Georg Steinberger, Vorstandschef des FBDi, glaubt, dass die Distribution vor grundlegenden Änderungen steht.

Georg Steinberger, Vorstandschef des FBDi, glaubt, dass die Distribution vor grundlegenden Änderungen steht. Avnet

Die Distribution sieht sich Entwicklungen ausgesetzt, die ihre Struktur grundlegend verändern werden. Vor allem das Internet of Things (IoT) macht sich hier bemerkbar, aber auch auf neue Modelle der Geschäftsbeziehungen muss unsere Branche reagieren. Die Tendenz geht mehr und mehr dazu, komplexe Business-Cases zu handlen statt nur Hardware zu verkaufen. Diese Bewegung darf man sich jedoch nicht als digitale Entwicklung vorstellen: Es ist nicht so, dass heute nur Komponenten verkauft werden, morgen nur Business-Cases.

Vielmehr sehen wir uns vor einem Prozess, der sich kontinuierlich verfestigt. In einigen Industrien werden die Änderungen schneller greifen, in anderen hingegen langsamer. Es gilt aber auch, abzuwarten, den Lärm um den IoT-Hype einmal abklingen lassen, um zu sehen, was Bestand hat. Wie bei jedem Mega-Trend folgt auf den ersten Hype eine Ernüchterung. Erst wenn sich herausstellt, dass der Trend über Substanz verfügt, schließt sich eine solide Marktentwicklung an.

2016 hat sich Vorsicht breit gemacht

Weltweit war 2016 ein bewegtes Jahr, das auch in der Distribution Spuren hinterlassen hat. Im Jahr 2015 haben wir ein stark währungsbeinflusstes, zweistelliges Wachstum erlebt – der Euro hat gegenüber dem Dollar um rund 20 Prozent nachgelassen, was entsprechende Auswirkungen auf die Komponentenpreise zeigte. Demgegenüber hat sich 2016 nach einem recht vielversprechenden ersten Halbjahr eine gewisse Vorsicht breit gemacht. So erwartet beispielsweise Gartner für den weltweiten Halbleitermarkt einen leichten Abschwung, während Europa dabei allerdings eher stabil bei zirka 34 Milliarden US-Dollar bleibt. In der Distribution sehen wir europaweit für 2016 zwischen drei und vier Prozent Wachstum, in Deutschland werden es eher drei Prozent sein.

Prognosen für 2017 zu treffen, gestaltet sich schwierig. Marktforscher sehen 2017 auf einem ähnlichen Niveau wie 2015, also wieder leicht über dem Level von 2016. Für 2018 zeichnet sich demnach eine ähnliche Entwicklung ab. Woher der sanfte Optimismus kommt, vermag ich nicht zu sagen. Schließlich ist unsere Industrie immer für Überraschungen gut, leider auch für negative.

Distribution

Die Distributoren haben ein durchwachsenes Jahr 2016 hinter sich. Neben der instabilen weltpolitischen Lage machte sich der Verdrängungswettbewerb auf dem Halbleitermarkt bemerkbar. Weitere Herausforderung: Auch das Geschäftsmodell der Distributoren ändert sich immer mehr zum  Business Case.

US-Wahl wird massive Folgen haben

Impulse für den Distributorenmarkt kommen allerdings auch von außen. In geopolitischer Hinsicht wird sich der Ausgang der US-Wahl wesentlich gravierender bemerkbar machen als der Brexit. Das Verhalten der neuen amerikanischen Regierung kann den Welthandel und damit auch die Konjunktur in unserer Industrie massiv beeinflussen. Dieses Thema ist sehr komplex, aber generell stehen eher negative Folgen zu befürchten. Dagegen wird sich der Brexit eher mittelfristig niederschlagen; er wird jedoch massive Folgen für den europäischen Zusammenhalt haben.

Diese Entwicklung wird sich nicht nur auf der politischen Ebene niederschlagen sondern auch wirtschaftliche Auswirkungen nach sich ziehen. China als Wachstumsmotor der Elektronikindustrie stotterte bereits 2016, und auch 2017 werden Gartner zufolge die asiatischen High-Tech-Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der Consumer-Markt ist mittlerweile mit Telefonen, Tablets und anderen Gadgets gesättigt; etwas Neues zeichnet sich noch nicht ab. Die allgemein flauen Aussichten sind auch der Grund für den zweifellos wichtigsten Trend, die Konsolidierungswelle unter den Halbleiterherstellern.

Halbleiterhersteller im Verdrängungswettbewerb

Diese Konsolidierungswelle betrifft nicht nur die jüngsten Entwicklungen à la Qualcomm und NXP. Einerseits wächst der Markt nicht, andererseits ist aber genügend Kapital für wenig Zinsen vorhanden. Folglich kaufen sich Hersteller gegenseitig auf, um aufgrund von Synergien im Portfolio und in den allgemeinen Kosten die Profitabilität zu finden, die der Markt derzeit nicht hergibt. Alex Lidow, der Ex-Chef der von Infineon gekauften Firma International Rectifier, prognostizierte vor einiger Zeit, dass kein Halbleiterhersteller mit einer Marktkapitalisierung von unter fünf Milliarden US-Dollar längerfristig bestehen bleiben wird. Das betrifft viele bekannte Namen.

Wenn man den Faden weiterspinnt, dann erkennt man, dass auch auf mittelgroßen Unternehmen weiterhin großer Druck lasten wird; auch diese Firmen werden sich wohl durch Zukäufe vergrößern und wirtschaftlich beziehungsweise portfoliomäßig verbessern müssen. Hier sprechen wir von Unternehmen, die bis fünf Milliarden US-Dollar Umsatz machen und vielleicht über 10 bis 15 Millarden US-Dollar Marktkapitalisierung verfügen.

Übernahmen im Design berücksichtigen

Wie sich das auf den Kunden auswirken wird, ist schwer zu sagen. Die zu erwartenden Portfoliobereinigungen stellen Entwickler vor Probleme, die gerade ein neues Design mit einem Baustein durchgeführt haben. In der Geschichte haben Merger bisher immer zu einer Reihe von Abkündigungen geführt. Umso wichtiger ist es, bereits beim Design solche Entwicklungen mit zu berücksichtigen. Allerdings darf man die Situation auch nicht nur aus der Sicht eines Schwarzmalers sehen, denn Übernahmen sind generell nichts Neues. Sie sind auch in der Kundenlandschaft zu finden. Bereits bestehende Neuerungen einzukaufen, kann leichter sein, als selbst etwas zu entwickeln. Wenn jeder größer wird, bringt das eine gewisse Spannung mit sich. Offen bleibt jedoch die Frage nach der Innovation.

Auf Distributorenseite ziehen Übernahmen einigen Aufwand nach sich. Hier gilt es, die Konsolidierungen bei den Herstellern für die Kunden abzufedern und durch intensivere Beratung Probleme im Produkt-Lifecycle zu vermeiden. Eine andere Tendenz, die sich aus dem niedrigen Gesamtwachstum ergibt, ist der zunehmende Kostendruck auf die Distribution, den hauptsächlich die Hersteller verursachen.

Distributionsmodell unter Druck

Distribution ist eine Dienstleistungsbranche und als solche steht sie permanent unter dem Druck, zu geringeren Kosten mehr zu machen. Doch wenn jemand denkt, das derzeitige Modell als Ganzes in Frage stellen zu müssen, weil er glaubt, es selbst besser zu können, verleugnet er die enormen Fortschritte, die die Distribution über die letzten 20 Jahre gemacht hat. Das selbe gilt für die Investitionen in Ressourcen aller Art: von Brigaden technischer Spezialisten bis zu Supply-Chain-Experten, deren Expertise so weder bei den Kunden noch bei den Herstellern existiert. Es wäre schön, wenn die Hersteller einmal anerkennen würden, dass Distributoren nicht ihre verlängerte Werkbank sind, sondern ihre größten Kunden.

Darüber hinaus sind Distributoren kompetente Ansprechpartner für Kunden, die neutrale und kompetente Beratung suchen. Viele Distributoren leisten hervorragende Arbeit und absolvieren Tausend kleine Dienstleistungen, die sonst niemand im Portfolio hat. Dennoch werden sie als selbstverständlich hingenommen. Die Distributoren dürfen den Wert ihrer Leistung nicht länger unterminieren lassen. Im Zweifelsfall müssen sie ein Geschäft Geschäft sein lassen, wenn es den eigenen Maßstäben an den Return on Investment nicht mehr entspricht.

Verwaltungsmonster REACH?

Ein weiteres Thema, das derzeit Distributoren und speziell den FBDi sowie seine Arbeitskreise beschäftigt, ist die EU-Chemikalienverordnung REACH. Das EuGH-Urteil über die Gültigkeit von REACH auf Komponentenebene und die Aktionen der EChA in Helsinki scheinen die Verordnung sukzessive zu einem Verwaltungsmonster werden zu lassen. Die Elektronikindustrie ist dabei – anders als bei den RoHS-Richtlinien zur Verwendung gefährlicher Stoffe – quasi ein Kollateralschaden. REACH war eigentlich für Großverbraucher von chemischen Erzeugnissen gedacht. Dennoch haben wir aufgrund der Artenvielfalt in der Komponentenindustrie den größten Aufwand. Der Handel wird so absehbar auf ein ausgewachsenes Datenmanagement-Problem zusteuern und eine ewige Suche nach den vollständen Informationen. Lösen lässt sich dieses Dilemma wohl nur vom Hersteller.