Mitte der 1990er Jahre erregten Elektrofahrzeuge viel Aufsehen. Das EV1 von GM stieß bei den Medien auf traumhafte Resonanz, doch schon bald wurde es still. Die Produktion der zweiten EV1-Generation wurde gestoppt und 2002 begann GM damit, die Fahrzeuge aus dem Verkehr zu ziehen. Viele sahen hierin den gewaltsam herbeigeführten Tod des Elektrofahrzeugs, während andere die Auffassung vertraten, hohe Preise, unausgereifte Technik und geänderte Marktbedingungen hätten das Elektrofahrzeug sterben lassen.

Prognose zur künftigen Elektrofahrzeug-Produktion

Prognose zur künftigen Elektrofahrzeug-ProduktionStrategy Analytics

Vor diesem Hintergrund sollte man sich von den heutigen Prognosen für den Elektrofahrzeug-Markt nicht blenden lassen. Ich weiß von keiner Studie aus den letzten 20 Jahren, die sich als zu pessimistisch herausgestellt hätte. Die Statistiken machen es den Optimisten hier nicht eben leicht.
Natürlich hat sich seit den Tagen des EV1 viel geändert. Ging es seinerzeit hauptsächlich um die Luftreinhaltung, stehen heute die Erwärmung des Weltklimas sowie die Sicherheit und Nachhaltigkeit der Ölversorgung an erster Stelle. In den 1990er Jahren hatten Elektrofahrzeuge zudem den Charakter von Provisorien, die Abstriche an der Leistungsfähigkeit und/oder dem Komfort erforderlich machten. Damit ist es aber vorbei: ein Fahrzeug wie der Nissan Leaf bietet in Sachen Leistung und Platz ein Niveau, das für viele Käufer akzeptabel sein dürfte.
Dauerproblem Batteriekosten
Vielleicht sind also jene Prognosen, die besagen, dass Elektrofahrzeuge rasch Marktanteile gewinnen werden, tatsächlich begründet. Eines aber hat sich seit den 1990er Jahren nicht geändert: die Batterien ermöglichen nach wie vor zu geringe Reichweiten und sind zu teuer. Schätzungen zufolge könnten zwar die Akkukosten bis 2020 auf rund 400 US-$/kWh fallen, doch auch dann würde eine typische Batterie für ein 20-kW-Elektrofahrzeug immerhin noch etwa 8000 US-$ kosten.
Und genau hier liegt das Problem, denn sämtliche Verbraucher-Erhebungen von Strategy Analytics zeigen, dass das Interesse der Autokäufer an Elektrofahrzeugen erlischt, sobald sie dafür mehr bezahlen sollen als für konventionelle Modelle. Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass ein nennenswerter Prozentsatz der Autokäufer auf der Welt den Aufpreis für den Elektroantrieb zugunsten der Umwelt akzeptieren wird.
Somit geht Strategy Analytics davon aus, dass im Jahr 2020 bis zu zwei Millionen Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb produziert werden (siehe Bild). Das wären dann etwas mehr als 1,5 % der erwarteten Weltproduktion an Leichtfahrzeugen.
Die Kosten sinken nicht schnell genug, und die Regierungen in vielen Teilen der Welt sind zu knapp bei Kasse, um große Subventionen leisten zu können. Hinzu kommt, dass Fahrzeuge mit konventionellem Benzin oder Dieselmotor immer effizienter werden, so dass die Hürde für die Kosteneffektivität von Elektrofahrzeugen immer höher wird.
Genau an dieser Stelle muss man den Elektrofahrzeug-Markt aus einem weiteren Blickwinkel betrachten, um ihn verstehen zu können: Zum einen muss man die hohen Wachstumsraten sehen. Nach unseren Prognosen wird das durchschnittliche jährliche Wachstum bei den Fahrzeugen mit reinem Elektroantrieb in der Zeit von 2010 bis 2020 mehr als 70 % betragen – ein wirklich beeindruckender Wert! Zum anderen aber muss man erkennen, dass trotz dieser fantastischen Zuwachsraten im Jahr 2018 insgesamt nur zwei Millionen Fahrzeuge mit reinem Elektroantrieb produziert werden, was nur einen winzigen Bruchteil der gesamten Automobilproduktion ausmacht.
Wenn Sie den Markt nur aus dem ersten Blickwinkel sehen, werden Sie zwangsläufig enttäuscht darüber sein, wie lange es dauert, bis etwaige Investitionen in den Elektrofahrzeug-Markt Gewinne abwerfen. Sehen Sie die Situation dagegen nur aus dem zweiten Blickwinkel, so übersehen Sie möglicherweise die Tatsache, dass die zunehmende Elektrifizierung der Fahrzeugflotte nach meiner Auffassung unausweichlich ist. Es ist nicht die Frage ob sie kommen wird, sondern mit welchem Tempo. Eine differenzierte Betrachtung ist also in jedem Fall nötig. (av)n