Herr Pickhard, wie entwickelt sich ETAS organisatorisch weiter?

Friedhelm Pickhard:  ETAS hat ja eine 25-jährige Tradition und kommt aus einem Konzern, den es schon über 130 Jahre gibt. Mittlerweile passen bestimmte Organisationsformen, bestimmte Leadership-Ausprägungen nicht mehr zu der modernen Software-Entwicklung und auch nicht mehr zur Community. Unser Ziel ist es, ETAS als agile Organisation fit für die Zukunft zu machen. Es gibt künftig keine klare Trennung mehr in Produktmanagement und Entwicklung.

Friedhelm Pickhard (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer):  „Wir wollen zur Optimierung von Software, Systemen oder Subsystemen entscheidend beitragen... Hierfür müssen wir die Software-Entwicklungsperformance in der Automobilindustrie dahin bringen, wo sie in der IT-Industrie bereits angekommen ist. Hier hat die Automobilindustrie sehr viel nachzuholen, und da wollen wir unseren Beitrag leisten.“  Alfred Vollmer

Friedhelm Pickhard (hier im Gespräch mit AUTOMOBIL-ELEKTRONIK-Chefredakteur Alfred Vollmer): „Wir wollen zur Optimierung von Software, Systemen oder Subsystemen entscheidend beitragen… Hierfür müssen wir die Software-Entwicklungsperformance in der Automobilindustrie dahin bringen, wo sie in der IT-Industrie bereits angekommen ist. Hier hat die Automobilindustrie sehr viel nachzuholen, und da wollen wir unseren Beitrag leisten.“ Alfred Vollmer

Mit der Einführung von Scaled Agile Framework, kurz SAFe genannt, zum 1. März haben wir dafür die Voraussetzungen geschaffen. SAFe bedeutet eine Veränderung der Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten. Entscheidungen werden nicht mehr von Einzelpersonen innerhalb einer Hierarchie getroffen. Stattdessen werden Verantwortlichkeiten auf eine Reihe von verschiedenen Rollen übertragen. Es gibt künftig keine klare Trennung mehr in Produktmanagement und Entwicklung.

Darüber hinaus adressieren wir auch die Erwartungshaltung der Software-Community. Wichtig ist allerdings auch, dass viele Manager in ihrer Ausbildung nicht mit agilen Software-Entwicklungsmethoden groß geworden sind. Daher haben wir beschlossen, dass fachliche Entscheidungen dort getroffen werden sollen, wo die Kompetenz ist, sodass Leadership jetzt eine ganz andere Bedeutung als in der Vergangenheit hat. Früher hat ein Abteilungs- oder Bereichsleiter sehr stark aufgrund seiner eigenen Erfahrung in der fachlichen Domäne die entsprechende Abteilung oder den Bereich geführt und seine Entscheidungen getroffen. Das geht heute nicht mehr, weil die jeweiligen Technologien während der Zeit, in der die Führungskraft selbst in der operativen Entwicklungsarbeit war, noch gar nicht existierten. Deshalb müssen Führungskräfte jetzt viel stärker als in der Vergangenheit Fachexperten führen.

Was heißt das konkret für die Führungspraxis?

Friedhelm Pickhard:  Im Unterschied zu früher ist man als Führungskraft weniger ein Abteilungs- oder Bereichsleiter mit großem Büro, sondern eher ein Scrum-Master, der dann operativ für Teams beziehungsweise für die Fachexperten Barrieren aus dem Weg räumt. In meiner Tätigkeit, auch als CEO, muss ich jetzt viel intensiver im Haus unterwegs sein und schauen, wo Barrieren im Unternehmen sind. Wie kann ich helfen, diese Barrieren möglichst effizient zu beseitigen, damit die Kolleginnen und Kollegen, die in der fachlichen Domäne entscheiden können, möglichst schnell weiterkommen? Das ist schon ein beachtlicher Wandel, und so wird man auch gemessen. Man wird heute als Führungskraft viel stärker daran gemessen, welche Probleme man löst, als daran, welche Entscheidungen man aufgrund der eigenen hierarchischen Autorität fällen darf. Die Teams achten sehr genau darauf, welche Wertschöpfung man als Führungskraft für das Team erbringt.

Auch für mich persönlich ist es viel interessanter, so zu arbeiten, denn ich werde viel stärker direkt in das Team einbezogen, und das Team hat die Erwartung an die Führungskraft, dass sie neben der Strategiearbeit zusätzlich Barrieren beseitigt. Diesen Wandel haben wir bei ETAS in den letzten Jahren durchgeführt; die zahlreichen Rückmeldungen von den Mitarbeitern zeigen, dass sie heute das Unternehmen ETAS viel stärker als ihre ETAS sehen und so auch unserem Firmensitz den Namen „ETAS Home“ gegeben haben. Es ist unser Home, weil der Gestaltungsraum, der Freiraum für die Mitarbeiter größer geworden ist, und alle haben verstanden, dass wir an einem Strang ziehen.

Wie verändert sich das Produktportfolio von ETAS?

Friedhelm Pickhard:  ETAS ist gut gerüstet, die Automobilindustrie in ihrer Transformation zu unterstützen. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Software verändern sich die Entwicklungs-Paradigmen und somit auch die Anforderungen an unsere Lösungen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Continuous X – ein Thema, das eigentlich aus der reinen IT sowie aus dem IT-Plattform-Geschäft kommt. In Zukunft müssen wir davon ausgehen, dass man Software nur dann effizient und performant entwickeln kann, wenn man kontinuierlich integrieren, testen und auch Software auf Rechner verteilen kann – und zwar in der Kette OEM über alle Tiers. Das funktioniert eigentlich nur in der Cloud, denn dort lassen sich die Rechenleistung entsprechend skalieren und große Datenmengen effizient verarbeiten. Solche Cloud-Anwendungen ermöglichen darüber hinaus eine effiziente Zusammenarbeit in weltweiten Kooperationsnetzwerken.

Das heißt für uns natürlich auch, dass unsere Software-Entwicklungstools, die früher PC-Anwendungen waren, jetzt cloudfähig sein müssen. Wir bringen aktuell unsere Mess- und Kalibriersoftware INCA und weitere Verifikationstools in die Cloud; das ist ein Paradigmenwechsel. Weil eine Cloud-Anwendung ein anderes Computing-Modell erfordert, müssen sich auch die Tools entsprechend anpassen: mit anderen Architekturen und anderem Software-Know-how als bei der klassischen Embedded Software.
Unser Ziel ist, dass wir die Software-Performance, also die Performance in der Software-Entwicklung, in der Automotive-Industrie voranbringen wollen, und dazu wollen wir auch die passenden Werkzeuge liefern, um sehr schnelles Testen in kurzen Iterationsschritten mit schnellen Rückkoppelschleifen, also Continuous Integration, Deployment und Testing von Software-Komponenten in virtuellen Fahrzeugen, zu ermöglichen. Wir gehen dabei auch das schnelle und umfangreiche Testen in großen Szenarien – Stichwort: Open World Kontext – an.

Auch auf die Frage „Wie kann ich Software möglichst effizient optimieren?“ wollen wir eine Antwort geben. In der Vergangenheit lag hier ein Schwerpunkt im Bereich Kalibration, aber jetzt geht es auch um andere Aspekte wie zum Beispiel Schaltstrategien; Wann schalte ich in den Verbrennungsmotorbetrieb, wann in den Batteriebetrieb, und wann ist Segeln, das heißt das komplette Abschalten des Antriebs während der Fahrt, angebracht? Hierfür müssen sehr umfangreiche Szenarien getestet und optimiert werden. Auch das haben wir auf der Agenda; Wir wollen zur Optimierung von Software, Systemen oder Subsystemen entscheidend beitragen. Ein System kann dabei auch ein Motor mit seiner gesamten Steuerungsstrategie und Abgasnachbehandlung sein. Hierfür müssen wir die Software-Entwicklungsperformance in der Automobilindustrie dahin bringen, wo sie in der IT-Industrie bereits angekommen ist. Hier hat die Automobilindustrie sehr viel nachzuholen, und da wollen wir unseren Beitrag leisten.

Wo ETAS noch Nachholbedarf sieht und welche Bedeutung der Security beigemessen wird, können Sie auf der nächsten Seite lesen.

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