Warum kooperiert ETAS mit NI?

12 Minuten Cloud-Simulation ersetzen 12.000 Stunden realer Testfahrt. Friedhelm Pickhard, ETAS

12 Minuten Cloud-Simulation ersetzen 12.000 Stunden realer Testfahrt. Friedhelm Pickhard, ETAS Alfred Vollmer

Friedhelm Pickhard: Im SiL-Geschäft – also im Bereich Software in the Loop – sind wir gut aufgestellt. Wir arbeiten nun daran, dass die gleiche Software sowohl auf den HiL-Systemen als auch in der Cloud läuft. Dabei müssen wir unsere Kunden bei unseren HiL-Systemen mit attraktiver Hardware versorgen – und das geht nur mit den richtigen Economies of Scale. Genau hier passt National Instruments (NI) mit seinen vielen Hardware-Komponenten bestens hinein. Deshalb entwickeln wir alle neuen HiL-Systeme auf Basis von NI-Hardware. Gleichzeitig erreichen wir durch diese Zusammenarbeit einen viel größeren Markt.

ETAS hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Wie geht es weiter?

Friedhelm Pickhard: Das war ein evolutionärer Prozess, bei dem wir uns permanent an den Marktgegebenheiten orientiert haben. Wir sind in einer Expertennische im SE-Bereich, also beim Software-Engineering. Zusätzlich haben wir das TV-Geschäft – Test & Validation – rund um HiL, Testen und Verifikation. Bisher war der Bereich Powertrain unser wirtschaftlich wichtigster Bereich, und dort ging es fast nur um den Verbrennungsmotor, wo wir auch noch Innovationen sehen, aber wir werden zunehmend unabhängiger von dem klassischen ICE-Geschäft, wobei ICE hier für Internal Combustion Engine steht. Mit dem Thema Security hat unsere Tochtergesellschaft ESCRYPT ein neues Wachstumsfeld besetzt, in dem ein zweistelliges Wachstum zu verzeichnen ist. Das gesamte Security-Team von ESCRYPT wuchs seit unserer Übernahme in 2012 von anfangs 20 auf heute etwa 350 Mitarbeiter an.

Hinzu kommt die Embedded-Kompetenz, die vor allem im Bereich Safety ein Wachstumsfeld bleiben wird. Mit der zuvor erwähnten Automotive-Middleware sind wir da bestens unterwegs, indem wir neben den Autosar-Abstraktionen nebst Erweiterungen auch Domain-spezifische Frameworks, wie zum Beispiel ADAS, anbieten. Wir können hier den gesamten Echtzeit-, Safety- und Security-Unterbau als Komplettlösung liefern. Wir sehen in der Automotive-Middleware nebst Tooling ein starkes Wachstumsfeld und haben unsere Investments entsprechend darauf ausgerichtet.

Darüber hinaus unterstützen wir unsere Kunden, die Entwicklungs-Performance zu steigern, in dem die Software-Verifikation, -Validierung und -Optimierung nicht mehr auf der Zielhardware oder im Fahrzeug stattfinden muss, sondern kosten- und zeitoptimiert in der Cloud stattfinden kann. Dadurch werden wesentliche Test- und Verifikationsschritte aus dem kritischen Projektpfad genommen. Heute können wir nicht nur automatische Software-Entwicklungstools anbieten, die automatisch Code generieren, sondern wir können auch dafür sorgen, dass diese Software safe, secure und testbar ist.

Wir werden unsere Tools so weiterentwickeln, dass wir sie offen gestalten, um eine Integration in die Entwicklungsketten von OEMs bis zu Tiers zu ermöglichen. Mittlerweile können wir mit unserem Produkt COSYM das gesamte E/E-Netzwerk simulieren. Damit besteht auch die Möglichkeit, im Fahrzeug verteilte Software in ihren Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zu testen sowie in der Cloud zu validieren.

Wie verändert sich die Zusammenarbeit entlang der Entwicklungs- und Lieferkette?

Friedhelm Pickhard: Da wird sich Wesentliches ändern. Noch sind die Fahrzeuge in ihrer Architektur so organisiert wie die OEMs und Zulieferer in ihren Unternehmen organisiert sind. Ich gehe stark davon aus, dass zukünftig das Sourcing der Controller-Hardware weitestgehend unabhängig von der Software erfolgen wird. In Zukunft werden vielmehr Elektronik, Software und System-Engineering-Leistung im Einkaufprozess separate Rollen spielen. Zum System-Engineering zähle ich auch Integration, Test, Software und Hardware. Durch die große Unabhängigkeit im Sourcing werden sich die Geschäfts- und Zusammenarbeitsmodelle ändern.

Das wirkt sich auch auf die Zulieferer aus. Insbesondere muss die gesamte Lieferkette eine effiziente Integration und Verifikation von Software unterschiedlicher Quellen unter Safety- und Security-Aspekten sicherstellen – bei steigender Komplexität.
Hier kommt der Markenkern von ETAS ins Spiel, denn wir wollen diejenigen sein, die einen Beitrag dazu leisten, dass die Automobilindustrie das Thema Softwarekomplexität effizient, hochperformant und optimiert beherrscht.

Welche Bedeutung hat denn der Automobil-Elektronik Kongress in Ludwigsburg für Sie?

Friedhelm Pickhard: In Ludwigsburg bekomme ich extrem effizient einen Überblick über die wirklichen Trends in der Automobil­industrie. Das ist in der Tat auch ein Input für die Strategie­entwicklung. Gleichzeitig ist diese Konferenz eine Gelegenheit, Netzwerke zu bilden und Menschen zu treffen, die ich sonst nicht treffe. Das gilt auch für die anderen ETAS Mitarbeiter, die den Kongress besuchen. Außerdem haben wir dort immer eine sehr gute Möglichkeit, unser Unternehmen in der Ausstellung zu präsentieren. Dieser Event ist ein echtes Highlight und für mich ein Muss.

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