoft Connected Vehicle Platform, die unter anderem die Integration von immersiven Gaming-Anwendungen ermöglicht. Basis hierfür ist der neue Streaming Service xCloud von Microsoft. Dieser ermöglicht Nutzern, durch das Anschließen eines Xbox-Controllers auf ihr persönliches Nutzerprofil der Konsole zuzugreifen und ihre persönlichen Spielstände im Cockpit fortzusetzen.

Wellness & Workout

Da sich Fahrzeuginsassen mit zunehmender Automatisierung immer weniger auf die Straße konzentrieren müssen, rückt der Fokus auf ihr körperliches Wohlbefinden. So bieten im Sitz eingebettete pneumatische Elemente eine Reihe von verschiedenen Massage- und Vibrationssequenzen, die die Körpermuskulatur stimulieren oder entspannen. Diese werden mit Belüftung, Beleuchtungsakzenten, entspannender Musik und Düften kombiniert, um das individuelle Wohlbefinden zu steigern. Faurecia entwickelt außerdem Sitzkonzepte, die aktiv Symptomen von Reisekrankheit vorbeugen.

Da der visuelle Fokus des Insassen oftmals nicht in Fahrtrichtung liegt, sondern auf dem Smartphone oder einem Buch, nimmt das Auge nicht die gleiche Information auf, wie der Körper, der z.B. in einer Kurve der Zentrifugalbeschleunigung ausgesetzt ist. Faurecia wirkt diesem Missverhältnis mit dem sogenannten AVS-Sitz entgegen, der durch eine zusätzliche Lehnen-Kopf-Verstellung den Oberkörper des Beifahrers soweit aufrichtet, dass die Umgebung auch bei Konzentration auf einen Bildschirm wahrgenommen wird. Zudem können optische Informationen, wie z.B. die Horizontlinie, durch künstlich erzeugte visuelle Reize ersetzt werden. So kann auch bei extremeren Liegepositionen aktiv der entstehenden Reisekrankheit vorgebeugt werden.

Die Zeit an Bord kann zudem auch für körperliches Training genutzt werden. In Zusammenarbeit mit Human Fab (ehemals ESP Consulting), einer Sport- und Leistungsberatung, hat Faurecia Aktivitäten entwickelt, die an die Fahrzeugumgebung angepasst sind und auf spezifische Ziele wie Gewichtsabnahme oder eine Verbesserung des Muskeltonus abzielen. Das Programm lässt sich unter Berücksichtigung der physiologischen Variablen individuell zuschneiden, beeinflusst durch Fahrzeugsensoren und Dauer der jeweiligen Reise. Die Sensoren verfolgen den Trainingsfortschritt und folgen der Körperbewegung, während der Insasse unterschiedliche Biege-, Hebe- oder Drehbewegungen ausführt. Das Programm kann mit anderen Onboard-Technologien, wie beispielsweise Infrarotkameras, verknüpft werden, um zu überprüfen, ob der Passagier überhitzt – dementsprechend kann im Anschluss die Lüftung angepasst werden. Die gesammelten Daten über Erfolge und Fortschritte können im Fahrzeug gespeichert oder an die Cloud weitergegeben werden, um so das reguläre persönliche Trainingsprogramm zu Hause oder im Fitnessstudio fortzuführen und zu erweitern.

Schreibtisch auf Rädern

Die Verlängerung des alltäglichen Lebens im Fahrzeug heißt auch, an Bord möglichst effizient arbeiten zu können. Auch hier kommt die Microsoft Connected Vehicle Platform zum Einsatz. Sie verwendet eine spezielle Steuereinheit für einen sicheren, authentifizierten Zugriff auf Cloud-basierte Services, die Konnektivität und Komfort der Insassen verbessern. Ein Beispiel dafür, wie produktives Arbeiten auch unterwegs in die Fahrzeugumgebung integriert werden kann, sind zwei neue Funktionen in Microsofts kollaborativem Online-Workspace „Teams“: die Zweiwege-Videokonferenz und die Simultanübersetzung von Sprache zu Text.

Wenn ein eingehender Videoanruf registriert wird, kann der Passagier durch Berührung oder Sprachsteuerung das Bild auf einen Splitscreen auf dem zentralen Display projizieren und den Ton auf Lautsprecher in der Kopfstütze umschalten. Dies verbessert die Qualität und bietet mehr Privatsphäre während des Gesprächs. Zudem ermöglicht es anderen Insassen, ihre eigene Entertainment-Aktivitäten ungestört fortsetzen zu können. Videokonferenzoptionen erlauben es dem Benutzer, den visuellen Hintergrund zu personalisieren, z.B. um ihn vom Fahrzeuginnenraum auf eine neutrale Einstellung zu ändern. Für mehrsprachige Calls zeigt eine Simultanübersetzung den Text neben dem Videobild an. Die nahtlose Verbindung zur Microsoft Cloud Azure ermöglicht es, alle Inhalte sicher in der Cloud zu speichern und jederzeit und überall darauf zuzugreifen.

Die gefühlte Sicherheit

E-Mirrors: Die digitalen Spiegel geben die über Außenkameras aufgenommene Umgebung im  Cockpit des Innenraums wieder.

E-Mirrors: Die digitalen Spiegel geben die über Außenkameras aufgenommene Umgebung im Cockpit des Innenraums wieder. Faurecia

Je stärker Fahrerassistenzsysteme oder automatisiertes Fahren zum Einsatz kommen, desto wichtiger wird die gefühlte Sicherheit der Insassen. Ein Beispiel für das sicherheitsrelevante Zusammenspiel der Komponenten sind die E-Mirrors und deren digitale Einbettung im Cockpit. Die digitalen Spiegel, die auf Basis von Außenkameras und Bildschirmen die Umgebung aufnehmen und wiedergeben, existieren bereits seit einiger Zeit. Durch Vernetzung mit Sitzen und Co. lassen sie sich jedoch noch stärker in die ADAS-Funktionen (Advanced Driver Asisstance Systems) einbinden. Zu einem Warnhinweis, der im zentralen Display eingeblendet wird, gesellt sich dann etwa ein Ton- sowie Vibrationsalarm am Fahrersitz und farbige Lichtsignale, um für zusätzliche Aufmerksamkeit zu sorgen.

Interior Monitoring Systeme ermöglichen die Individualisierung des Erlebnisses an Bord, indem die Nutzerdaten der Passagiere analysiert und für personalisierte Services genutzt werden. Hört ein Passagier Musik und bewegt seinen Oberkörper, kann das akustische Signal seinem Ohr folgen, wenn Innenraumkameras und Akustik vernetzt sind. Einem ähnlichen Prinzip folgt auch die Faurecia Rear Morphing Bench, eine Sitzbank, die sich aktiv der Anzahl und Position der Personen an Bord anpasst, indem sie Informationen von On-Board-Kameras verwendet. Dabei werden Kopfstützen, Beinfreiheit und Polsterung an die individuelle Morphologie der Passagiere angepasst. Die Veränderung der Sitzkonfiguration von drei Plätzen auf zwei geräumige Sitzflächen wird begleitet von einem Mechanismus des Gurtes, der dem Nutzer folgt, wenn dieser sich beispielsweise in einer eher liegenden Position einen Film ansieht. Die Rear Morphing Bench passt diese Konfigurationen während der Fahrt laufend an und erkennt, wenn Insassen den Aktivitätsmodus wechseln.

Das digitale Zuhause an Bord

Es sind Innovationen wie diese und das Zusammenspiel der Interieur-Elemente, die das Fahrzeug in Zukunft zu einem lebenswerten, digitalen Raum machen und eine Bindung schaffen, selbst wenn es nicht mehr das eigene Auto ist oder es nicht mehr selbst gefahren wird. Möglich wird dies durch ein starkes Netzwerk von Industriepartnern und die ganzheitliche Betrachtung aller Elemente des Fahrzeuginnenraums. Hierin steckt die Überzeugung, dass eine optimale Entwicklung und Integration eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert.