Wer Digi-Key als US-amerikanischen Katalog-Distributor kennt, hat sich vor eineinhalb Jahren wohl ziemlich gewundert: Die Amerikaner sind der erste und bisher einzige Katalog-Distri ohne Katalog, zumindest ohne gedruckten Katalog. Einerseits schont das Unternehmen damit die Umwelt, andererseits wäre der Wälzer wohl bald höher als breit gewesen, wenn er weiterhin das komplette Programm hätte umfassen sollen. Immerhin umfasst die Linecard inzwischen über mehrere Millionen Bauteile, von denen 800.000 Artikel ständig am Lager vorrätig sind. Laut Mark Larson, President und COO von Digi-Key, gab es zur Aufgabe des gedruckten Katalogs so gut wie kein negatives Feedback.

Mark Larson, President und COO von Digi-Key, schmunzelt: „Thief River Falls liegt strategisch im Zentrum der Welt“.

Mark Larson, President und COO von Digi-Key, schmunzelt: „Thief River Falls liegt strategisch im Zentrum der Welt“.Hans Jaschinski

Digi-Key auf Wachstumskurs

Seit seinen Anfängen hat Digi-Key ein grandioses Wachstum hingelegt. Aus der Not des Tüftlers Roland Stordahl geboren, der Bausteine für einen Morse-Taster nur in 10.000er-Stückzahlen kaufen konnte und die überzähligen Teile ab 1972 kurzerhand per Zeitschriftenannoncen unter die Entwickler brachte, ist inzwischen ein 2600-Mann-Unternehmen geworden. Nicht geändert hat sich der Firmensitz im Hinterland von Minnesota: Gerade einmal zwei Autostunden von der kanadischen Grenze entfernt betreibt der Distributor sein weltweites Lager in einem 8500-Einwohner-Ort namens Thief River Falls. Wenn man die Weltkarte nur richtig herum aufrollt, dann ist das „strategisch im Zentrum der Welt“, scherzt Larson weiter. Daran soll sich auch nichts ändern – die Vorteile eines zentralen Lagers und die niedrigen Kosten sind einfach zu groß.

Chris Beeson, VP Global Sales und Business Development: „Im internationalen Geschäft ist Digi-Key quasi noch ein Start-Up-Unternehmen“.

Chris Beeson, VP Global Sales und Business Development: „Im internationalen Geschäft ist Digi-Key quasi noch ein Start-Up-Unternehmen“.Digi-Key

Dennoch zieht es die Amerikaner in die Welt: Sie verkaufen ihre Produkte weltweit, betreiben dazu die Website in zehn Sprachen mit 15 Währungen und gründen jetzt sogar vermehrt lokale Niederlassungen. Seit zehn Jahren erst liefert Digi-Key nach Deutschland, hier ist das Unternehmen quasi noch ein Start-Up, meint Chris Beeson, VP Global Sales und Business Development. Jetzt folgt eine Niederlassung in Deutschland, und zwar in München. Im ersten Schritt soll ungefähr ein Dutzend Leute für muttersprachlichen Support sorgen, geleitet von Hermann Reiter. Seine Mitarbeiter sollen die Kunden unterstützen, aber keine eigenen Lager betreiben. Obwohl es Digi-Key nicht promotet, sind doch hunderte Angestellte im technischen Bereich tätig. Die Amerikaner sehen sich als hybrider Distributor, kein reiner Katalog-Distri und kein High-Support-Distri, sondern ein Katalog-Distributor mit starkem Support.

Digi-Key ist fit für die Fertigung

Es sei eines der bisher bestgehüteten Geheimnisse gewesen, schmunzelt Mark Larson, dass sich Digi-Key nicht nur auf Entwickler und das Prototyping ausrichtet, sondern auch in die Elektronikfertigung liefert. Dabei kümmern sich der Distributor um Supply-Chain-Management und viele weitere IT-Themen. Besonders gut passt das Angebot für Kleinserien mit einem breiten Bauteilspektrum, neudeutsch als „High Mix, Low Volume“ bezeichnet. Der Mix ist dabei nicht nur anhand der schieren Anzahl von 800.000 Bauteilen erkennbar: Larson nennt auch Xilinx und Altera als Beispiel. Die beiden FPGA-Schwergewichte pochen normalerweise darauf, dass kein Distributor den jeweiligen Konkurrenten in der Linecard führt. Nur Digi-Key kann das Portfolio beider Hersteller und etlicher weiterer FPGA-Firmen anbieten und daher immer einspringen, wenn ein Kunde Bedarf anmeldet. Viele Abnehmer mischen ihre Bezugsquellen, erläutert Chris Beeson, und ergänzt, dass sie bei Digi-Key anklopfen, wenn sie kurzfristig einen Engpass haben. Viele EMS-Anbieter stehen schließlich vor dem Problem, das Auftragsvolumen erst sehr kurzfristig zu erfahren. Es gebe bereits 2600 Kunden in der Elektronik-Produktion. Auch ohne öffentliche Ankündigung wurden diese schon von 40 Mitarbeitern in Holland beim Supply-Chain-Management unterstützt.

Mit den Fertigern als Kunden erweitert sich auch die Sichtweise auf das Thema „abgekündigte Bauteile“: Während Entwickler solche Produkte tunlichst meiden müssen und Digi-Key sie daher entsprechend informiert, ist bei älteren Designs ein Re-Design oft keine Option. Hier bieten die Amerikaner auch firmenspezifische Einlagerung an, sprich sie bauen Stock auf, auf den nur ein spezieller Kunde Zugriff hat.