BMK

Stephan Baur vom Elektronikfertiger BMK will Transparenz in den Fertigungsprozess bringen. (Bild: BMK)

Im nächsten Jahr wird BMK 25 Jahre alt. Welche Entwicklung hat das Unternehmen in dieser Zeit durchlaufen?

Als wir vor 25 Jahren angefangen haben, gab es noch den Ausdruck „verlängerte Werkbank“ oder „Bestücker“. Gefragt waren relativ simple Dienstleistungen. OEMs waren froh, wenn sie eine Firma kannten, die eine Baugruppe bestücken konnte und die Qualität gepasst hat. Gearbeitet wurde in der Regel mit beigestelltem Material. Das hat sich im Lauf der Zeit massiv geändert, die ganze Industrie der Elektronikfertigungs-Dienstleister oder auch kurz EMS hat enorm an Bedeutung gewonnen. Die milliardenschwere Branche hat sich über die Jahre sehr viele Dienstleistungen angeeignet, die viele Hersteller in der Form gar nicht mehr bewältigen wollen. Das Portfolio reicht über den gesamten Produkt-Lebenszyklus hinweg, also von der Entwicklung, Fertigung, Test, Montage, Verpackung, Lieferung an Endkunden und alles was mit After-Sales zu tun hat. Das ist echt enorm, vor allem weil jeder einzelne Bereich durchaus sehr komplex sein kann und damit ein relativ großer logistischer Aufwand einhergeht. Heute müssen wir selbst neben dem Material auch alle entsprechenden Systeme vorhalten und brauchen das Geld, um das zu finanzieren. Wir wurden vom Bestücker zum Komplettdienstleister.

Das beinhaltet auch die Industrialisierung von Produkten, die man als technische Leistung nicht unterschätzen darf. Hat der Kunde etwas entwickelt, kümmern wir uns um die gesamte Prozesstechnik, wobei oft komplexe Fertigungsprozesse aufzusetzen sind. Auch die Testentwicklung spielt eine immer größere Rolle. Wenn wir einen komplexen Funktionstest entwickeln, brauchen wir dafür das gleiche Know-how Level wie der Produktentwickler.

Wie machen sich die Konsolidierungsprozesse, die die Elektronikbranche prägen, bei Ihnen bemerkbar?

Wir wollen die Fertigung transparenter machen. Im Rahmen des Forschungsprojekts „TriP – Transparenz in der Produktion“ untersuchen wir gemeinsam mit der Hochschule Augsburg, der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer Instituts und mittelständischen Firmen Themen wie die Nutzung von Cloud-Computing aus Produktionssicht. Digitalisierung ist als Schlagwort omnipräsent, aber speziell in der Elektronikfertigung ist es gar nicht so einfach, die Daten zu erfassen und an die Maschinen heranzukommen. Diese sind oft nicht für das Internet der Dinge ausgelegt. Um an relevante Daten zu kommen, muss man sie teils nachträglich mit kleinen IoT-Modulen ergänzen. Dann stellt sich die Frage: Wohin speichert man das? Typischerweise in der Cloud. Welche Lösungen gibt es zum Analysieren dieser Daten? Was macht man eigentlich damit? Eventuell kann man, basierend auf diesen Daten, neue Geschäftsmodelle und Services entwickeln. Doch das steckt alles noch in den Kinderschuhen.

Welche konkreten Anwendungen kommen für BMK infrage?

Wir produzieren in der Woche ungefähr 100.000 Baugruppen aus einem breiten Spektrum mit unterschiedlichen Losgrößen. Dabei fällt aus Funktions-, In-Circuit- und Flying-Probe-Testern oder der Röntgeninspektion eine große Datenmenge an. Was wo passiert und welche Bauteile und Produkte auffällig sind, können wir heute schon gut austesten. Verknüpfungen lassen sich dagegen weniger gut darstellen. Gibt es zum Beispiel Korrelationen zwischen dem Raumklima in der Halle und irgendwelchen Testerdaten? Gibt es Korrelationen, wenn bestimmte Produkte auf bestimmten Linien gelaufen sind? Das zu ermitteln, wird in Zukunft durch Big-Data- und Cloud-Computing möglich sein. Big Data heißt ja nichts anderes, als eine große Menge Daten zu akkumulieren und intelligent zu analysieren. Man muss Sachverhalte zusammenbringen, in denen wir heute noch keine Abhängigkeiten sehen, weil wir nicht vermuten, dass es Abhängigkeiten gibt. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass man keine nicht existenten Zusammenhänge konstruiert.

 

Auf der nächsten Seite geht es um Fachkräfte und Start-up-Unternehmen.

Ist Fachkräftemangel ein Thema für BMK?

Das Thema ist ein Dauerbrenner. Heute kann man nicht mehr nur eine Anzeige schalten und dann purzeln die Top-Bewerber vom Himmel. Wer ernten will, muss sähen. Wir versuchen dafür zum einen Leute intern über ein breites Spektrum auszubilden. Das beginnt bei der Fachkraft für Lagerwirtschaft und hört bei dualen Studiengängen auf. Wir haben auch eine sogenannte BMK-Akademie, ein geregeltes System, in dem Mitarbeiter andere Mitarbeiter schulen. Die Idee entstand, als wir immer wieder Anfragen von außen hatten, die zum Beispiel „Könnt ihr uns nicht einmal Herr oder Frau X schicken, damit sie auf unserem Seminar zum Thema … ein Referat hält?“ Wir dachten uns, Warum das Wissen unserer Mitarbeiter nicht auch intern verwenden?

Das geht beim ERP-System los und hört auf bei „Wie funktioniert unsere Technik überhaupt?“ Da bringe auch ich persönlich mein Wissen ein. Dazwischen behandeln wir alles Mögliche – Bauteil-Schulungen, ESD bis hin zu Lean Production, 5-S-Methode und Vertriebsschulungen. Einige Schulungen sind Vorschrift für die Produktion, zum Beispiel zu ESD, Sicherheit und MSL. Die anderen Seminare sollen dazu einladen, einmal über den Tellerrand zu schauen. Mittlerweile holen wir auch externe Dozenten wie etwa englische Native Speaker in die Akademie.

Wie sprechen Sie potenzielle neue Mitarbeiter an?

Als Mittelständler hat man nicht die Aufmerksamkeit wie OEMs. BMW wird man sicher besser kennen als BMK. Um potenzielle Mitarbeiter früh auf uns aufmerksam zu machen, arbeiten wir mit Institutionen wie Universitäten und Hochschulen zusammen. Zum Beispiel halte ich an der Hochschule Augsburg einen Vorlesungsteil für Mechatroniker. Darin kann ich auch erklären, was unsere Firma so macht und damit unseren Bekanntheitsgrad steigern. Außerdem bieten wir Praktika und Werkstudententätigkeiten an.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Start-up-Unternehmen für Sie?

Wir haben letztes Jahr zwei Veranstaltungen zu diesem Fokusthema durchgeführt. In der Inhouse-Veranstaltung „Ramp me up – From idea to production“ haben wir im Frühjahr versucht, Start-ups und Entwicklern zu vermitteln, was es braucht, um von einer Idee zu einem Produkt zu kommen. Für die zweite Veranstaltung haben wir zusammen mit Texas Instruments einen Pitch ausgerufen, in dessen Rahmen sich die Start-up-Unternehmen präsentieren konnten. Eine Jury, in der auch unser Mitgründer Dieter Müller saß, hat drei viel versprechende Start-ups prämiert. Der Gewinn war ein sogenanntes Ramp-me-up-Kit, das beinhaltete, dass wir Start-ups bei der Realisierung ihrer ursprünglichen Idee, ihres USPs, unter die Arme greifen.

Allerdings ist die Start-up-Szene sehr heterogen. Manche bauen ein Power-Point-Modell und verkaufen auf dieser Basis ihre Firma. Das ist nichts für uns. Wenn ein Start-up dagegen ernsthaft versucht, seine eigene Idee auf den Markt zu bringen und sich als Firma zu etablieren, ist eine Zusammenarbeit deutlich interessanter für uns. Hier können wir Start-ups zum Beispiel helfen, den Markteintritt zu beschleunigen. In der Phase der Überleitung kommt es schließlich auf Tempo an. Start-up-Firmen haben oft wenig finanzielle Mittel, hier ist Zeit sprichwörtlich Geld. Wenn innovative Start-ups und eine gut organisierte Firma wie BMK zusammenarbeiten, dann profitieren beide Partner enorm davon.

Therese Meitinger

Therese Meitinger
ist Redakteurin bei den Hüthig Elektronik-Medien

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