Die E/E-Leiter der deutschen OEMs und Dr. Schleuter gemeinsam auf der Bühne während des 16. Fachkongresses

Die E/E-Leiter der deutschen OEMs und Dr. Schleuter gemeinsam auf der Bühne während des 16. FachkongressesFotografie Natalie Balleis

Wer im Juni 2012 in Ludwigsburg vor Ort war, der bekommt mit dieser Zusammenfassung ein Deja-vu oder eine Gedächtnisstütze. Alle anderen erhalten in diesem Beitrag einen umfassenden Überblick über die zahlreichen Berichte rund um den 16. Internationalen Fachkongress „Fortschritte in der Automobil-Elektronik“.

Gekonnt und bewährt führte Dr. Willibert Schleuter, der emeritierte E/E-Leiter von Audi, durch den ersten Tag, und er lieferte auch so manche Steilvorlage für Einzeldiskussionen in den Pausen oder bei der Abendveranstaltung. Dabei hielt er sich auch mit Kommentaren nicht zurück. Als beispielsweise eine Fragerunde nach einem Vortrag drohte in eine Diskussion Pro und Contra Tauschsysteme für Traktionsbatterien zu driften, ergriff er das Wort und sagte: „Von den standardisierten Batterien träumt niemand in einer Automobilfirma. Das Thema sollten wir vergessen, aber es kann auch eine eigene Tagung ausfüllen. Von den Leuten, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen, glaubt niemand daran. Von daher: Nächste Frage.“ Ein leichtes Gelächter im Saal zeigte, dass er damit auf den Punkt getroffen hat.

Über 500 Teilnehmer kamen zum 16. Fachkongress „Fortschritte in der Automobil-Elektronik“.

Über 500 Teilnehmer kamen zum 16. Fachkongress „Fortschritte in der Automobil-Elektronik“.Fotografie Natalie Balleis

Aber auch diverse Gespräche am Rande waren echte Punktlandungen oder zumindest die Vorbereitung dafür. Eines davon durfte die Redaktion live miterleben: Ein Manager eines Tier-1s sitzt zufällig am Tisch mit einem ihm zuvor nicht persönlich bekannten Manager eines Tier-2s. Man redet über die Branche und Berühungspunkte. Plötzlich kommt der Tier-1 auf eine Problematik zu sprechen, die er stets bei der Fertigung hat. Schon kommt die prinzipielle Idee auf, eventuell gemeinsam an einer höher integrierten Lösung zu arbeiten, und bereits am nächsten Tag gab es ein ziemlich intensives Gespräch darüber auf der fachlichen Ebene.

Links zu Berichten über die Vorträge

Unter den folgenden Links informieren wir Sie ausführlich über die einzelnen Vorträge.

Keynotes:

Andere Vorträge:

Zu vier Teilbereichen dieses Beitrags finden Sie hier eine ausführlichere Berichterstattung:

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Dinner Speech: ganz unelektronisch

Höchst amüsant aber auch hinterfragend, informativ und anregend sprach der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx zum Abendessen über „Megatrends, die unser Umfeld verändern“ und damit über Trends, die zwar nicht im Automobilbereich liegen, aber die Automotive-Branche sehr wohl betreffen.

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx bot einen Blick über den Tellerrand

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx bot einen Blick über den TellerrandFotografie Natalie Balleis

Er freute sich zunächst, dass er „im harten Kern des deutschen Wirtschaftswunders angekommen“ ist, denn „es gibt ja ein kleines Kleinbonum in der Mitte Europas, das der Krise widersteht – und das ist mit Sicherheit Ihre Branche“. Er sprach über Städte, Frauen, (Down-)Aging und die Mobilität – unter anderem mit folgenden Worten:

„Wir stehen vor dem längsten und größten Weltwirtschaftsboom der Geschichte, der diesmal den ganzen Planeten betrifft“

Megatrends vollziehen sich Horx zufolge immer langsam, treten aber manchmal mit einem Tipping Point sehr deutlich hervor. Dabei kommt es immer wieder zu Krisen, aber „Krisen sind immer auch Wandlungs- und Begleitungsprozesse“, betont Horx. Anhand der Bevölkerungsentwicklung der Erde, deren Zenit in diesem Jahrhundert er bei 9,3 Milliarden sieht, und den damit verbundenen soziologischen Randbedingungen erklärte er, wie sich Trends verändern: „Wir stehen vor dem längsten und größten Weltwirtschaftsboom der Geschichte, der diesmal den ganzen Planeten betrifft“, ist sich Horx sicher.

Er sprach aber auch über Stadtentwicklung, Frauen und Down-Aging.

Horx erklärte, dass wir derzeit „eine massive Umverteilung von Bildung“ erleben. So waren 1910 noch 3% aller Abiturienten weiblich, aber seit dem Jahr ist die Mehrheit dieser Absolventen weiblich. Derzeit sind 60% der Schüler weiblich. Den größten Anteil weiblicher Ingenieure identifizierte Horx in Saudi-Arabien.

„Autofahren ist in seinem innern Wesen gar keine Mobilität, sondern eine Soziotechnik, eine Kultur“: Autofahren habe ganz massiv mit Kontroll- und Machterleben zu tun, mit Autonomie und Freiheit, mit Selbstdarstellung und Cocooning. „Sie können davon ausgehen: Wenn ein Autofahrer ein Auto hat, das mehr als 60.000 € kostet und jünger ist als zwei Jahre und Sie ihm die Möglichkeit bieten, in den Stau zu fahren oder nachhause in die Familie, dann fährt er in den Stau.“

„Menschen sind total genervt von zu viel Technologie“

Er erklärte auch, dass „der Hauptstrang der Evolution des Automobils die männlich orientierte Fahrerlimousine“ war. „Das ist das, womit die deutsche Autoindustrie am meisten Geld verdient hat.“

Die Autobranche sei durch männliche Sichtweisen geprägt, aber andererseits bestimmten Frauen über 73% des Haushaltseinkommens.

Horx beendete seine Rede, indem er John Cage zitierte: „Keine Ahnung, warum Menschen Angst vor neuen Ideen haben. Ich jedenfalls fürchte mich vor den alten.“